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Nicht so ganz zufrieden: Die Nationaltrainer Fernando Santos (Portugal), Didier Deschamps (Frankreich) und Joachim Löw (von links).

EM 2020

„Den Philipp haben wir entlassen“

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Die DFB-Auswahl bekommt es in ihrer EM-Gruppe mit Frankreich und Portugal zu tun.

Joachim Löw wirkte etwas derangiert, als die großen Namen fielen. Frankreich, der Weltmeister mit seinen jungen Hochgeschwindigkeitsfußballern. Portugal, der Europameister mit dem ewig strahlenden Cristiano Ronaldo im Zentrum. Neulich erst hatte der deutsche Bundestrainer beide Mannschaften über die eigene gestellt – und nun werden sie die Vorrundengegner bei der EM 2020 sein.

Während der französische Kollege Didier Deschamps die Lose mit demonstrativer Heiterkeit quittierte, sah Löw „not amused“ aus. Der Gesichtsausdruck passte so gar nicht zum Vorsatz äußerster Gelassenheit, mit dem Löw in die Prozedur im Bukarester Ausstellungszentrum gegangen war. „Das ist die Hammergruppe schlechthin“, sagte er – mit auffallend schlecht gebundener Krawatte – zum soeben eingetretenen Worst-Case-Szenario. Wer das vierte Team in der Gruppe sein wird, erfährt man erst nach den Playoffs um die letzten vier EM-Plätze Ende März.

Löw brauchte einige Minuten, um sich zu sammeln und auf Optimismus umzuschalten. „Ich bin glücklich, meine Vorfreude steigt“, sagte er. Und dass er glaube, dass gerade diese besondere Konstellation mit den als schwer erachteten Losen „zu einer neuen Fußball-Euphorie in Deutschland führen kann“. Wenn man gegen Frankreich anfangen muss, dürfte das Turnier, das in seinem 24er-Format 2016 bis zum Viertelfinale (Deutschland – Italien) dahinplätscherte, von Beginn an Dynamik entfalten. So argumentierte der Bundestrainer – und brachte noch einen Scherz unter: „Den Philipp Lahm haben wir entlassen.“ Der Geschäftsführer der deutschen Euro GmbH (2024 richtet man die komplette EM aus) und Botschafter der Stadt München war als einer der Uefa-Legenden auf der Bühne gestanden, um die Lose zu ziehen. Lahm schraubte die Kugel mit Portugal auf – es war allerdings keine andere mehr da.

München kann sich freuen

Lahm findet, München könne sich über die Auslosung freuen. Interessante Teams kommen – und, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagte: Sie werden von einem unproblematischen Anhang begleitet. Bei der EM 2016 hatte es einige französische Städte (vor allem Marseille mit Engländern und Russen) schwer getroffen. München kann sich eher auf friedliche Spiele freuen.

Doch werden es wirklich Heimspiele? Jein. Hier gilt wie schon bei der WM 2006: Der Vertrieb der Tickets erfolgt international, man hat als Deutscher, Oberbayer, Münchner nicht zwingend einen Vorteil. Offiziell erhält jeder an einem Spiel beteiligte Verband das gleiche Kartenkontingent – für die Partien in der Münchner Fußball Arena (das Allianz-Branding muss im Juni 2020 entfernt werden) werden es je 24 000 Tickets sein. Wenn also ein Drittel des Stadions mit Franzosen und Portugiesen besetzt sein wird, kann man nur noch bedingt von Heimspielatmosphäre sprechen. Zum Vergleich: In der Champions League stehen dem Auswärtsklub fünf Prozent zu, in der Bundesliga sind es zehn Prozent. In den freien (internationalen) Verkauf geht bei den Münchner EM-Spielen nur ein Drittel des Kontingents.

Für DFB-Direktor Oliver Bierhoff ist unter diesen seit Samstag manifestierten Umständen klar, „dass die Abläufe in der Vorbereitung stimmen müssen und wir keinen Tag liegen lassen dürfen“. Nicht dass das Projekt mit einer Niederlage wie 2018 die WM in Russland (0:1 gegen Mexiko) beginnt und Panik Einzug hält. Und sich die Freude über die „Vorrunde dahoam“ in Furcht vor einem „Vorrunden-Aus dahoam“ wandelt.

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