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Beim Jubellauf nicht einzufangen: Claudio Pizarro (rechts) feiert den ganz späten 1:1-Ausgleich bei Hertha BSC, der ihn zum ältesten Torschützen der Bundesliga macht.

Claudio Pizarro

Das Phänomen

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Torjäger Claudio Pizarro hat mit seinem 195. Bundesligatreffer womöglich einen Rekord für die Ewigkeit aufgestellt.

Claudio Pizarro muss manchmal selbst schmunzeln, welche kuriosen Konstellationen der Profifußball bereit hält. Kann es wirklich sein, dass sich für den alterslosen Torjäger des SV Werder gerade Anfang und Ende seiner ewigen Karriere begegnen? Am Samstagabend hat es im Berliner Olympiastadion einen kuriosen Freistoßtreffer gegeben, der ihn mit 40 Jahren und 136 Tagen zum ältesten Torschützen der Bundesligageschichte werden ließ. Zugleich könnte es sich beim schmeichelhaften 1:1-Remis bei Hertha BSC in der sechsten Minute der Nachspielzeit um einen historischen Akt gehandelt haben. Schwer zu glauben, dass irgendein Profi in diesem Abnutzungsbetrieb das Phänomen Pizarro übertrumpft.

Sein 195. Bundesligator kommt ins Geschichtsbuch: Pizarro hatte sich mit Kapitän Max Kruse beraten, wie denn der Ball am besten durch die vielen Menschenleiber zu bringen sei. Kruse erzählte: „Wir haben uns erst überlegt, den Ball unter der Mauer durchzuschießen, dafür war die Mauer aber ein bisschen weit weg. Dann wollte er den Ball einfach auf das Torwarteck zielen. Da habe ich ihm aber gesagt: ‚So viel Kraft hast du in seinem Alter nicht mehr.‘“ Und so bahnte sich der Ball eben nicht kraftvoll und gewiss nicht künstlerisch wertvoll, aber zweimal leicht abgefälscht den Weg in die Maschen. Es könnte die Sequenz werden, die Gegenwart und Vergangenheit zusammenklammert.

Rückblende: Werder war 1999 zwar sensationell Pokalsieger geworden, aber noch weniger Spitzenmannschaft als 2019. Und weil die Grün-Weißen damals an den ersten beiden Bundesligaspieltagen Ladehemmung beklagten, kam im August 1999 noch ein junger Mann aus Peru dazu. Den Transfer des unbekannten Stürmers aus Lima hatte der bestens nach Südamerika vernetzte Vereinsboss und Banker Jürgen L. Born eingefädelt. Pizarro gab sein Debüt als Einwechselspieler in Berlin. Endstand? Ebenfalls 1:1. Werders Tor hütete Frank Rost, die Abwehr hielten Recken wie Bernhard Trares und Andree Wiedener zusammen, im Mittelfeld schufteten Dieter Eilts, Torsten Frings und Frank Baumann.

Bald aber sollten im Angriff zwei südamerikanische Spaßvögel, die gerne auch mal abseits des Platzes Fünfe gerade sein ließen, für beste Bremer Unterhaltung sorgen. Das Duo Pizarro-Ailton bekam den Spitznamen „Pizza-Toni“ verpasst, weil sie Tore so zuverlässig auftischten wie der italienische Lieferservice um die Ecke die Teigware aus dem Ofen. Pizarro wurde zwar vom FC Bayern abgeworben, kehrte aber drei Male zu Werder zurück. Seine – vorerst – letzte Unterschrift unter einem stark leistungsbezogenen Arbeitspapier im vergangenen Sommer begleiteten einige Zweifel. Längst ist bei Geschäftsführer Baumann Abbitte zu leisten: Dessen ehemaliger Mitspieler paart als Ü40-Akteur immer noch Nostalgie, Effektivität und Leichtigkeit. Auch dank seiner Schlitzohrigkeit ist Werder 2019 ungeschlagen und träumt mal wieder von einer Europapokalteilnahme.

Der eigentlich immer gut gelaunte Oldie war bei der Pokalsensation bei Borussia Dortmund (7:5) mit einem feinen Treffer in der Verlängerung und einem verwandelten Elfmeter ein entscheidender Faktor, um fünf Tage später in Ruhe zuzuschauen, wie die Jungstürmer Milot Rashica und Johannes Eggestein ohne sein Zutun den FC Augsburg im Weserstadion mit 4:0 düpierten. Beide fanden gegen die Hertha-Wand nie eine Lücke, sodass es erst das 18-jährige Offensivtalent Josh Sargent brauchte, um einen Freistoß herauszuholen, den Pizarro hernach auf seine Weise versenkte – missachtete er doch die Anweisungen, die Florian Kohfeldt in der Kabine ausgehängt hatte. „Der Trainer hat mich gefragt: Warum hast du geschossen? Ich versuche immer, wenn ich reinkomme, ein Tor zu machen, aber so ein Tor habe ich noch nie gemacht.“

Pizarro lebt deutlich professioneller als früher, hat seine Ernährung umgestellt, verzichtet auf Weizen- und Milchprodukte und scheint seitdem deutlich weniger verletzungsanfällig zu sein. Kohfeldt hegt vor der Lebensleistung seiner Stürmerlegende – vier Jahre älter als er selbst – einen gewaltigen Respekt. „Der Typ ist der Wahnsinn.“ Dennoch sind es nur wenige Spiele, in denen er seine prominente Nummer vier wirklich gewinnbringend braucht. Gut möglich, dass seine Dienste schon im Heimspiel gegen den VfB Stuttgart (Freitag, 20.30 Uhr) nicht zwangsläufig gefragt sind.

Aber im Weserstadion jubeln ihm die Zuschauer schon zu, wenn er sich nur aufwärmt. Der nunmehr mit drei Pflichtspieltoren gelistete Pizarro möchte vielleicht auch deshalb noch nicht aufhören. Seine Andeutungen in diese Richtung („Da müssen wir noch schauen. Schauen wir mal, was der Körper in den nächsten zwei, drei Monaten macht“) waren am Wochenende eindeutig. So lange der Fußball so verrückten Stoff liefert, will er mitmischen. Egal, wie alt er ist.

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