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Schnell heimisch geworden in der Bundesliga: Paco Alcacer.

Der Nussknacker

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BVB-Torjäger Paco Alcacer trifft und trifft und trifft - er denkt dabei an seinen verstorbenen Vater.

Es ist nicht überliefert, ob Paco Alcacer in den Auslagen eines deutschen Supermarktes auf das Etikett von Apfelsinen schaut, die in der Vorweihnachtszeit so besonders leuchtend orangefarben strahlen. Wenn ja, würde er vermutlich die Herkunftsgebiete schnell zuordnen können, denn die meisten Naranjas werden aus seiner Heimat importiert: aus der sonnenreichen Region von Valencia. Der neue Torjäger von Borussia Dortmund kommt selbst aus Torrent, einer Stadt mit 80 000 Einwohnern. Sein Vater arbeitete dort in der Landwirtschaft. „Als Apfelsinenpflücker. Und das ist Arbeit. Das ist nicht mal ansatzweise mit dem zu vergleichen, was wir machen“, erzählte der 25-Jährige kürzlich der „Süddeutschen Zeitung“. Deshalb versuche er, in seinem Leben Normalität zu wahren. „Wenn ich einen Lauf habe, steigt mein Ego nicht in die Höhe, und es sackt nicht ab, wenn ich mal nicht treffe.“

Letzteres ist bislang kaum vorstellbar. Vor dem Heimspiel am Mittwoch (21 Uhr/Sky) in der Champions League gegen den FC Brügge ist die Last-Minute-Verpflichtung die Tor-Versicherung des Tabellenführers. In der Bundesliga haben Alcacer 265 Einsatzminuten in sieben Spielen für neun Tore gereicht. Zum Vergleich: Den bisherigen Bestwert hielt der Hamburger „Charly“ Dörfel aus der Gründersaison 1963/64, der aber 565 Minuten brauchte. Sein spanischer Erbe gab dafür nur 16 Schussversuche ab und spielte nur zweimal von Beginn an. Immerhin: In der Königsklasse sieht die Bilanz ein bisschen irdischer aus. Gegen AS Monaco (3:0) und Atletico Madrid (0:2) gelang ihm in 164 Minuten erst ein Treffer.

„Natürlich weiß ich auch, dass es unmöglich ist, diese Frequenz aufrechtzuerhalten“, sagte Alcacer schon vor der Länderspielpause, aber aufgehört hat der nur 1,76 Meter große Angreifer trotzdem nicht. In Mainz vergingen nach seiner Einwechslung nur 150 Sekunden, da jubelte das Phänomen vor dem schwarz-gelben Anhang schon wieder. Als bräuchte es noch einen Beleg, warum ihn der BVB einen Tag zuvor fest bis zum 30. Juni 2023 verpflichtet hatte. Zu den zwei Millionen Euro Leihgebühr fließen an den FC Barcelona noch 21 Millionen Euro Ablöse, das Jahresgehalt soll sich auf fünf Millionen belaufen. Klingt nach einem sehr vernünftigen Deal. „Er passt zu 100 Prozent“, beteuert Sportdirektor Michael Zorc, „sowohl fußballerisch und als Typ, der sich trotz der Sprachbarriere schnell integriert.“ Es sei noch einmal ein Unterschied von der Identifikation, glaubt Zorc, ob einer als Leihspieler oder fester Bestandteil einer Mannschaft auflaufe. Und die neue Nummer neun versichert: „Dortmund ist genau die richtige Entscheidung. Die Borussia hat mir geholfen, wieder der zu sein, der ich war.“

Seit Alcacers Verpflichtung hat sich der Effizienzgrad des BVB-Ensembles ungemein gesteigert. Wenn Mario Götze vorne nicht durchkommt, Marco Reus, Jadon Sancho oder Christian Pulisic nicht durchstoßen, bricht diese präzise Waffe die gegnerische Abwehrreihe auf wie der Nussknacker auf dem Gabentisch eine Walnuss. „Er spürt den Fußball. Er ist so geboren“, sagt sein Trainer Lucien Favre, der gewiss nicht auf die Idee käme, diesen instinktsicheren Vollstrecker auf die Außenbahn zu stellen. Genau das aber passierte beim FC Barcelona.

„Verdanke Valencia alles“

Wenn der im Sommer 2016 vom FC Valencia verpflichtete Torjäger („Pacogol“) überhaupt auflaufen durfte. Zu diesem Zeitpunkt bildeten die Weltstars Lionel Messi, Neymar und Luis Suarez einen Wundersturm, der keinen Raum für Mitstreiter ließ. „Das Problem war, ins Team reinzukommen“, sagt der damals oft auf die Bank oder Tribüne verbannte Alcacer. Als er mit Barca nach Valencia zurückkehrte, verhöhnte man ihn als „comepipas“; eine Anspielung auf spanische Stadionbesucher, die geröstete Sonnenblumenkerne, „pipas“, essen.“

Alcacer hat darauf mit einem gewissen Gleichmut reagiert, denn bereut hat er den Wechsel niemals und schlecht reden würde er über seine Heimatstadt auch nicht. „Ich verdanke Valencia alles.“ Im Fußball und im Leben. Er ist geprägt vom frühen Tod seines Vaters, der 2011 einen Herzinfarkt beim Verlassen des Mestalla-Stadions nach dem Saisoneröffnungsspiel des FC Valencia erlitt.

Damals, verriet Alcacer, stand seine Karriere auf der Kippe: „Mein Vater wollte selbst Fußballer werden, hat das aus den verschiedensten Gründen nicht geschafft. Ich habe mir gesagt: Ich tue das für ihn.“ An seinen Unterarm hat er sich seitdem den Todestag mit der Inschrift „Always in my mind“ tätowiert. Mit jedem Tor verarbeitet er noch seine Trauer, wenn er sich bekreuzigt, die Arme ausbreitetet, die Finger streckt und seinen Blick zum Himmel richtet.

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