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David Alaba: Trost vom Gegner.

EM 2016 - Österreich

Ohne Schlagobers

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Österreichs Nationalelf steht nach der Auszeit zur Unzeit nun im zweiten Spiel gegen Portugal schon mächtig unter Druck – und David Alaba in der Kritik.

Es ist der Bauweise im Mediencenter der österreichischen Nationalmannschaft in Mallemort geschuldet, dass der Darsteller oben auf der Bühne so wirkt, als spreche dort ein Staatsmann. Das Podium, das mitten in die Gemeindehalle des Provence-Örtchens gezimmert wurde, ist nämlich definitiv zu gewaltig geraten. Vermutlich hat sich der Österreichische Rundfunk (ORF) dieses hölzerne Monstrum gewünscht, schließlich überträgt das Fernsehen derlei Veranstaltungen live die Alpenrepublik.

Und vielleicht haben am Mittwochmittag noch ein paar Menschen mehr eingeschaltet, denn der Erklärungsbedarf für Teamchef Marcel Koller war auf einmal gewaltig, seit die rot-weiß-rote Auswahl mit dem missratenen EM-Auftakt gegen Ungarn (0:2) wieder in einen längst überwunden geglaubten Zustand zurückgefallen ist. „Wir haben noch zwei Spiele, da müssen wir die Köpfe hoch halten und enger zusammenrücken. Dann können wir auch gewinnen“, richtete der 55-Jährige aus.

Der Schweizer wirkt indes seit einigen Tagen ein bisschen blass und grau. Kann es sein, dass ihm allmählich dämmert, dass die fehlende Turniererfahrung wie ein Bumerang sein Ensemble trifft, das wohl voreilig in den Status eines Wunderteams gehievt wurde? Stattdessen wie früher zur Zielscheibe aller Zyniker zu werden, hätten die Protagonisten sich gerne erspart. „Der größte Alptraum: Wir stehen schon total unter Druck“, nörgelte die „Kronen Zeitung.“ Und der „Kurier“ spottete: „Aller Anfang ist schwer, aller Anfang kann auch gehörig danebengehen.“

Koller fand das natürlich längst nicht lustig. Er hatte bereits in Bordeaux entwaffnend ehrlich eingestanden: „Wir wissen, dass wir anders Fußball spielen können, aber wir haben es nicht auf den Platz gebracht.“ Es sei jedoch Wunschdenken zu glauben, Toplevel ließe sich auf Knopfdruck erreichen. Der eine oder andere hinkte seinem Leistungsniveau viel zu weit hinterher. Etwa David Alaba, der abgesehen von seinem frühen Pfostenschuss nicht beweisen konnte, warum der 23-Jährige zwingend auch im Verein im zentralen Mittelfeld spielen muss. „Die Passqualität des Bayern war an diesem Tag alles andere als erster Schlagobers“, schmähte der „Standard“ den gebürtigen Wiener. Wenn schon der Anführer einknickt, dann durften es die Mitspieler erst recht.

Für apokalyptische Untergangsszenarien besteht zwar noch kein Anlass, aber Koller wusste selbst: Es bleibt nicht viel Zeit für die Analyse. Und auch nicht für die Regeneration des böse mit dem Knöchel umgeknickten Antreibers Zlatko Junuzovic, der mindestens einen schweren Bluterguss erlitten hat. Der Bundesligaprofi wird eher nicht zur Reisegruppe zählen, wenn schon am Freitag der Flieger von Avignon nach Paris geht und am Samstag im Prinzenpark das zweite Gruppenspiel gegen die Portugiesen ansteht.

„Schock verdauen“

„Wir sollten gegen Portugal punkten. Am besten dreifach“, empfiehlt der Teamchef. „Jetzt haben wir doch eh nix mehr zu verlieren“, ergänzte Kapitän Christian Fuchs. Der Linksverteidiger vom englischen Meister Leicester City wollte trotz aller Enttäuschung am Tag danach bereits „eine Aufbruchsstimmung“ ausgemacht haben. Doch der Grat, auf dem die Nation der Skifahrer und Bergsteiger jetzt wandelt, ist verdammt schmal.

Im Falle einer zweiten Schlappe könnte noch eine letzte Chance im Stade de France gegen Island warten. Allein für diese dritte Partie in einer Woche haben sich 24 316 österreichische Fans ein Ticket gesichert; und die sollen bitte nicht Zeuge einer Vollblamage werden. „Der Modus erlaubt es, auch als Dritter weiterzukommen“, merkte der zu seiner eigenen Verwunderung nicht benötigte Verteidiger Sebastian Prödl an. Der frühere Bremer Bundesligaprofi hätte erwartet, dass er nach der Gelb-Roten Karte gegen Aleksandar Dragovic sofort aufs Feld kommen würde. Passierte nicht. Dafür hatte er einen unverstellten Blick darauf, was gegen die taktisch besseren Magyaren schiefging. „Ungarn hat uns überrascht. Und diesen Schock müssen wir verdauen.“ Vermutlich lag auch ihm das schlimmer im Magen als das pappige Baguette, in das Österreichs Ersatzspieler an diesem gebrauchten Tag frustriert biss.

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