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Fertig hergerichtet für Geisterspiele: Die Arena in Dortmund.

Bundesliga

Ein paar Umdrehungen zu viel

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Die DFL will im Kampf um die Bundesliga nicht als zu breitbeinig wahrgenommen werden - und ist deshalb arg irritiert über eine konzertierte Werbeaktion von „Bild“ und „Sky“.

Der von der „Bild“-Zeitung und deren digitalen Kanälen mit Leadvocals aus der Politik komponierte und von Pay-TV-Sender Sky mit Begleitmusik aus der Deutschen Fußball-Liga orchestrierte Hochdruck auf eine Wiederaufnahme der Bundesligasaison am 9. Mai hat allgemeines Unbehagen hinterlassen. Das ist nach Informationen der Frankfurter Rundschau auch in der mehrstündigen Präsidiumssitzung der Deutschen Fußball-Liga am Dienstagmittag sehr deutlich geworden und mit einiger Verärgerung zum Ausdruck gekommen. Die Videokonferenz verlief offenbar ungleich weniger einvernehmlich als vorangegangene Sitzungen in der Corona-Krise.

Einzelne Teilnehmer monierten zwei Tage vor der Mitgliederversammlung aller 36 Klubs nachdrücklich, dass sich die DFL habe vereinnahmen lassen und dabei der Eindruck entstanden sei, die Bundesliga habe in einer brachialen konzertierten Kampagne mit „Bild“, Sky auf Vorlage der Politiker Laschet, Söder und Spahn Fakten für eine Restart der Saison am 9. Mai schaffen wollen. Auch in der DFL wird dies dem Vernehmen nach selbstkritisch diskutiert. Es bleibt ein ungutes Gefühl, man habe sich möglicherweise vor einen Karren spannen lassen, den man so eigentlich gar nicht ziehen will.

Am Montagnachmittag hatten die Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen und Bayern exklusiv in „Bild“ erklärt, Geisterspiele seien „vielleicht ab dem 9. Mai frühestens denkbar“. „Bild“ interpretierte den vermeintlichen Scoop kühn: „Der Countdown läuft. Noch 18 Tage, dann rollt der Ball wieder!“ Eingerahmt wurde die bejubelnde Berichterstattung von einem Bild-TV-Interview mit dem öffentlich zuletzt so sorgsam zurückhaltenden DFL-Boss Christian Seifert, der sich im Gespräch mit „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt und Sportchef Matthias Brügelmann auffällig demütig für das Wohlwollen der Politik bedankte.

Auch die dem „Bild“-TV gemeinsam in Ton und Bild zugeschalteten mächtigsten Klubchefs der Bundesliga, der Münchner Kalle Rummenigge und der Dortmunder Aki Watzke, äußerten, gleichwohl breitbeiniger als Seifert, ihre sichtliche Zufriedenheit über die ihre Landeschefs als „großartige Geste der Minister“.

Der (falsche) Eindruck, dass es sich bei der hochsensiblen Angelegenheit gar um eine wohlüberlegte Strategie der Profifußball-Lobby gehandelt haben könnte, verdichtete sich tags darauf. Da erschien in der „Bild“-Zeitung eine ganzseitige Anzeige des Bundesliga-Hauptfinanziers Sky, rot überschrieben von den DFL-Emblemen der Ersten und Zweiten Bundesliga. In der Anzeige jubelt Sky mit einem über elf Zeilen langgezogenen „Jaaaaaaaa - die Bundesliga ist bald wieder da“. Ganz so, als sei das längst beschlossene Sache.

Hallo? Geht´s noch?

Das auch gegenüber den Ministern der Länder äußerst unsensible Vorgehen des Pay-TV-Partners mit seiner lange vorbereiteten Anzeigenschalte – dazu die ganze Wucht dieser Berichterstattung auf allen „Bild“-Kanälen –, konterkariert die bisherige Zurückhaltung der DFL, die sich des gesellschaftlichen Sprengstoffs bewusst ist. Jenes unheilvollen möglichen Gefühls nämlich, das Profifußball vor Geisterkulisse in Zeiten des Social Distancing auslösen könnte - gerade bei den kritischen Fanorganisationen, aber auch bei vielen Bürgern dieses Landes, die die gesellschaftspolitischen Prioritäten anders beurteilen als der Profifußball und dessen angeschlossenen Medienpartner.

Etwas mehr Social Distancing vom mächtigen Boulevardblatt wäre in diesen hochsensiblen Zeiten wohl ratsam gewesen, heißt es inzwischen. Auch, dass die Sky-Werbung in dieser Plumpheit zur Unzeit nicht verhindert werden konnte, hat in der Frankfurter DFL-Zentrale keineswegs „Jaaaaaaaa“-Jubelorgien ausgelöst. Ganz im Gegenteil.

Zumal laut der Deutschen Presse-Agentur das Bundesinnenministerium strikt dagegen sei, bereits einen Termin für die Wiederaufnahme der letzten neun Spieltage zu nennen. Das gehe aus einem Schreiben von Staatssekretär Stephan Mayer (CSU) an die Vorsitzende der Sportministerkonferenz, die Bremer Senatorin Anja Stahmann (Grüne), hervor. Vor der Entscheidung seien „die weiteren Entwicklungen der Pandemie“ abzuwarten.

Die DFL hatte immer wieder betont, sich den Vorgaben der Politik selbstverständlich zu unterwerfen. Sie hat zudem eine medizinische Taskforce gebildet, um Spiele in leeren Arenen mit größtmöglichem Schutz für Spieler, Betreuerstab, Balljungen und Mitarbeiter der Produktionsgesellschaften und übertragenden Sender zu gewährleisten und der Politik so einen präzisen Pass für eine Geisterspiel-Erlaubnis in den Lauf zu spielen. Gleichzeitig pflegten DFL-Boss Seifert und Christian Pfennig, der Direktor Unternehmens- und Markenkommunikation, ihre Netzwerke besonders sorgfältig.

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