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LGBTIQ-Aktivistin Pia Mann: „Nicht die Verantwortung auf schwule Fußballer verlagern“

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Von: Frank Hellmann

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LGBTIQ-Aktivistin Pia Mann über die Sorgen der queeren Community bei der WM in Katar, die Kritik an der Binde von Manuel Neuer und das Warten auf einen Thomas Hitzlsperger 2.0.

Frau Mann, reisen Sie selbst zur WM 2022 nach Katar?

Nein, ich bin auch bisher noch zu keiner Männer-WM gereist. Ich habe mir einzig bei der WM 2006 in Deutschland Spiele im Stadion angeschaut. Allerdings war ich bereits in Katar: 2017 sind wir mit Discover Football dorthin gereist.

In Katars Hauptstadt Doha können sich queere Menschen nicht sicher fühlen.
In Katars Hauptstadt Doha können sich queere Menschen nicht sicher fühlen. © Nikku/dpa

Werden die von Ihnen vertretenen LGBTIQ-Gruppen vor Ort sein?

Nein, die mir bekannten Fangruppierungen aus dieser Szene haben sich größtenteils dagegen ausgesprochen. Es kann einfach niemand garantieren, dass wirklich jede Person willkommen ist. Da stellt man sich schon die Frage, ob man mit seiner Partnerin dort in der Öffentlichkeit Händchen halten kann. Ich würde mich dort als offen queere Person nicht sicher fühlen; die Freiheiten, die es hier größtenteils für LGBTIQ-Personen gibt, existieren in Katar nicht. Uns geht es aber nicht nur um diejenigen, die dorthin reisen, sondern auch die katarische LGBTIQ-Community vor Ort.

Fußball-WM in Katar: Fifa handelt unglaubwürdig

Nun hat gerade der katarische WM-Botschafter und frühere Fußball-Nationalspieler Khalid Salman Homosexualität als „geistigen Schaden“ bezeichnet und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Bei Ihnen auch?

Auf jeden Fall! Das ist eine hochgradig pathologische und diskriminierende Aussage, die gerade von einem WM-Botschafter inakzeptabel ist. Diese Aussage lässt auch erahnen, in welch gefährlicher Situation sich die LSBTIQ-Community vor Ort befindet. Von katarischen Kontakten wissen wir als LGBTIQ+ Human Rights Sport Coalition, dass queere Menschen inhaftiert oder zu „Konversationstherapien“ gezwungen werden. Ich möchte an dieser Stelle noch mal erwähnen, dass Artikel 4 der Fifa-Statuten Diskriminierung unter anderem aufgrund von sexueller Orientierung explizit untersagt. Dies zeigt noch einmal, dass die Fifa in Katar eine Männer-WM ausrichtet, bei der sie ihre eigenen Regeln verletzt. Auch die stets wiederholte Aussage des Supreme Committee „Everyone is welcome“ wird damit in ein unglaubwürdiges Licht gerückt.

Es gibt nach wie vor zwei große Kritikpunkte an diesem Turnier: die Menschenrechtslage und der Umgang mit Homosexualität. Was bereitet Ihnen mehr Bauchschmerzen?

Beides! Unsere Kritik richtet sich in erster Linie an die Fifa, die ihre eigenen Menschenrechtsstatuten nicht nachhaltig befolgt. Ich bin zwar Frauen- und LGBTIQ-Rechtsaktivistin, aber Menschenrechte müssen immer zusammen verhandelt werden. Es wäre eine große Gefahr, dass gegeneinander auszuspielen. Wobei ich eines klarstellen muss: Zwar ist in Katar laut Gesetzbuch Homosexualität unter Strafe gestellt, aber auch andere LGBTIQ-Menschen werden verfolgt, beispielsweise können Transmenschen dort nicht frei leben oder einreisen. Ähnlich wie bei uns mit dem Paragraphen 175 im Strafgesetzbuch, unter dem nur schwule Sexualakte verfolgt werden sollten, aber faktisch wurden mitunter auch lesbische Frauen damit belangt.

Dies zeigt noch einmal, dass die Fifa in Katar eine Männer-WM ausrichtet, bei der sie ihre eigenen Regeln verletzt. 

Pia Mann, Aktivistin

Besagter Paragraf kriminalisierte in Deutschland für mehr als 100 Jahre Homosexualität und legitimierte staatliche Verfolgung von schwulen und bisexuellen Männern. Erst seit dem 11. Juni 1994 gibt es diese strafrechtliche Sondervorschrift zur Homosexualität nicht mehr. Müsste man nicht auch mit dem WM-Ausrichter geduldiger sein?

Jaaaaa ... (zieht das Wort abwägend in die Länge) ... und Nein. Ich halte es einerseits für schwierig, nur mit dem Finger auf Katar zu zeigen, weil wir tatsächlich nicht unsere eigene Geschichte ausblenden sollten. Besagter Paragraf wurde erst 1994 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen; so lange ist das nicht her. Und auch hier gibt es noch viele Diskriminierungen. Wir haben zwar im Gesetz die Ehe für alle, aber trotzdem muss beispielsweise bei einem lesbischen verheirateten Paar die zweite Mutter noch das Kind adoptieren. Trotzdem können wir andererseits nicht darauf vertrauen, dass sich in Katar eine emanzipatorische Sichtweise durchsetzen wird. Ich will gar nicht sagen, dass der westliche Weg für alle der richtige ist, aber es geht nicht, Religion und Kultur vorzuschieben, um damit Homofeindlichkeit, Transfeindlichkeit und Queerfeindlichkeit im Allgemeinen zu verteidigen. LGBTIQ-Rechte sind Menschenrechte und die sind universell. Außerdem würde ich mir auch wünschen, dass die Fifa bezüglich ihrer eigenen Kriterien für Ausrichterländer einer Männer-WM zwischen Vergabe und Turnierstart in Bezug auf Frauenrechte, Förderung des Fußballs für Frauen und des Breitensports genauer hinschaut. 2017 habe ich noch selbst gegen eine katarische Auswahl gespielt – heute existiert diese nicht mehr.

Fußball-WM in Katar: Neuers „One-Love“-Bindes ist zu wenig

Haben Sie nicht auch die Befürchtung, dass all diese Debatten nicht mehr geführt werden, wenn die WM vorbei ist?

Wie setzen wir ja gerade dafür ein, ein positives Vermächtnis zu schaffen und zu verhindern, dass die katarische LGBTIQ-Community nach dem Turnier nicht mit einem noch härteren Backlash konfrontiert wird, wenn die Augen der Weltöffentlichkeit nicht mehr auf Katar gerichtet sind. Ich bin ehrlicherweise skeptisch, ob all die Leute, die nun in diesem Jahr aufgeschrien haben, sich nach Weihnachten noch für Katar interessieren werden. Vermutlich wird sich dann kaum noch jemand darum scheren.

Sie haben es sehr begrüßt, dass Nationaltorwart Manuel Neuer bei der EM im vergangenen Jahr eine Regenbogen-Kapitänsbinde getragen hat. Jetzt bei der WM soll es eine „One-Love“-Binde sein. Ihnen geht das aber nicht weit genug.

Für mich ist das eine sehr unglückliche Binde, weil es allenfalls eine Anspielung auf die Regenbogenbinde ist. Für mich ist das ein Rückschritt. Die Regenbogenfarben sind ein klares Zeichen für den Großteil der internationalen LGBTIQ-Community – die aber sind in der neuen Binde nicht zu erkennen. Meines Wissens stammt diese Binde aus den Niederlanden für irgendwelche Aktionswochen gegen verschiedene Diskriminierungsformen. Ich fühle mich davon jedenfalls nicht repräsentiert. Das ist kein klares Zeichen. Wofür soll „One Love“ denn stehen? Liebe für alle?

Zur Person

Pia Mann, 41, wuchs in Gelsenkirchen auf und kam früh mit dem Fußball in Berührung. Zunächst beim SSV Buer 07/28, wo sie bald registrierte, dass viele Mädchen und Frauen in männlich dominierten Vereinen oft wenig Anerkennung vorfinden. Während ihrer Auslandsaufenthalte in den USA, Spanien oder später in ihren neuen Wahlheimat Berlin knüpfte sie über den Fußball neue Kontakte. Über die NGO Discover Football entdeckte sie den Sport als Werkzeug, sich für Geschlechtergerechtigkeit und gegen Diskriminierungsformen wie Sexismus, Homophobie und Rassismus einzusetzen. Sie vernetzt heute LGBTIQ-Aktivst:innen aus der ganzen Welt. Selbst spielt sie noch im 2002 gegründeten Fußballverein DFC Kreuzberg und ist als Sozialarbeiterin und in der politischen Bildungsarbeit tätig. Der DFB zeichnete sie 2016 als Ehrenamtliche des Jahres aus und lud sie im Sommer ein, um auch vor der deutschen Nationalmannschaft einen Vortrag zu halten.

Die Aktivistin Pia Mann.
Die Aktivistin Pia Mann. © privat

Der Fanvertreter Dario Minden hat das Thema Homosexualität bei einem vom DFB veranstalteten Menschenrechtskongress offen angesprochen, indem er sich vor dem katarischen Botschafter outete. Wie fanden Sie das?

(Überlegt.) Direkt ins Gespräch zu kommen, ist generell eine gute Idee. Wir sind nicht umsonst als Teil der LGBTIQ Human Rights Sport Coalition mit dem Supreme Committee, also dem Hauptorganisationskomitee in Katar, sowie mit Vertreter:innen der Fifa in Kontakt getreten. Eigene Betroffenheit im direkten Dialog darzustellen, ist besser, als über andere zu reden. Insofern war die Aktion begrüßenswert. Deshalb bin ich im Sommer auch der DFB-Einladung gefolgt, um in Herzogenaurach vor der Nationalmannschaft der Männer aus meiner persönlichen Perspektive zu sprechen.

Ist es wirklich realistisch, dass sich ein WM-Spieler in Katar outet, wie es Gary Lineker fordert?

Das kann man schön aus einer heterosexuellen Sichtweise sagen – so nach dem Motto: „Mach doch mal!“ (Lacht.) Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gary Lineker sich offen dort hinstellen würde, wenn er homosexuell wäre. Dies während einer Männer-WM in einem Land machen, wo Homosexualität unter Strafe steht, ist ein bisschen viel verlangt. Ich möchte auch nicht, dass die Verantwortung auf einzelne schwule Fußballer verlagert wird!

Warum?

Weil wir schauen sollten, was in unseren eigenen Ligen passiert. In England hat sich kürzlich ein Zweitligaspieler geoutet, aber der Männerfußball in Deutschland tut sich damit weiter extrem schwer. Es ist doch auch komisch, dass es im Profifußball bisher keine offenen Transmenschen oder keine intergeschlechtlichen Menschen gibt.

Fußball-WM: Wo bleibt ein Thomas Hitzlsperger 2.0?

Sie macht es traurig, dass es bis heute keinen Thomas Hitzlsperger 2.0 gibt, der zumindest nach seiner Karriere sich outet?

Es ist vor allem traurig für die aktiven schwulen Profifußballer, die es rein statistisch betrachtet geben muss. Für die ist das ein enormer Druck, immer noch ein Versteckspiel zu betreiben. Es wäre ebenfalls ein wichtiges Zeichen für jemanden, der in der Kreisliga in Buxtehude spielt, seine sexuelle Orientierung auch offen ausleben zu können. Der Männerfußball hat in Deutschland eine so große Strahlkraft, bringt es aber nicht fertig, sich hier zu öffnen. Ich glaube im Übrigen auch, dass sich das auf die Leistung der betroffenen Spieler auswirkt, wenn homosexuelle Profis beispielsweise aufpassen müssen, dass sie nicht mit ihrem Partner gesehen werden.

Noch immer ist auf dem Dorfsportplatz die Bezeichnung ‚schwuler Pass“ weit verbreitet. Braucht es auch hier ein Umdenken?

Das sind Begriffe, die auf dem Fußballplatz nichts zu suchen haben. Da braucht es Sensibilität bei Schiedsrichter:innen, Trainer:innen, Mitspieler:innen oder Zuschauer:innen. Aus meiner Sicht müsste es dafür eine Rote Karte geben. Beim Rassismus ist viel stärker klar, was ein No-Go ist. Bei Homofeindlichkeit oder Sexismus wird hingegen oft weggehört. Auch eine Aussage „Du spielst ja wie ein Mädchen“ geht gar nicht. Hier würde ich mir eine Verantwortungsübernahme von allen Beteiligten wünschen. Für jegliche Form von Diskriminierung sollte es null Toleranz geben.

Geht das in einer Sportart wie Fußball überhaupt, der mit so vermeintlich männlichen Attributen belegt ist? Oder braucht es vielleicht ein anderes Wertesystem?

Genau mit diesem Problem sind viele Frauen und Mädchen im Fußball ja konfrontiert. Angeblich braucht es „männliche“ Eigenschaften, um Fußball spielen zu können: Aggressivität, Aktivität, Kampfgeist, physische Stärke, die für weibliche Personen gesellschaftlich nicht vorgesehen sind. Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wenn ich irgendwo im Park mitspielen wollte, dass mich die Hälfte der Männer schräg angeschaut haben. Nach dem Motto: „Mädchen, was willst du denn hier?“ Leider sind die Geschlechterstereotype immer noch sehr mächtig in unserer Gesellschaft. Deshalb denken viele noch immer, dass ein richtiger Kerl im Fußball doch nicht schwul sein kann. Im Umkehrschluss wird Frauen, die gut Fußball spielen, schnell ihre Weiblichkeit aberkannt – und sie werden als Lesben stigmatisiert. Davon müssen wir wegkommen. Fußball ist eine großartige Sportart, die allen Menschen nicht nur einen Platz geben, sondern auch die Möglichkeit bieten sollte, so zu sein wie sie sind.

Interview: Frank Hellmann

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