„Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball“ – Pelé.
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„Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball“ – Pelé.

Pelé wird 80 Jahre alt

Der Michelangelo des Fußballs

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, war einer wie keiner. Brillant auf dem Fußballplatz, der vielleicht Beste aller Zeiten, und mit Fehlern daneben. Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

  • Pelé, der vielleicht Beste des Fußballs jemals, wird heute 80 Jahre alt.
  • Zu Spielzeiten gewann er sämtliche Titel, immer wurde und wird er in Brasilien gottgleich verehrt.
  • Eine Würdigung zum 80. Geburtstag.

„Das Schwierige ist nicht, tausend Tore zu schießen wie Pelé, sondern ein einziges wie Pelé.“

Carlos Drummond de Andrade , Lyriker aus Brasilien.

Es hat nicht viel gefehlt und die einzigartige Karriere des Edson Arantes do Nascimento wäre vorbei gewesen, ehe sie überhaupt losgegangen war. Denn natürlich hatte Dondinho, der Vater, den Zigarrengeruch bemerkt, den der Schlingel verströmte, nachdem er wieder den ganzen Tag barfuß auf den staubigen Straßen in Tres Coracoes zugebracht hatte, Fußball gespielt, was sonst, mit den anderen „Schuhlosen“, wie sie verächtlich genannt wurden, und einem selbstgebastelten Ball, bis abends die Sonne unterging. Irgendeiner der Jungs hatte Klein-Edson da den Spitznamen verpasst, den er nicht besonders mochte: Pelé. Warum Pelé? Einfach so, „bis heute weiß keiner, was der Name zu bedeuten hat“, erzählte Pelé 75 Jahre danach.

Pelé und die zwei Zigarren

„Hör mal“, sagte der Vater, ein Fußballer, dessen Karriere im ersten Profispiel nach fünf Minuten und einer schweren Verletzung beendet war, „du kannst von mir jeden Tag zwei Zigarren bekommen, aber dann ist es vorbei mit dem Fußball.“ Klein-Edson hat nie wieder einen Glimmstengel angefasst. Und ist Pelé geworden, der beste Fußballer des Planeten. „Rei do futebal“, nennen sie ihn in Brasilien, immer noch, trotz Garrincha, Zico, Rivaldo, Romario, Ronaldo, Ronaldinho.

Pelé, der am heutigen Freitag seinen 80. Geburtstag feiert, eher zurückgezogen als ausgelassen, auch wegen der in Brasilien so stark grassierenden Corona-Pandemie, dieser Pelé ist längst Legende, ein Mythos, ein Heiliger in Fußballschuhen, ein Jahrhundertsportler allemal. Pelé war der erste Fußballstar, der rund um den Globus verehrt wurde, der eine Massenhysterie auslöste, wenn er auftrat. Er ist als einziger Spieler dreimal Weltmeister geworden, als 17-Jähriger führte er Brasilien 1958 in Schweden mit sechs Toren zum Titel, unvergessen das Bild des weinenden Knaben an der Schulter des Torwarts Gilmar. Zwölf Jahre später erzielte er im WM-Finale in Mexiko gegen Italien das 1:0, es ist sein zwölftes WM-Tor. Dieses gelbe Trikot mit der legendären Zehn wird später versteigert, 260 000 Euro kommen zusammen.

Pelé, der Titelsammler

Er hat in den 21 Jahren seiner Karriere nur für zwei Klubs gespielt, den FC Santos (1956 bis 1974) und Cosmos New York (1975 bis 1977). Er war der Prototyp eines Spielers, den es bis dahin nicht gab. Schnell, leichtfüßig, technisch hochbegabt und ungewöhnlich kopfballstark, heute würde man „falsche Neun“ zu seiner Position sagen. Genial, virtuos, ein Künstler und Taktiker, einer, der ein Spiel lesen und gestalten kann. Und er ist athletisch, körperlich robust, enorm ausdauernd. Und er kann austeilen, bisweilen revanchiert er sich für die vielen Tritte in die Beine.

In seiner Debütsaison beim FC Santos, der mit Pelé die erfolgreichsten 20 Jahre erlebt, schießt er 32 Tore, wird gleich Torschützenkönig. Er gewinnt mit Santos insgesamt 40 Titel. Einmal erzielt er im Spiel gegen Botafogo acht Tore. In 1363 offiziellen Spielen erzielt er 1281 Tore. Als er, am 19. November 1969 im Maracana sein 1000. Tor erzielt, per Elfmeter, läuten im Land die Kirchenglocken, die Partie wird für 20 Minuten unterbrochen, Reporter und Fans laufen auf den Platz, tragen ihn auf Schultern eine Ehrenrunde, die Kinder bekommen anderntags schulfrei. Am 2. Oktober 1974, um 21.19 Uhr kniet „o Rei“ am Mittelkreis nieder, signalisiert so den Schlussakt für den FC Santos, das Karriereende – zumindest in Brasilien.

Pelé steigt zum Star auf

Pelé, der Wundermann des Fußballs, hat auch das Märchen befeuert, es von ganz weit unten nach ganz oben zu schaffen. Pelé ist schwarz und stammt aus ärmlichen Verhältnissen, da klettert man nicht leicht die Karriereleiter empor, er musste früh Geld für die Familie verdienen, er trägt Zeitungen aus, verkauft Erdnüsse, hilft Mutter Dona Celeste, einer Wäscherin, vernachlässigt die Schule. Mit elf entdeckt ihn Waldemar de Brito, ein ehemaliger Nationalspieler und Talentscout, und nimmt ihn unter seine Fittiche, besorgt ihm sein erstes paar Fußballschuhe. Pelé ist 15, als er das Elternhaus verlässt und zum FC Santos geht. „Ich bringe euch die größte Entdeckung der vergangenen Jahrzehnte“, kündigte de Brito seinen schmächtigen, schlecht genährten Schützling an. Mit 16 schießt er bei den Profis sein erstes Tor.

Pelé verzauberte mit seinem Spiel, mit seiner Art die Menschen überall auf der Welt – er hatte etwas typisch brasilianisches, das Leichte, Schwerelose, Unbekümmerte. Mühelosigkeit. Pelé ist bald zu einer Marke geworden. Sie steht für Brasilien, für Aufstieg, Lebensfreude. Er war und ist keine politische Figur, selbst wenn er nach seiner Karriere vier Jahre lang Sportminister in Brasilia war, er war kein Unbequemer, keiner, der seinen phänomenalen Einfluss, seine ungeheuere Popularität einsetzte für Themen, die ihm am Herzen gelegen haben könnten. Immerhin soll einmal ein Krieg in Afrika unterbrochen worden sein, weil die Soldaten Pelé spielen sehen wollten. Aber ein Muhammad Ali war Pelé nicht, er war Teil des politischen Systems.

Das zweite Leben des Pelé

Im zweiten Leben versuchte sich der begnadete Fußballer, zuweilen peinlich, meist mittelprächtig, als Sänger, Schauspieler oder Unternehmer, versilberte seinen Ruf in Werbekampagnen und nutzte den Ruhm als Fußballbotschafter und fiel zuweilen auf falsche Freunde herein, verlor bei zweifelhaften Investments viel, viel Geld – und musste deshalb noch einmal in New York bei Cosmos (gemeinsam mit seinem alten Freund Franz Beckenbauer) die Stiefel schnüren.

Heute lebt der siebenfache Vater Pelé in seinem Strandhäuschen in Guaruja. Im Februar hieß es, er leide an Depressionen, „Ich habe meine guten wie auch meine schlechten Tage. Das ist für Menschen in meinem Alter normal“, sagte der Mann, dem der Fußball zu Füßen lag. Doch diverse Operationen an Niere, Prostata, Wirbelsäule, Hüfte oder der Tod seines Bruders Zoca (77) im März haben Spuren hinterlassen, auch beim Größten. „Ich danke Gott, dass er mir die Gesundheit gegeben hat, dies alles bei klarem Verstand zu erleben, nicht sehr intelligent, aber klar im Kopf.“

Als Edson Arantes do Nascimento vor 80 Jahren in Tres Coracoes im Bundesstaat Minas Gerais das Licht der Welt erblickte, hat es Dondinho, der erfolglose Fußballer, irgendwie geahnt. Der Legende nach soll gesagt haben: „Er hat die richtigen Beine. Er sollte ein passabler Fußballer werden.“ Warum ausgerechnet er so überreich mit Talent gesegnet war, hat sich Pelé oft gefragt: „Gott hat mir diese Gabe geschenkt. Michelangelo hat gemalt, Beethoven Klavier gespielt und ich Fußball.“

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