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Mehr Künstler als Kämpfer: Nuri Sahin.

Werder Bremen

Pikante Personalie

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In Bremen lautet eine weitreichende Frage: Wohin mit Nuri Sahin?

Moin, von meiner Seite!“ Florian Kohfeldt ist halt in Bremen und Umgebung seit langem zu Hause, und so begann der Cheftrainer des SV Werder die Pressekonferenz mit der für Norddeutsche obligatorischen Begrüßung. Danach ist es vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg (Sonntag, 15.30 Uhr) vor allem darum gegangen, ob sich der 35-Jährige traut, für seinen Last-Minute-Neuzugang Nuri Sahin gleich die ganze Elf umzubauen. „Grundsätzlich ist Nuri ein Kandidat für die Startelf“, sagte Kohfeldt, „aber vom Potenzial fallen mir 14, 15 andere ein. Eher 17, 18.“

Dass der zuletzt bei Borussia Dortmund nicht mehr gebrauchte Deutsch-Türke eine andere Kategorie darstellt, machte Kohfeldt sodann deutlich: „Er hat eine Aura und ist eine Persönlichkeit. Er kommt in der Kabine gut an.“ Der nach 52 Länderspielen für die Türkei im November vergangenen Jahres aus der Nationalmannschaft zurückgetretene Mittelfeldspieler hat die Länderspielpause nicht nur genutzt, um eigene Ansprüche zu formulieren („ich möchte einen Stammplatz“), sondern sich auch als „reflektierender Typ, zurückhaltend im positiven Sinne“ (Kohfeldt) positioniert. Der SV Werder hat mit der Verpflichtung des 30-Jährigen Ambitionen untermauert, die bei den Hanseaten lange verpönt, weil kaum zu verwirklichen waren.

Prominente Härtefälle sind nun ausdrücklich gewünscht. Irgendwie ist nach Kohfeldts Lobesrede kaum vorstellbar, dass Sahin gegen den Aufsteiger aus dem Frankenland nicht gleich mitmacht. „Ihn zeichnet aus, dass er im Offensivspiel gezielt den Ball in die Tiefe bringt. Das ist eine Variante, die wir so nicht haben.“ Defizite im Zweikampf oder in der Dynamik umschiffte der Coach insofern geschickt, dass er dem bislang unumstrittenen Philipp Bargfrede bescheinigte, „über Intensität und Körpersprache“ zu kommen. Der klassische Sechser, der sich als Fleißarbeiter verdient macht.

Solch einen, im eigenen Verein ausgebildet, seit 14 Jahren unter Vertrag, nimmt ein Trainer eigentlich nicht gleich raus. Kohfeldt nennt die Auswahl einen „Luxus, ein schöner Luxus“. Gleichwohl: Es würde eine pikante Personalie, die dann Sprengstoff bürgt, wenn das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt wird. Im ersten Testspiel blieb der am letzten Tag der Transferperiode verpflichtete Sahin nämlich äußerst unauffällig. Da fremdelte einer noch in der grün-weißen Umgebung. Und fehlt ihm doch mehr von der alten Schaffenskraft?

Kaschierte Probleme

Wer Sahins Karriere verfolgt, der kommt um den Bruch nach der furiosen BVB-Meistersaison 2011 nicht umhin. Nach seinem Wechsel zu Real Madrid spielte er weder dort noch anschließend beim FC Liverpool eine tragende Rolle. Im Januar 2013 nahmen die Schwarz-Gelben den verlorenen Sohn wieder auf. Doch ab 2014 bremsten ihn lange Verletzungspausen aus. Der BVB verpflichtete in diesem Sommer zur Stabilisierung den Bremer Kämpfer Thomas Delaney. Schnell war klar, dass Sahin es bei den Westfalen sehr schwer haben würde.

Wird sein Engagement an der Weser wirklich zur Win-win-Situation für beide Seiten? Noch „besseren, schöneren und erfolgreichen Fußball“ will Kohfeldt anbieten, die vier Punkte aus den Spielen gegen Hannover 96 (1:1) und bei Eintracht Frankfurt (2:1) kaschierten, wie viele Probleme seine Elf zeitweise hatte. Wenn der Trainer jetzt sein 4-3-3-System oder sein Mittelfeld mit den eigentlich gesetzten Achtern – Rekordeinkauf Davy Klaassen und U21-Nationalspieler Maximilian Eggestein – auseinanderreißt, entbehrt das nicht ein gewisses Risiko. „Mir fällt es immer schwer, einem Spieler zu sagen, dass er nicht spielt“, erklärte Kohfeldt. „Da geht es aber immer nur um sportliche Erwägungen, keine persönlichen Verbindungen: Wie funktioniert die Gruppe am besten?“ Mit oder ohne Nuri Sahin?

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