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Auf dem Fußballplatz führt sich Philippe Berthold am wohlsten.

Fußball

Philippe Berthold ist immer eng am Mann

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Philippe Berthold hat nur noch zwei Prozent Sehstärke, spielt dennoch als Verteidiger Fußball bei der TSV Heusenstamm.

Er muss immer ganz nah rangehen. Ihm bleibt gar nichts anders übrig. Weil er sonst zu wenig sieht. Was ihn nicht davon abhält, Fußball zu spielen. Philippe Berthold sagt über sich selbst: „Ich bin ein nerviger Abwehrspieler. Immer eng am Stürmer dran, und manchmal tritt man sich dabei auf die Füße. Da reagieren die Gegenspieler schon mal gereizt.“ Die Augen des Verteidigers haben nur noch eine Sehstärke von zwei Prozent. Bei der Geburt vor 24 Jahren waren es noch ein paar Prozentpunkte mehr, aber viel ausgemacht hat das nicht. Philippe Berthold war schon immer viel mehr als andere abhängig von seinem Gespür und seinem Gehör. „Ich habe es nie anders gekannt.“

Blindenstock, Lupe und Lesegerät sind dem jungen Mann wichtige Hilfsmittel im Leben. Sein I-Phone kann er mit einem Vergrößerungsprogramm nutzen. In der Schule halfen ihm die Mitschüler und ein Fernglas. Wenn er Fußball spielt, „sagen mir meine Mitspieler, wen ich decken soll, und dem laufe ich dann permanent hinterher. Ich merke an seiner Haltung, ob er an den Ball kommt, und dann versuche ich, ihn zu stören“. Berthold stört penetrant, er verkörpert so die Manndeckung alter Schule. Er hat erst zweimal eine Gelbe Karte gesehen in seiner gesamten Laufbahn und noch nie Rot.

Bereits seit seinem fünften Lebensjahr spielt er Fußball. Für seinen Heimatverein in der Pfalz hat er in der B-Jugend sogar mal ein Tor geschossen. Das 2:0 in der Verlängerung im Pokal. „Ein Schuss ins lange Eck. Es war unglaublich. Das Bild werde ich ewig vor mir behalten.“ Es ist ein unscharfes Bild, und gerade deshalb ist es umso wunderschöner.

Philippe Berthold war neun Monate alt, als ihn ein Lehrerehepaar aus Indien in die Pfalz adoptierte. Er war seitdem nie wieder in Indien. Das hat er noch vor. Seine Heimat ist Deutschland, seine Leidenschaft der Fußball. „Ich bin meinen Eltern Gaby und Julius sehr dankbar“, erzählt er, „sie haben mir immer zugetraut, Fußball zu spielen und nie gesagt, das sei zu gefährlich für mich. Als Kind war ich fast täglich auf dem Bolzplatz.“

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Nach seinem Abitur absolvierte er in Mainz die Ausbildung zum Physiotherapeuten. Mittlerweile arbeitet er im Offenbacher Ketteler Krankenhaus und wohnt mit seiner Freundin Lena in Heusenstamm.

Als er sich dort schüchtern bei den TSV-Fußballern vorstellte, hatte er anfangs „Sorge, ob es klappt“. Denn daheim bei der SpVgg. Oberhausen/Barbelroth in der Pfalz „wussten alle, wie sie mich zu behandeln haben“. Auch die meisten gegnerischen Vereine kannten ihn. Bei der zweiten Mannschaft in Heusenstamm sei er dann zu seiner Erleichterung sehr freundlich aufgenommen worden. „Ich werde als gleichwertiger Mitspieler angesehen. Unser Trainer Ingo Knirsch gibt mir Vertrauen. Ohne diese Unterstützung hätte ich nicht so viel Spaß und Freude am Fußball.“ Er weiß nun: Es gibt nicht nur bei seinem Heimatverein, sondern auch im Kreis Offenbach „ein Umfeld, in dem ich mich normal fühlen kann.“

Aber Philippe Berthold macht mitunter auch unangenehme Erfahrungen. „Über mich wird öfter in der Dritten Person gesprochen, wenn ich direkt dabei bin.“ Neulich erst wieder hat ein älteres Ehepaar in der S-Bahn ihm gegenüber gesessen und sich darüber mokiert, dass er offenbar nicht gut sehe und dennoch keine Brille trage. „Denen habe ich gesagt, wenn mir eine Brille was bringen würde, dann hätte ich eine Brille.“ 

Solche Erfahrungen sind mindestens lästig. Auch genervte Reaktionen, wenn er etwa in einen Bus einsteigen will und den Fahrer zur Vergewisserung nach der Nummer fragt, kämen immer wieder vor. Aber dieser Tage in Offenbach habe ein Fahrer ihm sogar von sich aus die Busnummer genannt, „das hat mich gefreut, das passiert sehr selten“.

Solange die Uhr noch nicht wieder auf die Sommerzeit verstellt ist, kann der 24-Jährige allerdings nicht komplett am Übungsprogramm seines Teams teilnehmen. „Im Training im Winter mache ich nur die Übungen ohne Ball mit, dann laufe ich für mich alleine. Mir sind Spiele im Frühling am liebsten, wenn klares Wetter herrscht.“ Dann kann er die Konturen am besten erkennen und die unterschiedlichen Trikotfarben ausmachen.

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Philippe Berthold spielt trotz seiner Augenschwäche – einer sogenannten Zäpfchen-Stäbchen-Dystrophie, Sehnerv und Netzhaut sind nicht voll ausgeprägt – nicht nur selber Fußball. Er ist auch leidenschaftlicher Fan von Mainz 05, hat eine Dauerkarte im Stehblock, bekommt über Radio die Reportagen der Sehbehindertenreporter mit und ist bei vielen Auswärtsspielen dabei, mitunter auch ohne Begleitperson traut er sich auf Reisen. Es gehe ihm vor allem um die Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl. „Ich sehe schemenhaft nur bis zum Fünfmeterraum, wenn ich direkt hinter dem Tor stehe.“

Er ist dabei sehr unternehmungs- und abenteuerlustig. Neulich hat er Borussia Dortmund beim Spiel im Wembleystadion gegen Tottenham Hotspur begleitet. Über den Fußball hat er viele Freunde und Bekannte gefunden. Er will gar nicht, dass allzu viel Aufhebens um ihn gemacht wird, aber darüber, dass ein FR-Reporter an seiner Geschichte interessiert ist, freut er sich, nicht nur um seinetwillen. Sein Beispiel, hofft er, könne auch anderen, „die schlecht sehen oder anders eingeschränkt sind, Kraft und Energie geben“.

Bei der TSV Heusenstamm ist Berthold auch in die Leichtathletikabteilung eingetreten und hat schon an der Deutschen Para Meisterschaft in Erfurt teilgenommen. Seine Trainerin Anja Ricker arbeitet ebenfalls im Ketteler Krankenhaus und hatte ihn bei der Arbeit angesprochen. In Erfurt wurde Berthold Zweiter über 800 Meter und mit der Staffel, Vierter über 60 Meter, Fünfter im Kugelstoßen und Achter im Weitsprung. Im Fußball zittert er mit seinem Team um den Klassenerhalt in der Kreisliga C. Er träumt davon, in Heusenstamm vielleicht irgendwann einmal sogar in der ersten Mannschaft mitspielen zu können, die um den Aufstieg in die Kreisoberliga kämpft. „Aber das“, sagt er, „ist utopisch.“

Philippe Berthold kann mit seinen Grenzen umgehen und weiß, die Möglichkeiten zu nutzen. Bei seiner Arbeit kommt ihm seine Sehschwäche sogar zugute: „Ich habe gelernt, mich mehr auf meine anderen Sinne zu verlassen. Und weil ich weiß, wie es ist, wenn man auf Hilfe angewiesen ist, helfe ich gern auch anderen Menschen.“

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