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Da hüpfen sie, Timo Werner und Marco Reus: Jede Übung wird detailliert vorbereitet und überwacht.

Nationalmannschaft

Positionskämpfe in der blauen Lagune

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Die besten deutschen Fußballspieler auf der Suche nach einer neuen Struktur und veränderten Spielweise.

In Venlo mit seinen rund 100.000 Einwohnern wechseln sich schöne Ecken, an denen sich bestens verweilen lässt, mit einer an grober Ignoranz schwerlich zu überbietenden Architektur ab, die den schlimmsten Irrtümern der glücklicherweise verblichenen DDR verdächtig nahekommt. So ein bisschen passt dieses von Brüchen geprägte Bild auch auf die Fußballmannschaft aus dem Nachbarland, die für fünf Tage ein Trainingscamp am Stadtrand aufgemacht hat. Diesen Sommer sind zur Abwechslung nicht nur ein paar Spieler mit einigen Wehwehchen absent (Toni Kroos, Marc-André ter Stegen, Bernd Leno), sondern auch der verletzt verhinderte Cheftrainer. Die noch immer stattliche Anzahl der übriggebliebenen Kameraden hat kaum einen Blick für die träge dahinfließende Maas, den Fluss der Grenzstadt, oder die schmucke Innenstadt mit ihrer lebendigen Caféhauskultur.

Denn neben der in die Jahre gekommenen Arena des ortsansässigen VVV Venlo hat der gewöhnliche Fußballtrainer Marcus Sorg in Abwesenheit des Vorgesetzten die vermeintlich Besten der Bundesrepublik zu einem abgedimmten Trainingsprogramm um sich geschart. Niemand soll nach zwei Wochen Urlaub überfordert werden, Sorg spricht einfühlsam von einem „weichen Einstieg“. Die Rücksichtnahme kennt aber auch Grenzen,

Joachim Löws Stellvertreter weiß natürlich, dass die Spieler durchweg lieber im Süden Urlaub machen würden, als sich an der deutsch-niederländischen Grenze ein, zwei oder gar drei Wochen nach ihrem individuellen Saisonende im Klub noch auf zwei potenziell wenig anspruchsvolle EM-Qualifikationsspiele vorbereiten zu müssen. Er hat gleichwohl seine grundsätzliche Erwartungshaltung formuliert: „Das Anforderungsprofil an Nationalspieler ist, dass sie in der Lage sind, sich nach einem kurzen Urlaub sehr schnell wieder hochfahren, motivieren und konzentrieren zu können.“ Schließlich fände alle zwei Jahre im Sommer ein bedeutendes Turnier statt, bei dem eben dieses Profil abgerufen werden müsse. Jahrzehntelang glaubte man, deutsche Nationalspieler könnten das besser als andere. Auch vergangenen Sommer war Löw wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass es wieder so sein würde. Er wurde eines schlechteren belehrt.

Für den Sommer 2019 gibt es zwei Ziele: Im operativen Geschäft sollen in der EM-Qualifikation in Weißrussland und gegen Estland am Samstag und Dienstag sechs Punkte aufs Konto geschaufelt werden. Perspektivisch soll der deutsche Fußball wieder eine Größe werden, an der sich andere orientieren. „Unsere Spielkonzeption weiter optimieren“, nennt das Sorg etwas sperrig. Zu viel war fundamental schiefgelaufen in Sachen Spielkonzeption vor einem Jahr bei der WM in Russland, als dass das Umdenken an ein paar berühmten Personalien schon halt machen könnte. In Venlo sieht es so aus, als begäben sich die Fußballstars zurück zu den Wurzeln, auch wenn das vermutlich eher unfreiwillig geschehen sein dürfte, denn der DFB trachtet bekanntermaßen nach Perfektionismus. Am Trainingsplatz darben Gartengeräte in einer heruntergekommenen Garage neben zwei gammligen Containern. So ähnlich könnte es auch auf einem Dorfsportplatz irgendwo in Deutschland aussehen.

Löw aus Klinik entlassen

Die Trainingseinheiten finden im ganz Geheimen statt, die Kameramänner werden gar nicht zugelassen oder nach einer Viertelstunde des Aufwärmens freundlich fortgeschickt. Niemand soll wissen, was sich die Herren Löw, Sorg und Andreas Köpke in ihrer mehrstündigen Besprechung vorm Pokalfinale in Berlin alles ausgedacht haben. „Wir bereiten jeden Lehrgang bis ins Detail vor“, berichtet Sorg, Zeit genug bleibt in den Pausen zwischen den Länderspielen ausreichend.

Zudem gibt es in den sonnigen und warmen Tagen von Venlo ein begleitendes Rahmenprogramm zum Teambuilding, am Montag fanden Wasserwettkämpfe auf dem Badesee „Blaue Lagune“ statt. Das erscheint allen Beteiligten unbedingt angeraten in einer neuen, noch längst nicht vollends ausgeprägten Hierarchie ohne die vormaligen Platzhirsche Thomas Müller, Jerome Boateng, Mats Hummels und Sami Khedira, die vor einem Jahr um diese Zeit im Trainingslager in Südtirol unangefochten dabei waren, den Ton angegeben haben und alle zum Mannschaftsrat gehörten. „Den gibt es momentan nicht offiziell“, erläuterte Kapitän Manuel Neuer gestern: „Es ist jetzt so, dass wir uns in positionsgebundenen Runden treffen, um über Abläufe in sportlichen Dingen zu reden.“ Der fehlende Mannschaftsrat sei sicher auch Ausdruck der derzeitigen Umbruchphase, räumt Neuer ein. Vieles muss sich noch finden. „Ich bin jetzt der alte Hase“, sagt der Kapitän, „es ist auch für mich anders. Man merkt die Positionskämpfe und wer Verantwortung übernehmen möchte.“

Auf einer höheren Ebene übriggeblieben sind der einen eher zurückhaltenden Führungsstil prägende Neuer, der ehrgeizige und aufstrebende Joshua Kimmich, der derzeit abwesende und ohnehin meist sein eigenes Ding verfolgende Toni Kroos, der vor einem Jahr infolge der Erdogan-Affäre noch indisponierte, intelligente Ilkay Gündogan, Rückkehrer Marco Reus sowie Julian Draxler und Leon Goretzka, der beste Mann beim Confed-Cup 2017. Schon die Aufzählung dieser Namen zeigt, dass einiges in Bewegung geraten ist. Genauso will es der Bundestrainer.

Die meiste Bewegung erwarten er aber auf dem Spielfeld. Löw haben die Halbfinals der Champions League beeindruckt: „Ob Ajax, Tottenham, Barcelona oder Liverpool: Das sind alles Mannschaften, die eine Spielkultur und eine Idee nach vorn haben. Das ist die Basis, um international auf höchstem Niveau agieren zu können. Es geht darum, Räume freizumachen und zu nutzen. Es geht darum, gewinnen zu wollen durch eine Spielweise, die das auch hergibt“, sagte er dem „Kicker“, ehe er sich wegen der anhaltenden Schmerzen in die Freiburger Klinik begab, aus der er inzwischen entlassen werden konnte, sich aber noch schonen soll.

Löw sagt, „Kimmich, Gnabry, Goretzka, Brandt, Havertz, Tah, Klostermann und Eggestein“ hätten „sich allesamt gut entwickelt und Fortschritte gemacht, auch auf internationaler Ebene“. Sieben junge Männer aus dem A-Kader könnten gar noch an der bevorstehenden U21-EM teilnehmen, zu der aber lediglich Tah und Klostermann anreisen werden. Alle anderen dürfen nach dem Spiel am Dienstag in Mainz gegen Estland Urlaub machen.

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