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Bundestrainer Löw nimmt den Abstieg aus der Nations League äußerlich gelassen hin.

Nationalelf

Philosoph Löw

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Der Bundestrainer vergleicht den Abstieg aus der Nations League vor dem Duell gegen die Niederlande mit den Unwägbarkeiten des Lebens.

Oranje hat in der Region rund um Kamen kaum eine Chance. Die Beflaggung in den Straßenzügen in der Umgebung des Sportzentrums Kamen-Kaiserau, bereits vor mehr als einem Jahrzehnt mit umfangreichen Umbaumaßnahmen vom Image einer in die Jahre gekommenen Sportschule befreit, bezeugt im östlichen Teil des Ruhrgebiets eine tiefe schwarz-gelbe Verbundenheit. Hier werden in den Vorgärten die Fahnen von Borussia Dortmund gehisst und bestimmt nicht so schnell durch schwarz-rot-goldene Fähnlein ersetzt, nur weil sich die Nationalmannschaft für den Jahresabschluss gegen die Niederlande (Montag 20.45 Uhr/ARD) den Feinschliff holt.

Viel zu gewinnen gibt es im Nations-League-Duell in Gelsenkirchen ja ohnehin nicht mehr: Der Abstieg aus dem neuen Wettbewerbsformat ist für die DFB-Auswahl besiegelt, nachdem die Holländer sich am Freitagabend an einem 2:0 gegen Frankreich berauschten und plötzlich vom Gruppensieg träumen. „Schade für uns, dass wir nichts mehr geradebiegen können, was die Nations League betrifft“, sagte Joachim Löw am Sonntag. Der Bundestrainer wirkte  trotzdem nicht mehr übermäßig frustriert. „Der Abstieg ist kein Beinbruch, es geht jetzt in die Phase für die EM 2020.“ 

Bierhoff ist froh, wenn 2018 vorüber ist 

Der 58-Jährige sieht in dem entwerteten Prestigeduell trotzdem noch zweierlei Ansporn: „Ein gutes Ergebnis ist wichtig, dass wir unter die zehn besten Mannschaften für den ersten Lostopf der EM-Qualifikation kommen. Und wir wollen uns mit zwei starken Leistungen aus dem Jahr verabschieden.“ Trotzdem bleibt die Erkenntnis, dass der Werteverfall über das WM-Desaster hinaus fortgeschritten ist. Der für die Leistungsentwicklung der Nationalmannschaften zuständige Direktor Oliver Bierhoff konstatierte: „Das hat noch einmal eins draufgesetzt auf das schlechte Jahr. Vielleicht macht das auch noch deutlicher, dass es kein gutes Jahr von uns war.“ Er sei irgendwie froh, wenn 2018 vorüber ist.

Löw hörte sich in seinem Duktus ähnlich an: „Es gibt ein Jahr, wo gar nix geht.“ Das sei nicht etwas völlig Neues, und dann zählte der Fußballlehrer die Palette der großen Nationen auf, die ähnliche Durststrecken durchgemacht hätten: Argentinien und Brasilien, Spanien oder Frankreich. Und: „England, wie lange haben die nichts gewonnen? Wer denkt, man kann über zehn, 20 Jahre zu den zwei, drei besten Teams der Welt gehören, hat den Fußball nicht verstanden.“ Der Südbadener leitete in seiner Berg-Tal-Theorie gar über ins richtige Leben. Dieselbe Erfahrung mache doch jeder im Alltag: „Es läuft nicht immer alles wie gewünscht. Manchmal gibt es eine richtige Ohrfeige – damit muss man dann richtig umgehen.“ 

Er steuert mit einem Verjüngungsprozess dagegen, bei dem beispielsweise Joshua Kimmich die Vorreiterrolle aus den vermehrt in die Verantwortung gehievten Jahrgängen 1995 und 96 bekleidet. „Ich bin am längsten dabei, ich habe die meisten Länderspiele“, sagte der 23-Jährige, der dem Publikum garantierte: „Für uns gibt es kein Larifari-Spiel.“ Der Münchner ist in zentraler Mittelfeldposition in kürzester Zeit mit dem Prädikat unverzichtbar versehen. Unwahrscheinlich aber, dass an seiner Seite erneut Kai Havertz die Fäden zieht. Der erst 19-Jährige solle nicht überbeansprucht werden, erklärte Löw. „Wir müssen schauen, wie es für ihn gut ist und die Belastung steuern.“

Während hinter dem Einsatz des angeschlagenen Marco Reus weiterhin ein Fragezeichen steht – bei geringsten Beschwerden wird ein auf Schalke ohnehin nicht mit Kusshänden empfangener Dortmunder lieber geschont –, deutet sich an, dass die Weltmeister Mats Hummels und Toni Kroos wieder auflaufen werden. Sie seien „Energiegeber“ für die Mannschaft, betonte Löw, „dazu gute Charaktere, nicht egoistisch.“ Und dann ist ja auch noch Thomas Müller, dem sein 100. Länderspieleinsatz winkt. 

Zwar ist offiziell noch offen, ob der 29 Jahre alte Münchner gleich wieder beginnt, aber die Karriereleistung würdigte Löw schon am Vortag: „Er war nie verletzt und war immer bei der Mannschaft, wenn andere auch mal gesagt haben, dass sie eine Pause brauchen. Er hat sich, das kann man mal sagen, immer den Arsch aufgerissen.“

Löw erinnerte an Müllers Debüt am 3. März 2010 in München im Freundschaftsspiel gegen Argentinien (0:1), „und dann hat Thomas Müller bei der WM 2010 in Kapstadt die Argentinier aus dem Stadion geschossen.“ Insofern gebe er für solch einen verdienstvollen Akteur ein ganz spezielles Versprechen ab, sollte es mit dem Jubiläum so weit sein: „Dann bekommt er ein Weizenbier von mir.“

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