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Uraufführung der Geister: Frankfurt gegen Basel musste vor einem Jahr kurzfristig ohne Zuschauer stattfinden.
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Uraufführung der Geister: Frankfurt gegen Basel musste vor einem Jahr kurzfristig ohne Zuschauer stattfinden.

Fußball in Corona-Zeiten

Ein Jahr Geisterspiele: Ohne die Kutte von Littenweiler

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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  • Thomas Kilchenstein
    Thomas Kilchenstein
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Ein Jahr spielt die Bundesliga ohne Zuschauer. Die Ereignisse an den März-Tagen 2020 sindim Rückblick dramatisch – und verdeutlichen, wie anfällig der Profifußball letztlich ist

Tim Thoelke polarisiert bereits mit seinem Outfit. Knallrotes Sakko, buntes Einstecktuch, graue Haare, nach hinten gescheitelt. Seit 2002 lebt der gebürtige Hannoveraner in Leipzig, bald feiert er sein zehnjähriges Dienstjubiläum als Stadionsprecher bei RB Leipzig. Er hat beim erst 2016 aufgestiegenen Bundesligisten genügend Spiele erlebt, in denen die türkisfarbenen Schalensitze überwiegend leer blieben. Aber Geisterspiele sind noch einmal ganz anders. „Es fühlt, sich ein bisschen so an, wie den Spielern beim Training zuzugucken. Das Befremdliche für mich ist, dass es um wirklich viel geht – Bundesliga, Pokal, Champions League.“

Der 48-Jährige hat in Budapest angesagt, bloß um bei dem verlegten Champions-League-Achtelfinale gegen den FC Liverpool einen Anflug von Heimatmosphäre zu erzeugen. Auch der Moderator, der mit bürgerlichen Namen eigentlich Tim Hespen heißt, stellt sich die Sinnfrage. Sein Klamauk ist für eine Handvoll Mitarbeiter, Ordner, Reservisten, Rettungskräfte oder Journalisten. Thoelke war vor einem Jahr derjenige, der hierzulande das bisher letzte Pflichtspiel vor vollen Rängen ansagen durfte.

Rückblende. 10. März 2020. RB Leipzig gegen Tottenham Hotspurs. Champions-League-Achtelfinale. Vorausgegangen waren Debatten, ob die sächsische Landesregierung nicht auf die rasante Ausbreitung des Virus reagieren müsste. RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff begrüßte den Entschluss, in der ausverkauften Arena anzutreten, obwohl viele zweifelten, ob das denn richtig sei, die Leute dicht an dicht erst in eine dampfende Straßenbahn und dann ins Stadion zu lassen. Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann erinnert sich noch genau an das 1:0, „als die Fans den Namen von Sabi geschrien haben“. Marcel Sabitzer schnürte einen Doppelpack, auf den Rängen umarmten sich die Menschen, die Journalisten quetschten sich später an einem Absperrband, um die O-Töne zu bekommen.

Die Königsklasse sollte woanders bald als Superspreader identifiziert sein. Das in Mailand ausgetragene Achtelfinale zwischen Atalanta Bergamo und FC Valencia wurde ein Fall für die Justiz, weil Bergamos Besucher Covid-19 in die Lombardei trugen. So wie Anhänger von Atletico Madrid im Auswärtsspiel beim FC Liverpool dazu beitrugen, dass sich das Virus an der Merseyside wie ein Buschfeuer ausbreitete.

In Deutschland hatten die Behörden parallel gehandelt: Die Stadt Mönchengladbach verfügte, dass das Nachholspiel zwischen der Borussia und dem 1. FC Köln am 11. März ohne Stadionbesucher stattfinden muss. Am Tag des ersten Geisterspiels der Bundesliga sollten sich auch die Ereignisse bei Eintracht Frankfurt zuspitzen. Alle waren an jenem Mittwoch bis zum späten Nachmittag davon ausgegangen, dass anderntags die Europa-League-Begegnung gegen den FC Basel noch mit Zuschauern angepfiffen würde. Am Vormittag hatte Professor René Gottschalk, Virologe und Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, auf einer Pressekonferenz noch gesagt, die statistische Wahrscheinlichkeit, sich während eines Fußballspiel anzustecken, „liegt bei Null“. Der anerkannte Experte Gottschalk begründete seine Einschätzung damit, wonach es an diesem Tag in Hessen und im Kanton Basel nur jeweils 35 Personen gebe, die „mit dem für junge Menschen nicht gefährlichen Virus“ infiziert seien.

Am Nachmittag überschlugen sich die Ereignisse. Das Gesundheitsamt Frankfurt war, wohl auch auf Druck der Hessischen Landesregierung in Wiesbaden, zu „einer Neubewertung der Lage“ gekommen. Im Elsass war die Zahl der Infizierten sprunghaft gestiegen, die Partie am Donnerstag konnte nur als Geisterspiel stattfinden, die Eintracht, von ihren Fans gezwungenermaßen allein gelassen, verlor sang- und klanglos 0:3. Die Verunsicherung der Beteiligten war rund ums Spiel mit den Händen zu greifen.

Offensichtlich war, dass sich an diesem Abend eine Reihe von Spielern nicht wohl gefühlt hatten in ihrer Haut. Einige Fußballer hätten es sogar vorgezogen, nicht anzutreten, die Sportliche Führung aber hatte die Profis zu einem Einsatz aufgefordert. „Keiner weiß so richtig, was mit dem Virus passiert und was es alles anstellt. Das ist eine unangenehme Situation“, sagte seinerzeit Torwart Kevin Trapp. Und Coach Adi Hütter meinte, er fühle sich überfordert. Am anderen Tag fiel aus die nächste Pressekonferenz aus. Sportvorstand Fredi Bobic hielt am Freitag, 13. März, Kontakt mit der Zentrale der Deutschen Fußball-Liga, wo hektische Betriebsamkeit herrschte.

Die Verantwortung lastete auf Geschäftsführer Christian Seifert und seinem Direktor Ansgar Schwenken wie ein tonnenschwerer Himmelskörper. In dem DFL-Wirtschaftsreport 2021 sind „Wegmarken der außergewöhnlichen Spielzeit 2019/2020“ festgehalten. Zu jenem Tag heißt es: „Das Präsidium der DFL sagt den 26. Spieltag ab und empfiehlt die sofortige Aussetzung des Spielbetriebs.“ Grund: „Infektionen im Umfeld mehrerer Klubs und Mannschaften.“ Die Entscheidung war rückblickend die einzig Vernünftige. Dass der Ball in der Bundesliga nicht mehr rollen würde, verdeutlichte plötzlich erst vielen Menschen, wie ernst es bei Corona ist. Die ersten Bürger ahnten: Bald wird nichts mehr so sein wie vorher.

Zwar beschloss die DFL-Mitgliederversammlung nur drei Tage später, die Saison zu Ende zu spielen, „soweit dies rechtlich zulässig und gesundheitlich vertretbar ist.“ Doch ob das gelingen würde, wusste in jenem Moment noch keiner. Vor allem Seifert arbeitete in den folgenden Tagen und Wochen weitsichtig an einer Strategie, um das Weiterspielen zu ermöglichen. Er wusste: Es geht ansonsten ans Eingemachte. Viele Klubs würden einen Saisonabbruch nicht überstehen. Der Bundesliga-CEO erlebte die aufreibendsten Wochen seines beruflichen Wirkens. Hinter den Kulissen nutzten Bosse wie Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund) die Verbindungen zur Politik. Eine Schlüsselrolle spielte auch der DFB-Mediziner Tim Meyer, der ein Hygienekonzept austüftelte, das der Bundesliga als erste Profiliga weltweit die Rückkehr ermöglichte.

Am 6. Mai erlaubten Bund und Länder die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, am 16. Mai, nach 66 Tagen Zwangspause, ging es bereits weiter. Am 27. Juni nahm der FC Bayern wieder die Meisterschale in Empfang, der Entzug der Zuschauer hatte an den Kräfteverhältnissen nichts geändert. Im Gegenteil. Die Münchner gewannen nach einer kurzen Sommerpause sogar noch die Champions League.

Doch das Spiel ohne Zuschauer missfällt sogar den Profis, wie Nils Petersen im „Kicker“ beschrieb. „Ich fahre zur Arbeit, so fühlt es sich derzeit an.“ Der Stürmer vom SC Freiburg stellt fest, dass viele Emotionen fehlen. „Früher habe ich um halb zwölf am Bahnhof Littenweiler in Stadionnähe schon 20 Fahnen und 48 Trikotträger gesehen. Da wusstest du: Heute kannst du die Leute glücklich machen.“ Auch Andreas Luthe, der Torwart von Union Berlin, sagt: „Unser Spiel ist kühl geworden. Wir gehen unserem Beruf nach, wir spielen unser Spiel, es wird übertragen. Fertig.“

Umso erstaunlicher eigentlich, dass sich das Niveau kaum verändert hat. Und selbst der Fernsehzuschauer scheint sich an die gruselige Inszenierung zu gewöhnen. Die ARD-Sportschau, die zwei Mal erschreckende Quoten an den ersten Spieltagen nach der Corona-Krise vermeldete, lockt wieder knapp fünf Millionen vor die Mattscheibe. Die Bezahlangebote bei Sky und Dazn werden ausreichend nachgefragt. Und die TV-Anstalten bezahlen für die nächsten vier Jahre nicht wesentlich weniger. Da hat es andere Branchen viel schlimmer erwischt. Wie weit sich die Basis wirklich vom Fußball abwendet, werden erst die Zuschauerzahlen der nächsten Jahre zeigen.

Kritik tragen vor allem die organisierten Fans vor. Sie bemängeln, dass die Etats nicht reduziert sind, dass der Wille zur Veränderung so gering ist. Es wird tatsächlich kaum reichen, nach der wegen der Corona-Krise eingesetzten „Taskforce Zukunft Profifußball“ nur Arbeitsgruppen zu bilden. Die in diesem Gremium sitzenden Fanvertreter finden, dass der Fußball gerade wieder unter Beweis stelle, „dass die vorgebrachte Demut und Selbstkritik nur Mittel zum Zweck war – ein Vorwand, um während und nach der Pandemie genauso weiter machen zu können wie bisher.“ Wie groß die Engpässe sind, belegen die Landesbürgschaften, die Klubs wie der FC Schalke 04, Werder Bremen, aber auch Eintracht Frankfurt (zur Absicherung der Infrastrukturprojekte) beantragt und bekommen haben.

Die Anhänger von „Unsere Kurve“ möchten daran erinnern, „wie aufgeladen die Stimmung vor der Pandemie war. Dem Fußball wurde am letzten Spieltag mit vollen Stadien auf unzähligen Spruchbändern dargelegt, was er falsch gemacht hat. Ist das alles schon vergessen?“ Heute müsse man konstatieren: „Seit der Ball im Mai 2020 wieder rollt, ist das einzige Neue im Fußball, dass Geisterspiele zur neuen Normalität gehören.“

Daran will sich glücklicherweise niemand gewöhnen. Leipzigs Trainer Nagelsmann betont, dass es Zeit werde, dass das Stadion bald wieder voll wird – und „der Tim eskalieren kann in seinem roten Anzug.“ Der Marktschreier am Mikrofon vor vollen Rängen wäre tatsächlich ein Zeichen, dass das Schlimmste überstanden ist.

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