+
Bundesliga statt Regionalliga: Die Paderborner Profis tragen stolz ihre Aufstiegsshirts.

SC Paderborn

Auf und nieder, immer wieder

  • schließen

Die Achterbahnfetischisten vom SC Paderborn freuen sich auf ein „geiles Jahr“ in der Bundesliga.

Die Bundesliga ist bald um einen ganz speziellen Typen reicher. Einen Trainer, der für begeisternden Offensivfußball steht, der mit seiner Spielidee eine ganze Mannschaft auf ein höheres Niveau gehievt hat, der seinen Fußballlehrerschein gemeinsam mit hochgelobten Kollegen wie Marco Rose oder Florian Kohfeldt souverän bestand, der bei diesen Eigenschaften als personifizierter Konzepttrainer gelten könnte. Und doch das komplette Gegenteil darstellt: Steffen Baumgart vom Sensationsaufsteiger SC Paderborn.

Der 47-jährige ausgebildete KFZ-Mechaniker, der in Rostock geboren ist, später zeitweise bei der Deutschen Volkspolizei in der DDR angestellt war und noch später als Profistürmer unter anderem in Rostock, Cottbus und Magdeburg sein Geld verdiente, lässt sich nur schwerlich in eine Rubrik stecken, sie müsste für ihn wohl erst einmal erfunden werden. Baumgart ist wahrhaft ein Unikum. Ein Mann, der wenig bis gar nichts auf die Meinung anderer gibt, der Fußball gerne auch mal als „Kampfsport mit Bällchen“ bezeichnet, der schrullige Glücksbändchen ums rechte Handgelenk trägt, der mit Basecap und Zehn-Tages-Bart immer ein bisschen verlottert an der Außenlinie rumhampelt, ständig Kaugummi kaut, der seine Spieler oft anschreit und noch mehr mit den Schiedsrichtern mosert. Dieser Steffen Baumgart schüttelt demnächst den Favres, Kovacs und Hütters dieser Welt in den großen Arenen der Republik die Hände. Irgendwie unfassbar.

„Vor zwei Jahren sind wir fast in die Regionalliga abgestiegen. Jetzt bin ich Bundesliga-Trainer“, sagte Baumgart am Sonntag selbst ganz schön perplex über diese Entwicklung, die Augen errötet, das Shirt angefeuchtet vom 100-Meter-Jubelsprint zu seinen feiernden Spielern. Er fügte mit einem breiten Grinsen hinzu: „Vielleicht ja nur für ein Jahr.“ Dann schüttelte er ungläubig den Kopf, vergrub sein Gesicht tief in den Händen, und ging – welch eine Wahnsinnsgeschichte, welch eine wohltuende im doch viel zu oft berechenbaren Kosmos des Fußballs.

Diese unwirklich anmutende Reise der Achterbahnfetischisten aus Ostwestfalen lässt sich wie folgt kurz zusammenfassen:

2014: Aufstieg in Bundesliga

2015: Abstieg in zweite Liga

2016: Abstieg in dritte Liga

2017: Abstieg in vierte Liga (nur dank der Insolvenz von 1860 München blieb Paderborn drin.)

2018: Aufstieg in zweite Liga

2019: Aufstieg in Bundesliga

Zum zweiten Mal in der Klubhistorie wird der SC Paderborn also in der fußballerischen Erstklassigkeit antreten, und das obwohl die Kicker aus der 150 000-Einwohner-Stadt ihr letztes Zweitligaspiel der Saison in Dresden mit 1:3 verloren hatten. Es reichte dennoch, weil auch Verfolger Union Berlin nicht über ein 2:2 in Bochum hinauskam und sich nun in der Relegation gegen den VfB Stuttgart zu behaupten versucht. Am Ende hatte Paderborn bei gleicher Punktzahl die um fünf Treffer bessere Tordifferenz. Nun „kann sich die ganze Stadt auf ein geiles Jahr freuen“, sagte Sport-Geschäftsführer Markus Krösche.

Damals, vor fünf Jahren, erlebte der SCP einige Höhepunkte im Fußball-Oberhaus. Das 2:2 gegen Borussia Dortmund zum Beispiel, oder den 3:1-Heimsieg gegen Eintracht Frankfurt, auch das 82-Meter-Tor von Moritz Stoppelkamp gegen Hannover blieb in Erinnerung. Der Abstieg aber war trotz all dieser Achtungserfolge nicht zu vermeiden, der Kader schlicht nicht bundesligatauglich. Es folgte ein missglücktes Intermezzo von Stefan Effenberg als Trainer in der zweiten Liga, später der Absturz fast bis in die viertklassige Bedeutungslosigkeit.

Mit dem Aufstiegsdoppel unter Baumgart meldeten sich die Paderborner nun furios zurück, eingeplant war das gewiss nicht, maximal ein solider Mittelfeldplatz wurde als realistisch eingeschätzt. Es kam anders. Die baldige Bundesligazugehörigkeit soll dem Verein eine solide Basis für die nächsten Jahre bringen. Eine zweite Bruchlandung, das wollen sie an der Pader nicht mehr erleben. „Wir kriegen jetzt ganz andere Möglichkeiten als in der zweiten Liga“, sagte der Paderborner Präsident Elmar Volkmann. Damit werde man vernünftig umgehen. „Sportlich weiß man es nie genau, aber alles andere werden wir sauber im Griff haben.“

So wie die Aufstiegssause gestern Abend. Dafür wurde extra eine große Bühne aufgebaut, weil es in Paderborn keinen Rathausbalkon gibt. Steffen Baumgart fand das, und eigentlich alles in diesen Tagen, einfach nur „geil“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion