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Ist 30 Jahre alt und plant schon seine Karriere nach der Profikarriere: der Bremer Nuri Sahin.

Nuri Sahin

„Ich mache das aus Liebe“

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Nuri Sahin, erfahrener Mittelfeldspieler von Werder Bremen, über sein Interesse am Trainerjob, die ersten Versuche als Coach in der Oberliga und darüber, wie er von Pep Guardiola lernen kann.

Nuri Sahin hat im Fußball schon fast alles erlebt. Er lief bereits mit 16 Jahren in der Bundesliga auf, war mit Borussia Dortmund Meister und Pokalsieger, spielte bei Real Madrid und dem FC Liverpool. Seit einem Jahr heißt seine sportliche Heimat Werder Bremen – und Sahin ist schwer begeistert, hat noch viel vor mit den Grün-Weißen. Aber das Profileben allein reicht ihm nicht, der 30-Jährige engagiert sich noch andernorts – unter anderem ist er Trainer beim Oberligisten RSV Meinerzhagen, hat eine Sportakademie in Istanbul gegründet, unterstützt ein E-Sport-Team und kümmert sich um Hilfsprojekte in Afrika. FR

Herr Sahin, fast genau vor 14 Jahren haben Sie Ihr erstes Bundesligaspiel bestritten. Welchen Pass würden sie in Ihrer Karriere gerne noch spielen?
Super gerne einen wichtigen Pass in einem Finale, es darf auch der entscheidende sein.

Sie haben mit Ihren Klubs eigentlich immer um Titel gespielt, fehlt Ihnen das nicht bei Werder?
Wieso? Wir sind doch im Pokal bis ins Halbfinale gekommen. Aber als Werder kann man natürlich nicht in die Saison gehen und sagen: Wir spielen um die Meisterschaft. Trotzdem geht es für uns Woche für Woche um sehr viel.

Sind Sie einer dieser Profis, die jeden Tag 24 Stunden für Ihren Sport leben?
Nein. Das macht auch kein Cristiano Ronaldo. Es ist sehr wichtig, einen Ausgleich zu haben. Ich fülle meinen Tag zwar schon sehr, aber ich habe auch Momente, die ich genieße. Ich kann mich durchaus auch zwei Stunden vor die Playstation setzen.

Wirklich?
Natürlich. Ich kann auch mal nix tun.

Das ist schwer vorstellbar bei Ihren ganzen Aktivitäten. Sie sind Fußballprofi, Trainer beim Oberligisten RSV Meinerzhagen, haben eine Sportakademie in Istanbul gegründet, unterstützen ein E-Sport-Team und kümmern sich um Hilfsprojekte in Afrika – Ihr Tag muss mehr als 24 Stunden haben, oder?
Sie haben noch meine Familie vergessen – und die ist für mich das Wichtigste. Ich habe eine Frau, die mir extrem den Rücken freihält. Das ist das A und O. In erster Linie bin ich natürlich Fußballprofi und verhalte mich auch entsprechend. Alle anderen Projekte mache ich auch nicht allein, sondern im Team. Da wird mir ganz viel abgenommen.

Warum machen Sie so viel?
Alles, was mit Fußball zu tun hat, mache ich aus Liebe. Die Geschichte in Meinerzhagen bringt mir extrem viel Spaß. Es klingt vielleicht blöd: Aber da kann ich runterkommen. Ich tauche in eine andere Welt ein. Das gilt genauso für mein Projekt in der Türkei oder meine Familie. Naja, und ich werde bald 31 Jahre alt. Da versuche ich, mich breiter aufzustellen. Die Start-Ups, in die ich investiere, das sind für mich weitere Standbeine. Die Sportakademie in der Türkei ist ein Lebenstraum von mir, um junge Sportler zu unterstützen. Ich hoffe, das wird jetzt nicht missverstanden.

Warum?
Das Schlimmste für mich wäre, wenn jemand denkt, ich würde das bei Werder nur nebenbei machen. Ich bin immer pünktlich und versuche, immer professionell zu sein. Wir haben zwar nicht so viel Zeit als Profis, aber auch wir können uns unsere Zeit gut einteilen. Für mich ist nur eines entscheidend: Ich muss acht Stunden schlafen. Mit Kindern ist das gar nicht so einfach (lacht).

Sie haben vom Eintauchen gesprochen. Geht das überhaupt als Prominenter, der dann in der Oberliga irgendwo im Sauerland an der Außenlinie steht?
Selten – und das nervt mich, aber ich kann es nicht ändern. Es geht dabei nicht um mich, sondern um die Jungs. Ich glaube, sie nervt es extrem. Ich bin nur einmal die Woche, manchmal auch seltener da – und dann geht es nur um mich oder es ist vom Sahin-Team die Rede. Das ist nicht gerecht gegenüber denen, die ganz viel Zeit investieren.

Welches Buch lesen Sie?
Ich habe mir gerade die Autobiografie von Michael Carrick gekauft.

Dem Ex-Profi von Manchester United, der in seiner Karriere auch unter Depressionen litt. Lesen Sie gerne Bücher von ehemaligen Fußballern?
Nicht nur von Fußballern oder anderen Sportlern. Ein Buch muss mich einfach packen, wie zum Beispiel ‚Das Cafe am Rande der Welt‘ von John Strelecky. Ich bin da offen. Gerade im Trainingslager hat man viel Zeit dafür.

Also lieber ein gutes Buch als ein Spiel auf der Playstation?
Die Playstation habe ich auch dabei, aber eben auch Bücher und natürlich meinen Notizblock, in dem ich alle Trainingseinheiten aufschreibe.

Alle?
Nein, es gibt auch Dinge, bei denen weiß ich, dass ich sie später in meinem Training nicht machen würde. Es geht beim Aufschreiben nicht allein um die Übungen, sondern auch um den genauen Platzaufbau, die Maße der vorgesehenen Spielfelder. Da frage ich dann die Co-Trainer.

Wie lange tun Sie das schon?
Seit 2015.

Werden Sie später selbst ein Buch über Ihre Karriere schreiben?
Ich will das nicht ausschließen, aber ich habe kein Bedürfnis, mich der Welt zu öffnen. Um ein interessantes Buch zu haben, müsste ich alles erzählen. Das geht aber nicht (lacht). Ich will auch niemanden in die Pfanne hauen müssen, damit sich mein Buch gut verkauft.

Ihr Ex-Klub BVB hat die Kabine geöffnet, sich von einem Filmteam begleiten lassen – und nun gibt es eine große Serie auf Amazon. Könnten Sie sich das auch bei Werder vorstellen?
Ich kann Amazon nur bitten: Macht das mit jeder Mannschaft! Ich brauche einfach Infos aus den Kabinen und von den Trainern. Von Manchester City habe ich jede Folge schon sieben-, achtmal gesehen. Mich reizt das total. Beim BVB noch viel mehr. Wie ist Lucien Favre gerade am Ende der Meisterschaft im Kampf um den Titel mit den Spielern umgegangen. So einen Einblick gestattet nicht jeder Trainer. Aber für das Marketing eines Klubs ist das unbezahlbar. Diese Manchester-City-Nummer mit Pep Guardiola ist doch durch die ganze Welt gegangen. Was für eine Werbung.

Glauben Sie, dass Florian Kohfeldt das bei Werder erlauben würde?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass er darauf Lust hätte. Es wäre auch nicht einfach, weil immer ein Kameramann dabei ist. Ich selbst fände es auch komisch.

Wie sehr richten Sie jetzt schon Ihr Leben auf das Ziel Trainer aus?
Nicht übermäßig. Aber es wäre doch fatal, wenn ich mir mit 30 Jahren keine Gedanken machen würde, was nach dem Fußball kommt. Ich habe das Glück, schon viele Ex-Kollegen zu haben, weil ich so früh schon Profi war. Von ihnen kann ich viel lernen. Die einen sind im Fußball geblieben, andere nicht, einige sind in ein Loch gefallen. Es kann in alle Richtungen gehen. Eines steht für mich fest: Ich möchte im Fußball bleiben.

Definitiv als Trainer?
Ich glaube schon, dass ich das Talent dazu habe. Außerdem hatte und habe ich sehr gute Trainer. Meine Sicht aufs Spiel ist auch nicht die schlechteste.

Würden Sie lieber einen finanzstarken Klub trainieren, der sich fast alle Spieler leisten kann, oder lieber einen SV Werder, bei dem man selbst viel entwickeln muss?
Das ist schon extrem reizvoll hier. Als Trainer brauchst du vor allem einen coolen Sportchef – und das ist Frank Baumann. Was er und Florian hier aufgebaut haben, das ist mehr als bemerkenswert. Wir fahren überall hin, um zu gewinnen – auch nach München und Dortmund. Als kleinere Mannschaft die Großen zu ärgern, da habe ich mega Bock drauf. Und ich bewundere diese Ruhe hier, das ist überragend. Als Jürgen Klopp damals zu Borussia Dortmund gekommen ist, da war es genauso: Er hat einfach diese Ruhe bekommen. Das ist heutzutage so schwer, weil der ganze Druck viel größer geworden ist. Gerade das Internet hat sehr viel verändert.

Also lieber Werder als Manchester City?
Eigentlich ist es ja so, dass man erst Werder trainiert, um dann irgendwann mal ein Thema für Klubs wie Manchester City zu sein. Aber wenn mich Manchester City sofort haben will, würde ich nicht nein sagen. So eine Chance lasse ich mir doch nicht entgehen (lacht). Aber jetzt spiele ich erst mal noch ein paar Jahre.

Und zwar am Samstag zum Bundesligaauftakt gegen Fortuna Düsseldorf. Es wird schon ein Sieg erwartet, wie geht die Mannschaft mit dem Druck um?
Gut, wir wollen ja auch gewinnen. Aber diese ersten Spieltage sind immer sehr speziell, da werden die Karten ganz neu gemischt. Die ersten drei Spieltage bis zur Länderspielpause sind da, um sich einzugrooven. Aber wir müssen auch punkten, neun wären ganz gut (lacht).

Diesmal soll es ja auch mit Europa klappen.
Ein anderes Ziel wäre nach der vergangenen Saison nicht glaubwürdig. Aber ich sage auch: Es wird schwieriger.

Und wer wird Deutscher Meister?
Ich hoffe Werder Bremen (lacht), und wenn nicht dann natürlich Borussia Dortmund.

Interview: Björn Knips

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