+
Spaß bei der Arbeit: Die ÖFB-Frauen nach dem Viertelfinal-Sieg.

Fußball-EM 2017

Polonaise in Tilburg

  • schließen

Österreich versteht sich bei der EM auf den Spagat zwischen Anspannung und Lockerheit.

Vielleicht darf eine Torfrau nicht zu viel nachdenken. Und tut einfach, was sie für richtig hält. Manuela Zinsberger, die Nummer eins der österreichischen Frauen-Nationalmannschaft, ist definitiv solch eine Type. Ein schräger Vogel unter der Latte wie es früher beim deutschen Team Nadine Angerer war. Als kürzlich die Uefa mit einem Kamerateam im Teamquartier in der niederländischen Gemeinde Wageningen anrückte, um einen Spaß-Wettbewerb abzudrehen, moderierte die Torhüterin kurzerhand auf Englisch die Gaudi-Veranstaltung, die daraus bestand, den Ball von der Strafraumlinie gegen die Latte zu schießen. Ihre Mitspielerinnen schnappten sich Pylonen aus Plastik, um die entsprechende Phonstärke aufzubringen.

Der Videoclip über die „Crossbar Challenge Austria“ wurde allein bei Facebook mehr als 1,2 Millionen Mal geklickt. „Spannung und Konzentration, Spaß und Lockerheit – es braucht die richtige Balance. Wir versuchen einfach, wir selbst zu bleiben“, erklärt die 21-Jährige das Erfolgsgeheimnis beim Überraschungsteam dieser Frauen-EM. Und „Zinsi“ aus Stockerau in Niederösterreich, 34 Länderspiele, seit 2014 beim FC Bayern München unter Vertrag, ist die (mental) stärkste Torfrau eines Turnier, in dem kaum eine Torhüterin überzeugen konnte.

Crossbar-Challenge ?? @oefb1904 @nina_burger19 #WEURO2017 #AUTESP pic.twitter.com/daWMgvs3SK

— UEFA.com deutsch (@UEFAcom_de)

30. Juli 2017

Einmal, beim 1:1 gegen Frankreich, hat auch sie eine Ecke verpasst, und Amandine Henry wuchtete den Ball per Kopf über die Linie. Aber danach hielt die 1,77 Meter große Hauptdarstellerin wieder so tadellos wie vorher. Sicher in den Grundtechniken, stark im Mitspielen, teils spektakulär auf der Linie. Ihr gelang im Elfmeterschießen gegen Spanien (5:3) die entscheidende Parade, sodass es nun im Halbfinale gegen Deutschland-Bezwinger Dänemark (Donnerstag 18 Uhr) geht. 

„Arschloch-Aggressivität“ macht Österreich stark

In der Heimat könnten beim ORF sogar mehr Landsleute einschalten als im Vorjahr beim EM-Gruppenspiel der Männer gegen Island (1,68 Millionen). „Wir wissen um unsere Rolle“, sagt Zinsberger. Mit ihrer schwarzen Brille, die sie nach den Matches wieder anstelle der Kontaktlinsen als Sehhilfe benutzt, schaut sie dann bewusst bodenständig. 

Derlei Rollenspiele gelingen im ganzen Tross von Team Austria. Sie zogen vor vier Tagen in Tilburg mit einer Polonaise durch die Gänge, grölten Songs wie „Johnny Däpp“ oder „Holland ist nur einmal im Jahr“, und gleichzeitig trug eine unscheinbare Frau Pappschilder heraus. Auf dem einen stand „Verantwortung“, auf dem anderen „Arschloch-Aggressivität“. Die Motivationssprüchlein stammten von Mirjam Wolf. Nationaltrainer Dominik Thalhammer macht gar keinen Hehl daraus, dass die Mentaltrainerin seine wichtigste Helferin ist. Schließlich hat er sie bereits vor sechs Jahren selbst zu den ÖFB-Frauen geholt.

Die Sportpsychologin hat mitgeholfen, die jahrzehntelang zementierten Machtverhältnisse des Frauenfußballs aufzubrechen. „Wir betonen mit mentalen Komponenten die individuellen Stärken“, erzählt sie, deren Gemeinschaftssitzungen zwar freiwillig sind, aber niemand fehlt dabei. Es geht um Visualisierungen, Knotenpunkte und Handlungspläne. „Ein dauerndes Beobachten, Analysieren, Reflektieren und Setzen entsprechender Schritte.“ Teilweise wird dieser Tage nur Altbekanntes aufgefrischt. 

„So etwas greift nicht von einem Moment auf den anderen“, verdeutlicht die Tirolerin, die auch mit anderen Spitzensportlern Österreichs – aus dem Sportschießen, Wintersport, Wettklettern, Judo oder Kick-Boxen – zusammenarbeitet. „Eine Feuerwehrfunktion könnte ich nicht wahrnehmen.“ Für sie kommen Frauen in Mannschaftssportarten eher infrage als Männer, denn: „Sportlerinnen legen mehr Wert auf emotionale Verbindung.“ 

Österreicherinnen wirken extrem fokussiert

Wichtig sei es, dass die Spielerinnen „die Werkzeuge im Kopf haben.“ Tatsächlich wirkt das österreichische Ensemble zwar einerseits besonders relaxt, wenn es Freizeit hat, aber extrem fokussiert, wenn der Wettbewerb ansteht. Siegessicherheit und Selbstvertrauen streifen die Grenze zur Arroganz. Wäre die Mia-san-Mia-Mentalität nicht geschütztes Markeneigentum des FC Bayern, könnte der österreichische Frauenfußball glatt ein Patent anmelden.

Und warum soll denn die österreichische Märchengeschichte heute in Breda enden? Erst kürzlich hat Österreich in der Wiener Neustadt ein Testspiel gegen Dänemark mit 4:2 gewonnen, und der dänische Trainer Nils Nielsen konstatierte, man hätte sich auch zehn Gegentreffer einfangen können. Manuela Zinsberger kann sich gut erinnern, weshalb sie keck verlautbart hat: „Finale kommt nach Halbfinale!“ Vorher würde natürlich noch eine Party mit neuen Melodien steigen. Österreichs Vorturnerin und Vorsängerin fiele schon was ein. Ohne groß nachzudenken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion