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Pikante Rollenverteilung im DFB-Tor

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Von: Frank Hellmann

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Die Nummer 1 im DFB-Tor: Merle Frohms.
Die Nummer 1 im DFB-Tor: Merle Frohms. © IMAGO/MIS

Eigentlich ist die Hierarchie unter den deutschen Torhüterinnen geklärt: Merle Frohms ist vor Almuth Schult und Ann-Katrin Berger die Nummer eins. Doch die Konstellation ist für die Europameisterschaft in England nicht ohne Brisanz.

Kurz vor Ende des letzten Trainingslagers in Herzogenaurach hat die deutsche Frauen-Nationalmannschaft am Montag noch ein öffentliches Training veranstaltet. Zuvor ist bei den DFB-Frauen sehr akribisch darauf geachtet worden, dass niemand beobachtet, was sich die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wieder an gemeinen Übungen ausgedacht hat – auch Medienvertreter durften maximal eine Viertelstunde zusehen. Oft wollten aber ohnehin nicht mal eine Handvoll im Adi-Dassler-Stadion dabei sein. Bei allen Einheiten waren die Torhüterinnen Merle Frohms, Almuth Schult und Ann-Katrin Berger unschwer zu identifizieren. Denn sie tragen stets nicht die mintgrünen Shirts, sondern grasgrüne. Beobachter könnten fast auf die Idee kommen, dahinter verberge sich eine Tarnfarbe. Dabei haben die Frauen genau wie die Männer auf dieser Position ein Luxusproblem.

Frohms hat gut gehalten

Frohms hat entscheidend dazu beigetragen, dass Eintracht Frankfurt in der Bundesliga noch auf den dritten Champions-League-Platz gesprungen ist. Überdies ist sie der Nationalmannschaft seit dem Spätsommer 2019 ein sicherer Rückhalt, strahlte bei der EM-Generalprobe gegen die Schweiz (7:0) wieder viel Ruhe aus. Die 27-Jährige ist die Nummer eins. Auch wenn sie erst 27 Länderspiele gemacht hat, vertrauen ihr die Mitspielerinnen. Wie selbstverständlich hat Kapitänin Alexandra Popp kürzlich den Namen Merle Frohms als Erstes genannt, als es um die Achse für die Frauen-EM 2022 in England (6. Juli bis 31. Juli) ging.

Almuth Schult hat beim VfL Wolfsburg mitgeholfen, wieder das Double an den Mittellandkanal zu holen. Die 31-Jährige gefiel mit einer starken Rückrunde, die Kommandos der Zwillingsmama hallten wie in besten Zeiten über den ganzen Platz. Überdies verhinderte sie im Champions-League-Halbfinale beim FC Barcelona (1:5) mit Prachtparaden vor mehr als 90.000 Zuschauern eine höhere Pleite. Trotzdem ist die 64-fache Nationaltorhüterin und Olympiasiegerin 2016 nur die Nummer zwei.

Ann-Katrin Berger wiederum steht beim FC Chelsea zwischen den Pfosten, und das ist eigentlich Auszeichnung genug. Sie hat eine Krebserkrankung überstanden, hat also viel mitgemacht in ihrem Leben. Die innere Ruhe der 31-Jährigen ist bemerkenswert. Sie kennt sich in den englischen Stadien, aber vor allem in London bestens aus, wo der deutsche Tross ab Sonntag im Westen sein EM-Quartier bezieht. Eine bessere Nummer drei als die drei Mal im DFB-Team eingesetzte Berger kann es nicht geben.

Vertrauen der Trainerin

Die Torwartfrage hat die DFB-Frauen über die letzten Monate ständig begleitet. Proaktiv entledigte sich die Bundestrainerin Ende Mai bei der Kaderbekanntgabe dieses Problems, in dem sie Frohms zur klaren Nummer eins ernannte. „Das stärkt natürlich ungemein, wenn man einfach spürt, dass die Trainerin einem vertraut“, sagte Frohms danach. Schult hatte an der Rückversetzung zu knabbern. Ganz leicht angesäuert sagte sie beim Medientag: „Die Trainerin sieht es halt als ihre bestmögliche Lösung momentan.“ Sie hatte bis zuletzt noch auf eine Statusänderung gehofft. Schult ist nun einmal – auch durch ihre Tätigkeit als ARD-Expertin – die mit Abstand bekannteste deutsche Fußballerin. Sie kann fast zu jedem Thema erhellende Wortbeiträge einbringen. Frohms kann ihr in dieser Hinsicht nicht das Wasser reichen. Das muss sie auch nicht. Ohnehin kann von einem Streit zwischen den Pfosten keine Rede sein. Im Gegenteil: Aus gemeinsamen Wolfsburger Zeiten schätzen sich Frohms und Schult. Auch wenn sie völlig unterschiedliche Typen sind, haben sie sich privat oft unterstützt. Vor vier Jahren zog die der Reservistenrolle überdrüssige Frohms zum SC Freiburg, dann 2020 weiter nach Frankfurt.

Schult geht in die USA

Nun kehrt sie nach Wolfsburg zurück, weil Schult nach der EM in die USA zum Angel City FC wechselt. Sie will sich dort genau anschauen, wie die National Women’s Soccer League (NWSL) vermarktet wird. 16 000 Dauerkarten habe ihr neuer Verein übrigens verkauft. Die „teilweise sehr unprofessionellen Spielorte“ in der Frauen-Bundesliga jenseits von Wolfsburg, München oder Frankfurt werde sie nicht vermissen, sagte sie. Bei der EM muss sie nun vor ihrer US-Mission wieder die Reservistenrolle einnehmen.

Fakt ist, dass Deutschland für Titelgewinne immer schon tüchtige Torhüterinnen brauchte. Silke Rottenberg und Nadine Angerer haben mit ihrer Athletik und Aura bei den WM-Triumphen 2003 und 2007 weltweite Maßstäbe gesetzt. Diese Messlatte sollte niemand bei Frohms anlegen, aber bei nüchterner Betrachtung ist ihre Bevorzugung nachvollziehbar. Voss-Tecklenburg war sich mit dem zuletzt auch bei den Männern mitarbeitenden Torwarttrainer Michael Fuchs schnell einig.

Frauen-EM 2022: Spielplan, Gruppen und Ergebnisse im Überblick

Es ist menschlich verständlich, dass Schult sich nichts sehnlicher gewünscht hätte, als nach einer langen Verletzungs- und Babypause wieder im Rampenlicht zu stehen, nachdem sie bei der WM 2019 eine schlimme Schulterverletzung unterdrückt hatte. „Es war immer das Ziel, als Mama noch mal ein Länderspiel zu bestreiten. Das würde ich als sehr besonders empfinden.“ Pech, dass sie ihren zugesicherten 65. Einsatz im DFB-Dress im April beim WM-Qualifikationsspiel gegen Serbien (2:3) wegen Problemen an der Schulter absagen musste. Ihr letzter Einsatz für die Nationalmannschaft bleibt bislang das verlorene WM-Viertelfinale 2019 gegen Schweden. Nun fliegt sie drei Jahre danach mit einer pragmatischen Haltung nach England: „Man weiß nie, was während eines Turniers passiert. Ich gehe ins Turnier, um meinen bestmöglichen Beitrag im Mannschaftsgefüge zu leisten.“ Offen für jede Rolle.

Nummer 2: Almuth Schult.
Nummer 2: Almuth Schult. © imago images / ActionPictures
Nummer 3: Ann-Katrin Berger
Nummer 3: Ann-Katrin Berger © IMAGO/Beautiful Sports

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