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OFC-Trainer Schmidt über Nagelsmann: „Julian war sehr sauer“

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Von: Jörg Moll, Christian Düncher

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Was für den Offenbacher Trainer Alexander Schmidt im Pokalspiel gegen Favorit Düsseldorf zählt? „Nur ein Sieg“, sagt er
Was für den Offenbacher Trainer Alexander Schmidt im Pokalspiel gegen Favorit Düsseldorf zählt? „Nur ein Sieg“, sagt er © IMAGO/HJS

Alexander Schmidt, Trainer von Fußball-Viertligist Kickers Offenbach, über seinen einstigen Assistenten Nagelsmann, das Ziel Aufstieg und das DFB-Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf.

Herr Schmidt, in Dresden trainierten Sie zuletzt einen Zweitligisten. Wie viele Abstriche müssen Sie zwei Klassen tiefer in Sachen Professionalität machen?

Es ist gut, aber man muss dranbleiben. Oft sind es Kleinigkeiten. Wir haben beispielsweise keinen Teammanager, müssen als Trainerteam vieles selbst machen. Das ist kein Problem, aber eine Umstellung. Wir haben keinen eigenen Videoanalysten, das macht unser Torwarttrainer. Matthias Georg (der neue Geschäftsführer, Anm. d. Red.) und ich haben vieles angeschoben, zumal ich von einem gewissen Standard nicht abrücken will. Das bedeutet aber extreme Mehrarbeit. In einigen Bereichen müssen wir improvisieren.

Wo zum Beispiel?

Am Dienstag stand jemand mit Tasche und Notizblock beim Training. Da habe ich lieber keine Standards üben lassen. Ich kann kein nicht öffentliches Training machen, da man durch den Zaun gucken kann. Und wegschicken kann ich ja auch keinen.

Dresden stand zum Zeitpunkt Ihrer Beurlaubung auf einem Nichtabstiegsplatz, stieg dann in die Dritte Liga ab. Auch bei Türkgücü München lief es ohne Sie nicht besser. Sehen Sie Offenbach auch als Chance zu beweisen, dass man Ihnen Unrecht getan hatte?

Ich glaube, dass ich immer sehr schwere Stationen hatte. Zum Beispiel 1860 München, mit denen ich in der zweiten Liga auf Platz sechs war, oder in der dritten Liga Türkgücü München mit dem extrem schwierigen Präsidenten Hasan Kivran. Dort lagen wir als Aufsteiger bei der Beurlaubung drei, vier Punkte hinter einem Aufstiegsplatz. In Dresden wollte man mit dem Trainerwechsel einen Impuls setzen, das hat nicht geklappt.

Warum nun Offenbach?

Ich hätte auch einen ruhigen Drittligisten wählen können, bei dem man mit einem Mittelfeldplatz zufrieden ist. Ich mag aber den Druck, den es bei Traditionsklubs gibt, die Anspannung und das Fanpotenzial.

Sie haben nicht nur bei Traditionsklubs gearbeitet, sondern waren in Salzburg als Jugendcoach Teil des RB-Projektes. Wie haben Sie die Arbeit dort wahrgenommen?

Das war top. Man hat viel gelernt, weil jede Woche Studien waren. Das ist vielleicht das modernste Leistungszentrum der Welt. Das hat mir gutgetan.

Wie würden Sie sich als Trainer charakterisieren?

Ich bin ein Arbeitertyp, der mit der Zeit geht, schon ein moderner Trainer. Für Analyse bin ich total offen. Als antiker Typ hätte man ohnehin in Salzburg keine Chance gehabt. Man muss sich weiterentwickeln und lernen, auch von Spielern, die taktisch teilweise besser geschult sind als mancher Trainer. Ich versuche, mit modernen Mitteln zu arbeiten, mit modernen Trainingsmethoden und einer modernen Spielweise.

Wie äußert sich das?

Wir werten zum Beispiel nach jedem Training die Pulsuhren und Trackingdaten der Spieler aus. Die Athletik wird immer wichtiger. Wir hätten am Samstag keine Chance, wenn wir das nicht machen würden. Wir haben die Lauf- und Sprintwerte unserer Spieler und ich sehe, wer was leisten kann. So kann ich meine Mannschaft viel besser einschätzen. Das sind viele Bausteine.

Teilen Sie die Meinung, dass Offenbach und Ulm als Favoriten in die Saison gehen?

Unser Ziel ist es, aufzusteigen. Da sehe ich rein vom Kader her Ulm als schärfsten Konkurrenten. Insofern kann man die Meinung teilen.

Wie viel von dem Vollgasfußball, den Sie gerne spielen lassen, kann der OFC schon zeigen?

Die Spieler sollen ihre Stärke einbringen und ihre Kreativität ausleben können. Aber ich fordere, dass das unter Intensität passiert. Wir brauchen Leidenschaft und Zweikampfrobustheit. Wenn wir das noch reinbekommen, zusätzlich zu dem, was sie eh schon können, haben wir eine sehr gute Mannschaft. Wenn wir uns – wie es eventuell in der Vergangenheit der Fall war – darauf verlassen, abgezockte Spieler zu haben und auf dem Papier super zu sein, wird es nicht reichen.

Zur Person

Alexander Schmidt , 53, geboren in Augsburg, hat sich gut eingelebt in Offenbach. Die hessische Küche jedenfalls hat es dem Ex-Trainer von Dynamo Dresden und Türkgücü München angetan. „Ich liebe Grüne Soße, die esse ich mindestens einmal pro Woche, dazu einen Äppler gespritzt. Überragend.“ Der neue OFC-Trainer gilt als sehr ehrgeizig, er soll die Kickers zum Regionalliga-Aufstieg führen. Seine Bleibe suchte er sich ganz bewusst in der Nähe des Stadions. Meist legt er die fünf Minuten zum Bieberer Berg mit dem Rad zurück. (FR)

Wie gehen Sie mit Fehlern um?

Jeder macht Fehler, ich auch. Man sollte daraus lernen. Es wird angesprochen und analysiert. Man muss auch wissen, wo man Fehler macht. Wir arbeiten viel mit Prinzipien, haben zum Beispiel ein Ampel-System: Vorne in der grünen Zone kann man etwas probieren, kreativ sein. In der orangen Zone im Mittelfeld sollte man bedingt ins Risiko gehen. Und hinten in der roten Zone ist Sicherheit angesagt. Dort braucht man keinen Übersteiger oder doppelten Doppelpass.

Welche Prinzipien gibt es noch?

Wir haben ungefähr 25 offensive und 25 defensive Prinzipien. Zum Beispiel Mittelfeld folgt Mittelfeld. Läuft bei einer Flanke ein Mittelfeldspieler des Gegners in den Strafraum, muss unser Mittelfeldspieler dranbleiben. Viele gucken da nur auf den Ball und im Rücken läuft der Mittelfeldspieler ein und köpft den Ball ins Tor. Da kann ich in der Analyse sagen, wo der Fehler war, und der Spieler hat einen Anhaltspunkt.

Wie kam es zu dieser Herangehensweise?

Ich habe Julian Nagelsmann als Spieler zum FC Augsburg geholt und ihn zu 1860 München mitgenommen, wo er später mein Co-Trainer war. Wir haben uns stundenlang über Taktik unterhalten und die Prinzipien festgelegt. Da gibt es heute noch viel Überschneidungen.

Haben Sie immer noch Kontakt?

Ich habe die Laudatio gehalten, als er als Trainer des Jahres ausgezeichnet wurde. Er wollte mich zudem als Co-Trainer nach Hoffenheim holen. Ich war schon zwei Tage dort, es stand alles fest. Von RB Salzburg lag die Freigabe vor. Aber ich habe dann doch abgesagt. Alexander Rosen (Hoffenheims Direktor Profifußball, Anm. d. Red.) ist immer noch sauer, Julian war damals sauer und hat Pellegrino Matarazzo als Co-Trainer genommen. Die weitere Geschichte ist bekannt.

Bereuen Sie es?

Es lässt sich im Nachhinein nicht sagen, ob es falsch oder richtig war. Finanziell wäre es eine andere Liga gewesen. Ich hatte mal gesagt, dass ich nicht mehr Co-Trainer sein will. Nur für Julian hätte ich eine Ausnahme gemacht, da ich ihm sehr verbunden bin. Ich habe dann aber gemerkt, dass das doch nicht meins ist. Im Endeffekt bin ich aber auch so zufrieden.

Zurück zum OFC: Wie hoch ist der Druck, nach zehn Jahren Regionalliga den Aufstieg zu schaffen?

Das ist für mich kein Druck, sondern Reiz. Mich motiviert es sehr, den Leuten das zu geben, wonach sie sich sehnen. Das ist einer der Gründe, warum ich hier bin.

An diesem Samstag steht das Pokalspiel gegen Düsseldorf an. Sie haben die Fortuna zweimal gesehen. Was erwartet den OFC?

Ein effektiver und abgezockter Gegner, der sehr sauber im Umschalten ist. In Ao Tanaka haben sie einen ballsicherenMann in ihren Reihen. Vorne ist Rouven Hennings abgezockt. Hinten haben sie Türme, die aber verwundbar sind. Sie haben zwei, drei Muster. Diese muss man kennen und nicht überrascht sein, Sie werden loslegen wie die Feuerwehr.

Wann wäre es für Sie ein gelungener Abend?

Nur bei Sieg. Was bringt mir der Rest? Für die Zuschauer wäre ein tolles Spiel schön. Aber als Trainer kann ich mir dafür nichts kaufen.

Interview: Christian Düncher,

Julius Fastnacht und Jörg Moll

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