DFL CEO Christian Seifert übergibt die Meisterschale an die Bayern. afp
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DFL CEO Christian Seifert übergibt die Meisterschale an die Bayern.  

Saisonbilanz der Bundesliga

Die offenen Fragen des Christian Seifert

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Das starke Krisenmanagement der DFL hat auch Schwächen im System und eine Machtfülle an der Spitze offenbart. Die Verteilung der TV-Gelder wird nun zur Nagelprobe.

In den vergangenen Wochen ist einem Mann im Fußballland geballtes Lob zuteil geworden: Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga. Wohin man auch sah und hörte - die nahezu perfekt verlaufene Restsaison der Fußball-Bundesliga hat dem Manager eine Prominenz beschert, die sich fast schon mit dem noch berühmteren Virologen Christian Drosten messen lassen kann. Mit dem Unterschied, dass der hochdekorierte Coronavirus-Fachmann von der Berliner Charité sich nicht nur breiter Anerkennung erfreute, sondern auch einem kampagnenartig von der „Bild“-Zeitung soufflierten Wutbürger-Volkszorn ausgesetzt sah.

Macher und Macker Seifert hatte es da vergleichsweise gut. Zu „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt gibt es eine belastbare Beziehung, die in diesen Coronazeiten auch dabei geholfen hat, eine zeitige Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu bewerkstelligen. Ein Hygienekonzept, konsequent gesteuerte Lobbyarbeit bei Medien und Politik und eine Strategie der Demut vor einer kritischen Gesellschaft bildeten die Grundlage dafür, dass eine krisenhafte Ausnahmesituation zur Erfolgsgeschichte werden konnte.

Seifert hatte nach Ausbruch der Corona-Krise von Beginn an klargemacht, worum es hier ging: darum, das Produkt Profifußball zu retten, dessen Einnahmen an der Lebensader Pay-TV und kostenpflichtigem Streaming hängen. Der gelernte Medienmanager ist mit seinem profunden Wissen, seiner Erfahrung aus 15 Jahren an der DFL-Spitze, seiner Härte und seinem Netzwerk in Klubs, Politik und Medien, der richtige Mann für diesen Krisenjob gewesen.

Man muss kein Prophet sein, um vorsagen zu können, dass dem smarten Seifert in absehbarer Zeit einige Manager-Awards als zusätzliche Auszeichnung verliehen werden dürften. Nie war er populärer als heute und nie auch mächtiger. Dahinter steckt nicht nur Corona, sondern auch Strategie. Einen neuen Liga-Präsidenten nach dem im vergangenen Sommer zurückgetretenen Reinhard Rauball gibt es nicht, das Amt wurde ersatzlos gestrichen. Stattdessen ist der auch weit in den DFB hinein sehr einflussreiche Seifert seitdem nicht nur alleiniger Geschäftsführer, sondern auch Sprecher des DFL-Präsidiums. Sein dortiger Stellvertreter Peter Peters, ohnehin mäßig intern und öffentlich akzeptiert, ist zusätzlich extrem geschwächt, seit er seinen Job als Finanzchef des abgewirtschafteten FC Schalke 04 verloren hat.

Die Machtfülle des Bundesliga-CEO Seifert birgt auch Gefahren: Der deutsche Profifußball ist so abhängig wie nie zuvor von einem einzigen Mann mit beispielloser Informations- und Kommunikationshoheit, dem niemand Paroli bieten kann und dessen Ehrgeiz und Selbstbewusstsein, Kreativität und Kompetenz ihn eines vielleicht nicht allzu fernen Tages an die Spitze eines Dax-Konzerns führen könnte.

Dass Christian Seifert, Vertrag bis 2022, Krise kann, hat der gebürtige Badener eindrucksvoll bewiesen. Der 51-Jährige hat unter dem immensen Druck der Quasi-Alleinverantwortlichkeit für das Milliardengeschäft auch deshalb gelitten, weil das Coronavirus ihm beizeiten die Kontrolle entrissen hatte. Einer wie er verliert nur ungern die Kontrolle. Insofern ist die Leistung für die von ihm verantwortete Branche im Rückblick umso höher zu bewerten.

Das Erreichte hat weniger mit Einfühlungs- denn mit Durchsetzungsvermögen zu tun. Der Bremer Bürgermeister Andreas Bovenschulte rügte jüngst in einem Interview des „Weser-Kurier“ die „Gnadenlosigkeit, mit der die DFL ihre Interessen durchsetzt“ und fügte an: „Die DFL ist ein seelenloser Machtapparat“ und „mit den derzeit einflussreichen Vereinen in Deutschland verbandelt die bestimmen, wo es langgeht“. Bovenschulte ist kein beleidigter Blödmann, er steht nicht allein mit seiner Meinung, es findet sich aber niemand, der sich trauen würde, sie ebenso öffentlich zu formulieren. Auf Anfrage wollte man sich in der DFL-Zentrale zu den Anwürfen aus dem ohnehin wegen des Polizeikostenzwists mit Argwohn und Abneigung und Herablassung betrachteten kleinsten Bundesland nicht äußern. Das tat stellvertretend Werder Bremens Sportchef Frank Baumann, brav bei Fuß des Bundesligaverbands: „Der Vorwurf trifft uns selbst auch. Die DFL ist ein Zusammenschluss von 36 Vereinen. Wer die DFL kritisiert, kritisiert auch Werder!“

Nun wird es bald darum gehen, die Zukunft neu zu gestalten. Das hat Seifert in der Phase des größten gesellschaftlichen Drucks auf den Profifußball versprochen. In der letzten Aprilwoche sagte er in der ZDF-Sendung „Heute-Journal“: „Wir werden unsere Lehren ziehen und uns sehr wohl Gedanken machen, wie das wirtschaftliche, vielleicht auch dass Wertefundament der Bundesliga künftig aussehen kann.“

Seifert selbst hatte seinen persönlichen Erfolg und mithin den der Bundesliga anderthalb Jahrzehnte lang vor allem an den unter seiner Anführerschaft von 800 Millionen Euro auf fast 5000 (!) Millionen Euro pro Saison vervielfachten Umsätzen gemessen. Menschen wie der ehemalige Frankfurter Vorstandschef Heribert Bruchhagen oder der vormalige St.-Pauli-Geschäftsführer Andreas Rettig erfuhren wenig Unterstützung, wenn sie stur für mehr nationalen Wettbewerb und eine gerechtere Verteilung der explodierenden Medienerlöse warben. Seifert hat seinen Teil zur ausgeprägten Machtbalance mit dem Cluster der Topklubs im ersten Tabellendrittel beigetragen. Regelmäßig zugehörig: die Bayern, Dortmund, Gladbach, dazu die investorengetriebenen Klubs aus Leipzig, Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim. Zufall ist das natürlich nicht. Man darf gespannt sein, ob der Rest der weniger gut betuchten Meute sich diese Zementierung der Verhältnisse fürderhin gefallen lassen wird. St.Pauli-Boss Oke Göttlich gilt als deren Vordenker und Anführer. Er sagt: „Der deutsche Fußball wäre doof, nicht zu reflektieren und auch mal zu gucken: Wo sind jetzt Dinge schiefgelaufen?“

Noch diesen Spätsommer soll sich die Taskforce „Zukunft Profifußball“ unter Einbeziehung von Spielern und Fans gründen, um ein finanziell und moralisch tragfähiges Konzept auszuarbeiten. Einer, der sich auskennt, sagt: „Es geht darum, ob wir sagen: ,Scheiß egal, wie die Konkurrenzsituation in Europa ist: Wir wollen lieber eine bunte, fröhliche, spannende Bundesliga.´ Oder ob wir sechs, sieben der 20 Topspieler Europas und ein paar Sitzplätze mehr in der Bundesliga wollen?“ Eine Pippi-Langstrumpf-Welt-wie-sie-mir-gefällt oder ein unbedingtes Streben nach Exzellenz, wo für Moral und Idealismus weniger Raum bliebe? Das sind die Pole. Es dürfte spannend werden.

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