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Die Geschäfte ruhen nie: Oliver Bierhoff.

DFB

Oliver Bierhoff und sein Business

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  • Jan Scheper
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Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff hat nicht nur als Teilhaber einer Beratungsagentur Interessenkonflikte in Kauf genommen - mit Wissen des Verbandes.

Das Krisengedächtnis vergisst nicht. Oliver Bierhoff bekommt das gerade unangenehm zu spüren. Der Topmanager des Deutschen Fußball-Bundes steht wegen misslungener Krisenkommunikation unter Druck. Wegen der WM-Blamage. Wegen der Özil-Erdogan-Debatte. Wegen der von ihm favorisierte Image-Ideen, die kein Mensch mehr aushält. Der ehrgeizige, erfolgreiche Akademiker mit ersten Wohnsitz am Starnberger See, wo der zur Werbe-Ikone aufgestiegene Torschütze des Golden Goal 1996 ein mächtiges Anwesen besitzt, hat Beachtliches geschafft. Bierhoff, gerade 50, träumt schon länger von einem „Silicon Valley des Fußballs“ in Frankfurt. Eine Vision, die nun mit der neuen DFB-Akademie an der alten Galopprennbahn Wirklichkeit werden soll, auch wenn die Grundsteinlegung andauernd verschoben werden muss.

Doch ein in der aktuellen Diskussion kaum beachteter Teil seiner Karriere wirft tatsächlich ganz andere Fragen auf. Offenbar hat Bierhoff jahrelang Interessenkonflikte in Kauf genommen und finanziell davon profitiert – und der Verband ließ ihn bereitwillig gewähren.

Oliver Bierhoffs Vermarktungspläne wurden öfter hinterfragt

„Projekt b GmbH“ heißt das Unternehmen, um das es geht. Es sitzt in Bremen. Geschäftsführer ist ein überaus erfolgreicher Geschäftsfreund von Bierhoff: Marc Kosicke. Repräsentatives Motto: „Profitieren Sie (…) von unserem breiten Netzwerk in Sport, Medien und Wirtschaft.“ Das Portfolio der Beratungsagentur ist beachtlich. Man „versteht sich als Partner im Hintergrund“ – etwa für die Trainer Julian Nagelsmann, Florian Kohfeldt, Manuel Baum – und vor allem für Jürgen Klopp, mit dem Kosicke Projekt b in der Branche berühmt machte. Vermarktet werden auch die Sportschau-Moderatorin Julia Scharf oder ZDF-Sportstudio-Moderator Sven Voss. Als „Wortführer“ werden Klubfunktionäre für Veranstaltungen vermittelt: etwa Hans-Joachim Watzke (Dortmund), Toni Schumacher (Köln) oder Jörg Schmadtke (Wolfsburg).

Gegründet wurde Projekt b im Jahr 2007 von Kosicke und Bierhoff, der nicht namentlich auf der Website genannt wird. Kosicke arbeitete vorher für Adidas und Nike. Ursprünglich, so ist bei einem Branchendienst nachzulesen, wollte man sich nur um die Vermarktung des früheren Stürmers Bierhoff kümmern. Doch wurde mit der Firmengründung vor elf Jahren erstmalig institutionalisiert, was Bierhoff seitdem nachhängt und auch die Debatte um seine Person wieder anheizt: der Ehrgeiz, sportlichen Glanz in eine nachhaltige Marke umzuformen und dabei Geld zu scheffeln.

Bierhoffs Vermarktungspläne wurden immer mal wieder hinterfragt. Im Frühjahr 2010 sagte er der Frankfurter Rundschau auf eine entsprechende Frage: „Ich bin in der Agentur nur Teilhaber, aber überhaupt nicht aktiv tätig. Tatsächlich ist es sogar so, dass die Aktivitäten der Agentur durch meine Tätigkeit für die Nationalmannschaft begrenzt sind.“

„Ich möchte keine Marke sein, lieber ein Weltklasseverteidiger“

Schon 2008 hatte es Kritik an dem Doppelengagement des Ex-Nationalspielers gegeben. Der „Kölner Express“ berichtete über Gespräche zwischen Projekt b und dem Berater der damaligen Nationalspieler Marcell Jansen und Patrick Helmes. Geschäftsführer Kosicke dementierte: „Eine Zusammenarbeit mit Spielern des DFB gibt es nicht, weil es dann zu Interessenkonflikten käme. Deshalb ist so etwas für uns ausgeschlossen.“ Es ging weiter. Die Agentur begann, den damaligen Koch der Nationalmannschaft, Holger Stromberg, zu vermarkten. Nach öffentlicher Kritik wurde das Arbeitsverhältnis beendet. Bierhoff sprach in einem Interview von einem „Fehler“. Allerdings einer, der später offenbar keine Rolle mehr spielt. Denn Projekt b vermarktet nun seit Jahren einen deutschen Nationalspieler: Mats Hummels. Auf dessen Website ist die Agentur als Marketingkontakt angegeben. Dort steht auch folgender Satz: „Ich möchte keine Marke sein, lieber ein Weltklasseverteidiger.“ Bei Projekt b wird Hummels als „Markenbotschafter“ angeboten.

Zwei Sponsoren der Nationalmannschaft, Adidas und Boss, führt Hummels als „Partner“ auf seiner Website an. Im Dezember 2009 hatte Bierhoff dem „Handelsblatt“ gesagt: „Sollte Projekt b einen Spieler vermarkten, wird natürlich direkt unterstellt: Der wird nominiert, weil die Agentur, an der ich beteiligt bin, ein Vermarktungsinteresse hat. Dieser Gefahr sind wir uns natürlich bewusst, und wir entgehen ihr.“

Und der Innenverteidiger ist nicht der Einzige mit unstrittiger Beziehung zur Nationalmannschaft und zum DFB: Angeboten wird auch der Psychologe der Jogi-Elf, Hans-Dieter Herrmann. Der 58-Jährige arbeitet auch als Experte fürs ZDF. Bevor Trainer André Schubert, ebenfalls Klient bei Projekt b, seine zeitweilige Erfolgsgeschichte bei Borussia Mönchengladbach 2015 startete, war er von Juli 2014 an Trainer der U15-Nationalmannschaft.

Wann ist Oliver Bierhoff ausgeschieden, was hat er verdient? 

Welche Rolle hat Bierhoff, der seinen persönlichen Beratervertrag mit dem US-Ausrüster Nike aufgeben musste, als er im Sommer 2004 die Managementaufgaben im eng mit dem Konkurrenten Adidas verbandelten DFB übernahm? Der Verband teilt mit, man sei stets über Bierhoffs Aktivitäten informiert gewesen. Wobei, so der DFB weiter, „er nach unserer Kenntnis keine aktive Funktion wahrnahm, sondern inaktiver Gesellschafter war“.

Sogar Projekt-b-Geschäftsführer Kosicke scheint sich bei der Funktion seines Freundes Bierhoff nicht ganz sicher zu sein. 2015 sagte Kosicke: „Er war nie operativ tätig, er hat die Firma mit seiner sportlichen Expertise ergänzt.“ Was auch immer das heißen mag. 2017 klang das in einem Interview etwas anders: „Oliver ist schnell operativ ausgeschieden, weil seine Aufgabe als Manager der Nationalmannschaft sehr umfangreich wurde und wir Interessenkonflikte vermeiden wollten.“ Anfragen zum Thema, auch zu Vergütung und Gewinnausschüttung an den Gesellschafter Bierhoff, beantworteten weder dieser noch Projekt b.

Ende 2017 verkauft Bierhoff jedenfalls seine Anteile – mit „Blick auf die neue Funktion im DFB“, heißt es aus Frankfurt. Präsidiumsmitglied Bierhoff ist seit dem 1. Januar 2018 einer von vier DFB-Direktoren, zuständig für die Nationalmannschaften der Männer und Frauen, den Nachwuchs und die neue Akademie. Insofern bestehe „keinerlei Interessenkonflikt“, teilt der Verband auf Anfrage mit. Nachfrage: Wie war das in den zehn Jahren zuvor? Wann ist Bierhoff operativ ausgeschieden? Was hat er verdient? Zunächst keine Antwort. Und dann doch. Präsident Reinhard Grindel sagt im „Kicker“ auf die Frage nach der Verbindung des Neu-Direktors zu Projekt b: „Sein Verhältnis zu dem Unternehmen ist ausführlich mit unserer Ethikkommission besprochen worden. Er hat sein Engagement dort aufgegeben, damit ist sichergestellt, dass hier kein Interessenkonflikt besteht.“ Aha.

Oliver Bierhoff und der DFB hatten einen Deal

Was sagt die DFB-Ethikkommission? Der Vorsitzende Klaus Kinkel meldet sich schnell zurück. Die Kommission habe 2017 einen anonymen Hinweis erhalten, dass Bierhoff an einer Firma beteiligt sei. Es sei infolgedessen zu zwei Gesprächen zwischen ihm und dem Manager gekommen – „im letzten Jahr“. Bierhoff sei sehr kooperativ und offen gewesen. Ja, er habe die ganze Zeit als Gesellschafter der Agentur „mitverdient“. In welchem Umfang, weiß Kinkel nicht. Aber Bierhoff habe seit der Festanstellung beim DFB eine „allgemeine Klausel“ im Arbeitspapier gehabt, die ihm dies gestattet habe. „Dort stand nur, dass er im Rahmen dieser Tätigkeit nichts tun dürfe, was dem DFB schadet.“ Die Kommission habe Bierhoff dann geraten, auch mit Blick auf dessen neue Funktion, die Zusammenarbeit mit der Agentur wegen Interessenkonflikten zu beenden. So geschehen Ende 2017.

Was bleibt übrig? Bierhoff und der DFB hatten einen Deal. Er durfte Nebengeschäfte – auch als Festangestellter – unterhalten. Dazu gehörte auch ein millionenschwerer Testimonial-Vertrag mit der Postbank aus dem Jahr 2007. Der DFB warb schon längst für die Commerzbank, als Bierhoff noch in Bällen der Postbank badete. „Die Postbank war zu dem Zeitpunkt, als sie mich als Testimonial gebunden hat, ein DFB-Sponsor“, erklärte er später dazu – und ließ die Partnerschaft erst im Sommer 2010 vertragsgemäß auslaufen.

Den kritischen Klangteppich an Geraune, der den Multimillionär jahrelang begleitete, wusste er auszublenden oder mindestens abzudimmen. Als SAP-Botschafter (der er seit einem Jahr nicht mehr ist) fand Bierhoff nichts dabei, während der WM 2014 in Brasilien und bei der EM 2016 die bedeutenden Errungenschaften des Softwarekonzerns für die Nationalmannschaft in einer DFB-Pressekonferenz vorzustellen. 2018 in Russland schloss sich eine weitere von Bierhoff begleitete SAP-Präsentation an. Als (hochdotierter) SAP-Botschafter fungieren zu dürfen, sei ihm „eine besondere Ehre“, hatte er bei seiner Vorstellung 2013 mitgeteilt. Vor der EM 2012 bereitete sich das DFB-Team in der Herberge des SAP-Gründers Dietmar Hopp vor. Bierhoff kommentierte die Entscheidung für das feudale Gasthaus in Südfrankreich seinerzeit so: „Ein wunderschönes Hotel mit einer wunderbaren Gastfreundlichkeit von Dietmar Hopp.“ Aber laut DFB zu weiträumig als EM-Quartier 2016.

Als die deutsche Mannschaft 2016 stattdessen in Evian am Genfer See aufschlug, fragte sich die „Süddeutsche Zeitung“, ob es sich dabei um eine „geschäftsdienliche Fortsetzung“ einer anderen alten Partnerschaft handele. Denn ausgerechnet in Evian haust der Lebensmittelkonzern Danone, die Mutterfirma des Quellwassers Evian – Zufall oder nicht: 1997 war Bierhoff gemeinsam mit seinem dicken Kumpel, Torwart Andreas Köpke, Protagonist im Werbespot für den Schokopudding Dany Sahne von Danone („Davon krieg ich nie genug“). Köpke wurde 2004 DFB-Torwarttrainer. Auf Nachfrage reagierte Bierhoff während der EM 2016 pikiert. Er wundere sich, dass ein Journalist überhaupt Zeit habe, sich mit einem solchen Thema zu beschäftigen. Vielleicht deshalb, weil Bierhoffs DFB-Karriere von Geschäftsbeziehungen mit „Geschmäckle“ begleitet wird? So war der damalige Präsident Theo Zwanziger persönlich sehr enttäuscht, weil Bierhoff Ende 2009 im neuen Vertragswerk mit Adidas-Partner DFB ausgerechnet ein Ansinnen paraphiert hatte, vor Nike-Managern in den USA Vorträge halten zu dürfen.

Interessenkonflikte, die über die Jahre hinweg bestanden, waren ansonsten offenbar nicht nur zweitrangig, sondern den Beteiligten vollends bewusst und vertraglich – je nach Lesart – gedeckt. Die Fasern des Agenturnetzwerks reichten auch in den Verband hinein. Fakt ist: Selbst wenn Bierhoff irgendwann nicht mehr direkt ins operative Geschäft eingebunden war, fungierte er parallel als Aushängeschild des DFB – und von Projekt b. Bis Kinkel Bierhoff sagte: „Gehen Sie da schnell raus.“

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