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Pelé ist tot - er war der erste Weltstar am Ball

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Von: Thomas Kilchenstein

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Die brasilianische Fußballlegende Pelé.
Die brasilianische Fußballlegende Pelé. © dpa

Zum Tod von König Pelé, dem größten Fußballer aller Zeiten. Ein Nachruf.

Der größte Fußballer aller Zeiten, eine Umschreibung, die es damals noch nicht gab, geradezu absurd anmutete, weil es nur diesen einen gab, keinen Maradona, keinen Ronaldo, weder brasilianischen noch portugiesischen Ursprungs, keinen Messi, allenfalls den jungen Beckenbauer, vielleicht noch Eusebio oder di Stefano, der größte Fußballer aller Zeiten also kam vor etwas mehr als zwei Generationen ins Haus. „Schwarze Perle Pele“ hieß das Buch, das Fritz Hack geschrieben hatte, und das der Zwölfjährige regelrecht verschlungen hatte, immer und immer wieder aufs Neue.

Und eine von vielen haftend gebliebenen Stellen ist ihm noch heute, bald 50 Jahre später, im Gedächtnis. Der kleine Edson Arantes do Nascimento war also eines Tages vom Spielen auf den Straßen von Três Corações nach Hause gekommen und Mutter Celeste, die Dona de Casa, sagte es ihm auf den Kopf zu: „Edson, du hast geraucht.“ Vater Dondinho, selbst ein talentierter Fußballer, der aber seien Karriere bei Atletico Mineiro wegen einer komplizierten Knieverletzung beenden musste ehe sie begann, nahm seinen Jungen zur Seite: „Hör zu, Dico. Du kriegst von mir jeden Tag zwei Cohiba, wenn du das willst. Aber mit dem Fußball ist dann Schluss.“ Von jenem Tag an, schrieb Fritz Hack in seinem Buch, habe Pelé, den seine Eltern stets Dico riefen, nie wieder einen Glimmstängel angerührt.

Und wurde später der Welt bester Fußballspieler.

Pelé ist tot: In Brasilien nannten sie ihn „O Rei“ – der König

Pelé, der jetzt im Alter von 82 Jahren in São Paulo an den Folgen einer Darmkrebs-Erkrankung gestorben ist, war mehr als eine Ikone, mehr als eine Legende. In Brasilien wurde er „O Rei“ genannt, der König. Mit seiner feinen Art Fußball zu spielen hat er der Nummer 10 auf dem Trikot erst diese Mystik verliehen, die diese Zahl heute noch umweht. Er war eine Institution, bekannter als der liebe Gott, wie ein Journalist einmal schrieb, eine Erscheinung in Brasilien, diesem Land, ständig hin- und hergerissen zwischen Himmelhochjauchzend und zu-Tode-betrübt, auf ihn als gemeinsamen Nenner hatten sich alle einigen können: Der Hacienda-Großgrundbesitzer, der Latino in Moto Grosso, und die alleinerziehende Mutter von fünf Kindern aus der Favela, die Trommler aus Mangueira, einer der Samba-Schulen in Rio, genauso wie die weiße Geschäftswelt in São Paulo.

Dabei war Pelé doch ein Negão, ein Crioulo, so pechschwarz, dass 1958 bei der WM in Schweden, als sein Stern, 17-jährig, aufgehen sollte, die Kinder ihm ins Gesicht fassten, um zu schauen, ob die Farbe abging. Pelé war einer für alle Klassen, Rassen, Schichten und Stände, für Reiche und Arme, Schwarze, Weiße, Braune. Er war nationales Gut, für unverkäuflich erklärt, König und Messias in Personalunion, eine Ausnahmeerscheinung, lange das Gesicht Brasiliens, sympathisch, integer, verlässlich, ein Heiligtum.

Pelé ist tot: „Nur eine Äußerung von ihm gegen die Diktatur hätte viel bewirkt“

Aber er war kein Heiliger. Während der Zeit der brasilianischen Militärjunta hat er geschwiegen, hat sich sogar zum Diktator Emilio Medici in Brasilia aufs Sofa gesetzt, „nur eine Äußerung von ihm gegen die Diktatur hätte viel bewirkt“, warf ihm einst Paulo César Lima vor, ein Mannschaftskollege aus der Nationalmannschaft. Er blieb stumm. An Politik habe er kein Interesse, sagte Pelé, ein paar Jahrzehnte später wurde er im Kabinett von Henrique Cardoso Sportminister und verabschiedete die sogenannte Lex Pelé, ein zahnloses Antikorruptionsgesetz, das komplett verwässert wurde ist.

Er war ein Lebemann, 500 Heiratsanträge soll er allein nach dem WM-Turnier in Schweden erhalten haben, ein Filou, mit vielen Affären, aus denen Kinder hervorgehen, sieben, eheliche wie uneheliche, die er alle anerkannte. Zum Schluss wachte ein Großteil der Familie an seinem Sterbebett im Albert-Einstein-Hospital- Israelita auch Sohn Edinho, der 13 Jahre im Gefängnis saß wegen Drogendelikten. Pelé war der erste Millionär in Fußballschuhen, er brachte den US-Amerikanern den Fußball nahe und löste Mitte der 70er Jahre einen Fußball-Boom aus, als er schon Mitte 30 zu Cosmos New York wechselte und (wie Franz Beckenbauer) nochmals eine persönliche Reifung durchlebte.

Pelé ist tot: Seine Geschichte ist geprägt von Aufstieg, Ruhm und Reichtum

Er warb für allerlei Produkte, America Express, Pepsi, Emirates, Viagra, machte mit einer eigenen Sportmarketing-Agentur 20 Millionen Dollar Jahresumsatz. Aber anders als Diego Maradona, 20 Jahre jünger, tauchte der Brasilianer nie in anrüchige Gefilde ein, nie sah er so tief in den Abgrund wie der Argentinier, selbst wenn zuweilen unsaubere Geschäftsgebahren ruchbar wurden. Er war aber nie in echte Skandale verwickelt, oder zumindest erfuhr es die breite Öffentlichkeit kaum. So krass und grell war das Scheinwerferlicht seinerzeit nicht ausgeleuchtet, selbst wenn er und seine Ehefrau zeitweise unter falschen Namen („Dr. Graf und Gattin“) reisen mussten.

Pelé - das ist natürlich die Geschichte von Aufstieg, von Ruhm und Reichtum, es bis ganz nach oben geschafft zu haben. Es ist die klassische Geschichte eines Jungen aus kleinen Verhältnissen, der zwar nicht hungern musste in Três Corações im Staate Minas Gerais, selbst wenn mal nur ein Schüsselchen Reis und eine Banane zum Essen reichen musste. Aber als Schuhputzer half er mit zum Familieneinkommen. Es ist die Geschichte des Edson Arantes, der zu seinem weltberühmten Spitznamen kam, weil er den Namen seines Idols „Bilé“, eines Torwarts von Vasco Sao Lourenco, falsch aussprach.

Pelé ist tot: Beim FC Santos erzielt er in einer Saison 127 Tore

Es ist die Geschichte des Jungen, der mit Bällen aus Strümpfen, Zeitungspapier oder Pampelmusen besser jonglieren und spielen konnte als alle anderen, gelernt hat er das auf der Straße, sein Team hat schnell einen Namen weg: „pés descalços“, die „Schuhlosen“. Mit 16 spielt er in der ersten Mannschaft des FC Santos, 17 Jahre trägt er das schwarz-weiß gestreifte Trikot, Waldemar de Brito, einer dieser zahllosen Talentescouts, hatte ihn bei Atletico Barau entdeckt. Mit 16 wird er gleich Torschützenkönig, mit 18 erzielt er in einer Saison für den FC Santos 127 Tore, mit 16 debütiert er schon in der Selecão, mit 17 wird er erstmals Weltmeister, als bis dato jüngster Spieler erzielt er in Schweden sechs Tore, zwei im Finale. Er tummelt sich in einer Elf mit Garrincha, den die Brasilianer noch ein bisschen mehr liebten, mit Vava, Didi, Zagalo, Nilton Santos und dem Torwart Gylmar, an dessen Schulter er nach dem 5;2-gegen Schweden im Endspiel heiße Tränen vergießt.

Er wird noch zweimal Weltmeister, 1962 und 1970. Dort im Azteken-Stadion zu Mexiko-Stadt erzielt er beim 4:1-Finalsieg gegen Italien das 1:0 durch einen lehrbuchhaften Kopfball, er liefert die Vorlage zum 4:1, ein Tor nach minutenlangem Ballbesitz der ganzen brasilianischen Elf. Es war aus brasilianischer Sicht ein Turnier, das der weltberühmte Musiker Gilberto Gil als „Oase des Schönen“ umschrieben hatte. Pelé führte da ein Team an, in dem Tostao spielte, Rivelino, Jairzinho, Carlos Alberto, Milton Santos, Gerson, brillante Fußballer alle. Erst vor ein paar Jahren hat die Versteigerung von Pelés Trikot mit der Nummer 10 aus diesem Partie bei Sotherbie´s die Rekordsumme von 251 000 Euro gebracht. 1966 war Brasilien nach der Vorrunde ausgeschieden, weil Pelé im Spiel gegen Portugal nach allen Regel der unschönen Verteidigerkunst aus dem Spiel getreten wurde.

Pelé ist tot: Fußball-Legende ist Weltfußballer des 20. Jahrhunderts

Pelés Ausnahmestellung gründete auf seiner herausragenden Technik, er war mit beiden Füßen gleichermaßen gut, konnte köpfen, hatte Tempo, spielte intuitiv. Er war seiner Zeit voraus. Er hatte als Stratege und Torjäger, der im Schnitt 70 Tore pro Jahr erzielte, ein überragendes Körpergefühl, es war eine Lust, ihm beim Fußballspielen zuzusehen. Sein Spiel wirkte federleicht, fast zerbrechlich und doch geprägt von Dynamik und Geschmeidigkeit. Pelé faszinierte auf dem Rasen, so sehr, dass 1967 in Nigeria Rebellen und Regierungstruppen einen 48-stündigen Waffenstillstand vereinbarten, um ein Spiel des FC Santos mit Pelé zu sehen. Das Besondere war aber: Alle Tricks und Finten, Fallrückzieher, Hackentricks und Freistoßtore, Körpertäuschungen und Lupfer, die die Nachfolge-Generation, also die Cruyff, Ronaldo „Il Fenomeon“, Platini, Ronaldinho, Zidane, Messi, Cristiano Ronaldo drauf haben, hatte er schon in den 1960er und 70er Jahren gezeigt. In Perfektion.

Pelé, der alles gewonnen hatte, was es auf dem Planeten zu gewinnen gab, Meisterschaften im dutzend, Torschützen-Pokale en masse, Welt- und Südamerikameister war, und zum Weltfußballer des 20. Jahrhunderts gekürt wurde, hat in 92 Spielen mit der Selecão 77 Tore erzielt, in seinem ganzen Leben hat er in 1390 Partie 1283 Tore erzielt. Als er sein 1000. Tor schoss, am 19. November 1969 im Maracana gegen Vasco da Gama, einem schnöden Elfmeter, läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken, die Partie wurde für 30 Minuten unterbrochen, später wurde gar eine Briefmarke von diesem Schuss gedruckt. Und Diktator Medici wollte den 19. November zum Feiertag machen.

Einmal hat Edson Arantes do Nascimento versucht, seine immensen Fähigkeiten zu erklären. Er ist nicht weit gekommen. „Warum Gott ausgerechnet mir diese Gabe geschenkt hat, weiß ich nicht. Michelangelo hat gemalt, Beethoven hat Klavier gespielt und ich Fußball.“

Er hat die Welt, wie die beiden auch, ein bisschen schöner gemacht. (Thomas Kilchenstein)

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