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Will bei der EM nicht nur eine Nebenrolle spielen: Lukas Podolski.

Lukas Podolski bei der EM

Podolski wehrt sich

Lukas Podolski widerspricht vehement den Vorwürfen, er sei für die Nationalmannschaft bloß noch ein Maskottchen ohne Mehrwert.

Von Jan Christian Müller

Bastian Schweinsteiger meldet sich gesund fürs Mannschaftstraining und sieht dabei aus der Ferne ein wenig füllig aus, was aber auch täuschen mag. Mats Hummels läuft mit dem Physio im Kreis herum, eher im Zuckeltrab, aber immerhin schon mehr als Aquajogging. Und Lukas Podolski ist zurück. Volle Pulle, er kann gar kein Ende finden. „Ich bin topfit.“ Als die anderen schon fast alle weg sind, wirft er sich noch in Flanken und rammt den Ball ins Netz. Per Kopf. Wie kürzlich im Pokalfinale zum Sieg für Galatasaray.

„Die gute Luft in der Türkei, das gute Essen – bei mir sind noch mal ganz neue Stärken hinzugekommen. Ich bin jetzt auch gut im Kopfball, nur mein rechter Fuß klappt noch nicht so.“ Der Poldi ist gut drauf, jeder kann das sehen, aber er ist auch verärgert. Man wird das später hören. 

„Wie konnte es soweit kommen?“

Samstag, wenn Deutschland den letzten EM-Test gegen Ungarn spielt, wird er 31 Jahre alt. Es wird sein 128. Länderspiel binnen zwölf Jahren,  mehr haben nur Lothar Matthäus und Miroslav Klose. „Wie konnte es soweit kommen?“ hat sich neulich erst der Fußballphilosoph Wolfram Eilenberger in einem leidenschaftlich debattierten Beitrag für die „Zeit“ gefragt. Und die Erklärung gleich nachgereicht: Die Marketingmechanismen seien „im Zuge der Beckham-Revolution ab 2004 bereits so weit fortgeschritten, dass sie ganze Karrieren gegen die faktische Platzleistung zu immunisieren“. Podolski sei nicht mehr als der „absurde Liebling des karnevalslüsternen Stehplatzspontis“. Ergo: „Trifft er dann alle zehn Jubelspiele tatsächlich einmal mit seiner linken Todesklebe, wird Narrentag gefeiert.“ Als EM-Kadermitglied 2016 könnte man den guten Poldi allenfalls noch als „Teammaskottchen“ bezeichnen. Ein Job, den auch „Barbara Schöneberger oder Michael Mittermeier“ erledigen könnten, jedoch: „Beide sind bislang ohne Länderspiel.“

Lukas Podolski hat sich am Mittwoch im überhitzten Medienzelt die meiste Zeit wie ein lustiger, listiger Kobold gegeben. Er hat witzig formuliert. Er sagte zum Beispiel: „Mein Ziel ist Europameister. Dafür werde ich alles geben. Im Spiel, im Training, auf den Pressekonferenzen, überall.“ Er hat beteuert, mit der Liebe zum Fußball sei „wie mit der Liebe zur Frau und zu Familie – die ist immer da“. Und er hat berichtet, dass er „sofort den Abflug machen“ würde, wenn seine hochschwangere Gattin sich mit der Ankunft des  zweiten Kindes aus Köln meldet.

Ein paar Familien aus Deutschland, die bei einem Preisausschreiben gewonnen haben, durften Podolski zuhören. Sie haben viel gelacht. Und sie dürften gespürt haben, was es für eine Mannschaft ausmachen kann, einen Kerl wie ihn dabei zu haben, auch wenn der nicht mehr gut genug sein sollte für die erste Elf und vielleicht noch nicht mal mehr als Joker. „Der Poldi“, sagen sie in der DFB-Pressestelle, „kommt manchmal einfach zu uns und quatscht“. Das machen die anderen Spieler selten oder nie.

Als Deutschland 2014 Weltmeister geworden war, wo Lukas Podolski in den Entscheidungsspielen nicht mehr auf dem Feld gebraucht wurde, ist er auf dem Rückflug mit der WM-Trophäe auch nach hinten auf die billigen Plätze gekommen. Als Einziger und breit lächelnd wie ein ausgewachsenes Honigkuchenpferd. Es sind die kleinen Geschichten, die Menschen glücklich machen können. Lukas Podolski ist ein Glücklichmacher.

Aber so ein Glücklichmacher darf natürlich nicht nur ein Witzbold mit X-Beinen und dickem Hintern sein. Er muss auch kicken können. Deshalb verbieten sich Vergleiche mit Frau Schöneberger und Herrn Mittermeier.  Das, was Podolski kann, reicht, um das Trainingsniveau hoch zu halten und die Stimmung über sechs, sieben Wochen gleich mit. Joachim Löw, der Bundestrainer, hat Recht, wenn er diese Aspekte mit berücksichtigt. Er hat 2012 bei der EM sehr schlechte Erfahrungen gemacht mit nörgelnden Jungs auf der Ersatzbank: Götze, Reus, Kroos. So was kann alle mit runterreißen.

Lukas Podolski wird niemals nörgeln, nicht nach innen jedenfalls. Nach außen natürlich schon. Die Einlassungen von Philosoph Eilenberger, besonders die Bezeichnung „Teammaskottchen“ hat er als „respektlos“ und „unverschämt“ bezeichnet und hinzugefügt, das habe er „nicht verdient“. Dabei hat er sehr ernst geguckt und auf seine gute Saison bei Galatasaray Istanbul hingewiesen: 43 Spiele, 17 Tore, zehn Vorlagen. Die Bilanz eines Leistungsträgers, der er in der Nationalmannschaft schon lange nicht mehr ist. In den letzten zehn Länderspielen im Schnitt nur zwölfeinhalb Minuten. Die Statistik eines Auslaufmodells. Aber Statistiken können lügen.  

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