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Gemeinsame Freude: Timo Werner (links) bedankt sich bei Karim Adeyemi und Thomas Müller.
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Gemeinsame Freude: Timo Werner (links) bedankt sich bei Karim Adeyemi und Thomas Müller.

Die Qualifikation für die WM 2022 in Katar ist geschafft

Piranhas im Jungbrunnen

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat ihren Hunger wiederentdeckt und kombiniert gute Qualität mit noch viel mehr Willenskraft

Es war spät geworden im Bauch des nordmazedonischen Nationalstadions von Skopje. Und es wurde dann noch ein wenig später, weil das Reinigungskommando der Gastgeber es im kargen Pressekonferenzsaal sehr genau nahm. Nach den umfangreich übersetzten Ausführungen des heimischen Trainers nach dem 0:4 (0:0) gegen Deutschland wurde das Podium mit einer Dunstwolke aus Desinfektionsmitteln behandelt, wie man sie sonst nur aus Flugzeugen mit Pestiziden bei Heuschreckenplagen über Weizenfeldern verspritzt sieht. Bis die fleißigen Putzkräfte dann die feuchten Duschen von Stühlen und Tisch trocken gewischt hatten, dauerte es noch ein paar Minuten länger.

Danach war des Bundestrainers schon zuvor im RTL-Gespräch mit dem redseligen Lothar Matthäus erkennbare Unlust, über seinen wiederauferstandenen Nationalstürmer Timo Werner zu sprechen, noch größer. Der erkältete Hansi Flick beantwortete die drängenden Fragen mit rauer Stimme und wies immer wieder auf die Teamleistung hin. Die wollte er nicht allzu sehr mit individuellem Lob - weder für den Doppeltorschützen Werner noch für den zweifachen Vorlagengeber Thomas Müller - überdecken.

Flick sah so gar nicht wie ein Siegertrainer aus, der gerade eine WM-Qualifikation eingetütet hatte. Und auch nicht wie ein fröhlicher Fußballlehrer, der eine Mannschaft, die noch im Juni am Boden klebte wie ein altes Kaugummi, wieder gut in Schwung gebracht hat.

Vielleicht ist diese zurückgenommene Art des Erfolgsmanagements klug. Es ist noch nicht der ganz große Weltfußball, den seine Männer produzieren, aber es sind ein paar zuvor verschütt gegangene urdeutsche Tugenden, die wieder ausgegraben worden, „Ich weiß auf jeden Fall, dass mit dieser Mentalität ist einiges machbar ist“, sagte Flick. Nach zwei spärlichen ersten Hälften gegen Rumänien (0:1 zur Pause) und nun Nordmazedonien (0:0) hatte seine Truppe sich auch ihrer Willensstärke bedient, um Siege einzufahren.

Aber Flick war es in seinen dürren Ausführungen auch ein Anliegen, nicht nur die mentale Kraft herauszustellen. Ergo: „Wenn man unsere Spieler anschaut, wo sie spielen, muss man einfach sagen: Sie haben auch die Qualität, gegen Italien, Spanien, Frankreich, Belgien zu bestehen. Ich bin da sehr zuversichtlich.“

Zu dieser Zuversicht hat im Regen von Skopje auch Timo Werner einen fundierten Beitrag geleistet. Damit war nach dem unsteten Saisonauftakt mit dem FC Chelsea und einem unsichtbaren Auftritt gegen Rumänien am vergangenen Freitag in Hamburg nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Flick reagierte mit einer Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche, Werner konterte non-verbal mit zwei blitzsauberen Treffern zum 2:0 und 3:0.

Die Unsicherheit nach all der Kritik war dem 25-Jährigen bis dahin fast bemitleidenswert deutlich anzumerken gewesen. Lange war ihm nicht viel gelungen, zu oft hatte er Bälle mit dem Rücken zum Tor annehmen müssen, was gewiss nicht zu seinen Stärken gehört. Werner benötigt grünes Feld vor sich, nicht hinter sich.

Beide Treffer erzielte er dann mit sauberer Schusstechnik. Die sensible Seele hatte damit auch den Kampf gegen seine eigene Unsicherheit gewonnen. Der Verlust des Stammplatzes in London unter Thomas Tuchel nach der Verpflichtung des belgischen Vollblutstürmers Romelu Lukaku hat Wunden gerissen. Am Montagabend nach getaner Arbeit sagte Werner ehrlich, dass er besonders abhängig von der Unterstützung des Bundestrainers sei. „Ich glaube, gerade ich als Stürmer und doppelt ich, brauche dieses Vertrauen von außen, und das gibt er mir zu hundert Prozent.“ Im Gegenzug bekam Flick fünf Werner-Tore in fünf Spielen gegen allerdings kleinere Kontrahenten. Aber Werner hat in seiner wechselvollen DFB-Karriere auch schon gegen Großkaliber wie Spanien, die Niederlande und Frankreich für Deutschland getroffen.

Der weitere Weg nach Katar ist nun zwar planiert, Anlass zu Überschwang ist aber nicht gegeben, findet Leon Goretzka. „Wir sollten wahrlich kleine Brötchen backen. Es gibt viele Dinge, die wir besser machen müssen, um in die Weltspitze zu kommen.“ Das hört sich verdächtig nach einer klugen Rhetorik an für eine Mannschaft, die von einem unverbrauchten Bundestrainer neuen Schub erhalten hat und am Montag auch von Thomas Müllers Geistesblitzen profitierte. Geistesblitze, die der Münchner lange vor seiner Ausbootung von Löw und auch danach unter dem Ex-Bundestrainer schuldig geblieben war. In Flicks imaginärem Jungbrunnen scheinen sie sich alle miteinander wieder so wohl zu fühlen wie Piranhas im Amazonas.

Manager Oliver Bierhoff wird sich mit Organisationschef Thomas Beheshti nun daran machen, die Abschiedsfeierlichkeiten für Joachim Löw fürs nächste Länderspiel am 11. November gegen Liechtenstein im dann hoffentlich unvernebelten Wolfsburg zu planen. Parallel dazu kann der DFB frühzeitig den Trip in die katarische Hauptstadt Doha vorbereiten. Stadien und Hotels sind fast allesamt zwar nicht fußläufig, so aber doch binnen weniger als einer Fahrstunde erreichbar. „Wir werden die Planungen bis Februar konkret angehen“, sagte Bierhoff am Dienstagmorgen. Den ganz großen Druck ist auch der DFB-Direktor erst einmal los. Mit der Verpflichtung von Flick hat er nach geraumer Zeit mal wieder eine unbestritten richtige Entscheidung getroffen.

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