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Sitzen verboten: Leerer Platz im Stadion von Newcastle United.

Weiter Geisterspiele in England

Premier League geht auf die Barrikaden

  • vonHendrik Buchheister
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Massive Kritik an Regierungsentscheidung, dass Fußballspiele bis auf weiteres ohne Zuschauer stattfinden müssen.

Auch in diesen turbulenten Zeiten stellt die Premier League Bestmarken auf. Am vergangenen Wochenende fielen in Englands Eliteliga 44 Tore, das ist Rekord für einen Spieltag mit zehn Begegnungen. Die Fachwelt rätselt über die Gründe für die Flut an Treffern. Als mögliche Erklärungen angeführt werden die kurze Saisonvorbereitung, die gute Form der Stürmer, der angriffslustige Aufsteiger Leeds United oder die Abwesenheit von Zuschauern, die dazu führen würde, dass die Teams sorgloser und mit mehr Mut zum Risiko operierten.

Am letztgenannten Umstand wird sich so schnell nichts ändern. Während auf dem Kontinent nach und nach wieder Fans durch die Stadiontore gelassen werden, sind derartige Pläne in England vom Tisch. Angesichts steigender Infektionszahlen im Land mit den meisten Coronatoten Europas, lokaler Lockdown-Maßnahmen in vielen Ballungsräumen und neuer nationaler Restriktionen erteilte Boris Johnson auch der ab Oktober geplanten Rückkehr von Zuschauern eine Absage. Einen verbindlichen neuen Termin gibt es nicht, allerdings, so deutete es der Premierminister an, dürfte es wohl bis Ende März dauern, ehe Profisport in England wieder vor Publikum stattfindet.

Pubs haben weiter auf

Das ist ein schwerer Schlag für Sportarten wie Rugby oder den Pferdesport, und auch die Premier League geht auf die Barrikaden. Man sei „enttäuscht, dass die sichere Rückkehr von Fans zu Spielen aufgeschoben wurde“, teilte die Liga mit und wies darauf hin, dass Menschen in Stadien unter Hygieneauflagen sicherer seien „als bei jeder anderen öffentlichen Aktivität, die im Moment erlaubt ist“. Englands Profiliga ist überzeugt, dass sie die Rückkehr von Publikum hätte bewerkstelligen können, und fühlt sich benachteiligt, zum Beispiel gegenüber dem Gastronomiesektor. Restaurants und die in England heiligen Pubs dürfen auch unter den verschärften Auflagen weiterhin geöffnet haben, müssen aber dezent früher schließen als gewohnt.

Nach Angaben der Liga verliert der englische Fußball aktuell mehr als 100 Millionen Pfund (umgerechnet 109 Millionen Euro) im Monat, schon in der vergangenen Saison seien die Einnahmen um 700 Millionen Pfund (ca. 762 Millionen Euro) zurückgegangen, doch mit allzu viel Mitleid aus der Öffentlichkeit darf die Premier League nicht rechnen. Transferausgaben von mehr als einer Milliarde Euro in dieser Saison deuten nicht darauf hin, dass die Armut um sich greift im englischen Oberhaus - auch wenn die Investitionen niedriger sind als in der Vorsaison. Durch einen TV-Vertrag, der den Klubs pro Spielzeit insgesamt drei Milliarden Pfund bringt, sind die Vereine zudem vergleichsweise wenig abhängig von Zuschauereinnahmen. Angeblich soll der englische Profifußball deshalb sogar von einem Hilfsprogramm der Regierung für verschiedene Sportarten ausgenommen werden.

Druck von unten wächst

Stattdessen wächst wie schon zu Beginn der Pandemie der Druck auf die Liga, sich solidarisch zu zeigen und Vereine weiter unten in der Nahrungskette vor dem Ruin zu retten. So fordert die English Football League, die für die Spielklassen zwei bis vier zuständig ist, angeblich ein Hilfspaket über 200 Millionen Pfund (umgerechnet rund 218 Millionen Euro) von der Premier League. Das ist in etwa die Summe, die Transfermeister FC Chelsea in dieser Saison in neues Personal investiert hat. In England wird debattiert, wie solche Ausgaben inmitten der Coronakrise möglich sind. Am prominentesten äußerte sich Jürgen Klopp kritisch zu den Shoppingtouren von Chelsea und Manchester City, während allerdings auch sein FC Liverpool knapp 90 Millionen Euro in neue Spieler steckte.

Chelsea-Trainer Frank Lampard weiß, dass sein Klub unter Beobachtung steht und schlägt dementsprechend solidarische Töne an. Es sei wichtig, dass die Premier League die unteren Ligen und den Amateurfußball unterstütze, sagte der Ex-Profi: „Denn sie sind die Basis von uns allem.“ Das klingt gut und dürfte Lampards Position als Liebling der englischen Presse weiter stärken – mehrheitsfähig in der Premier League ist diese Meinung wohl aber nicht. Insbesondere nach der Absage der Zuschauerrückkehr.

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