Amateurfußball

Öfter mal durchlüften

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Der DFB sendet beim Amateurfußball-Kongress in Kassel die Botschaft, die Sorgen der Basis verstanden zu haben.

Früh am Sonntag war Joachim Löw in den ICE von Freiburg nach Kassel gestiegen. Eine entspannte Fahrt, allein im Abteil. Wenn er ansonsten am Wochenende zu einem Bundesligaspiel auf der Schiene fahre, sei es meist nicht so ruhig. „Wenn du im Zug gefühlt 200 Selfies machen lässt, ist das schon anstrengend.“ Diese und andere persönliche Anmerkungen des Bundestrainers bei einem Talk mit der neuen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bildeten beim dritten Amateurfußball-Kongress in Kassel für die knapp 290 Teilnehmer den bereichernden Abschluss.

Die Kluft zwischen Profis und Amateuren ein bisschen zu verkleinern – und sei es mit der Anwesenheit der Nationaltrainer von Männer und Frauen -, dieses Ziel hatte die dreitägige Veranstaltung erfüllt. „Verband und Basis sind wieder enger zusammengerückt“, urteilte DFB-Präsident Reinhard Grindel, der mehrfach den ihm gut bekannten Politbetrieb zurief, mehr in den Sportstättenbau zu investieren. Ihm schwebt zeitnah ein „500-Millionen-Projekt“ vor, das im Zuge der EM 2024 in Deutschland aufgelegt werden sollte.

Der für die Amateure zuständige Vizepräsident Rainer Koch unterstrich: „Es kann nicht sein, dass Jungen und Mädchen in städtischen Ballungsräumen mangels ausreichender Platzkapazitäten nicht Fußball spielen können“. In seiner mit Applaus bedachten Grundsatzrede legte der Präsident des Bayerischen und Süddeutschen Fußball-Verbands den Finger in die Wunde: „Trotz sieben Millionen Mitgliedern haben wir deutlicher weniger Mannschaften und Spieler als früher.“ Gegenüber dem Höchststand 1997 mit 26 935 Klubs sind es derzeit knapp 25 000. Gerade in ländlichen Gebieten bricht der Sportverein um die Ecke als primärer Anlaufpunkt langsam weg. So wie Löw einst mit seinem Vater und drei Brüdern im 2000-Seelen-Örtchen Schönau aufwuchs, ist es mittlerweile vielerorts nicht mehr. Koch warnte: „Wir müssen bei diesem tiefgreifenden Trend gegensteuern, um nicht auf den Stand von 1960 zurückzufallen.“

Frischzellenkur ist nötig

Der 60-jährige sieht sich auch in der Pflicht, auf das veränderte Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen zu reagieren und sich den virtuellen Angeboten an der Spielkonsole nicht zu entziehen. „Fifa 19 ist das moderne Tippkick geworden.“ Die Vereine sollten dafür offen sein – das gehöre alles zu einer „Frischzellenkur“. Neue Regeln, kleinere Mannschaften: Darüber soll zudem bei den Jüngsten diskutiert werden. Koch sparte auch nicht mit Selbstkritik über das verbandsinterne Fehlverhalten - Stichwort Spesenritter in eigenen Reihen: „Das Image hat dadurch gelitten. Wer das nicht erkennt, lügt sich in die eigene Tasche.“

Nun ist nicht gleich wieder alles gut, wenn der DFB selbst mal anprangert, was in Vereinsheimen für Kopfschütteln sorgt, aber Julian Klockow vom VfL Hammonia, ein Klub direkt auf der Hamburger Sternschanze, brachte es auf den Punkt: „Den verstaubten DFB, an den man immer so denkt, habe ich hier nicht gefunden.“ Nur dürfe eine solche Zusammenkunft nicht nur alle sieben Jahre stattfinden.

Zumal der technische Fortschritt ja basisdemokratische Doppelpässe in Minutenschnelle erlaubt. Mit einer eigenen App konnten die Vertreter Vorschläge machen, Themen gewichten und Handlungsempfehlungen aussprechen. Demnach soll ein bundesweiter Kommunikationspool kommen und der DFB seine digitalen Angebote vereinfachen.

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