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In Mainz in der Verantwortung: Jan-Moritz Lichte.

Mainz 05

Nur wenn Jürgen Klopp kommt, räumt er seinen Stuhl

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Jan-Moritz Lichte möchte allerdings länger als Mainzer Cheftrainer arbeiten.

Es wirkte schon skurril, dass beim FSV Mainz 05 mittlerweile auch die Technik streikt. Jan-Moritz Lichte hatte am Dienstag seinen Mundschutz in den Vereinsfarben längst abgestreift, trotzdem war bei der digitalen Vorstellungsrunde des Interimstrainers anfangs kein Wort zu verstehen. Was ja irgendwie zu einem Standort passt, der mit einem Spielerstreik ins Chaos rutschte. Als die Tonprobleme behoben waren, scheute sich der bisherige Co-Trainer nicht, eine Ursache der Krise klar zu benennen: „Die Mannschaft hat sich selbst zuzuschreiben, dass sie als schwierig gilt. Ich werde sie an der täglichen Arbeit messen.“

Am Dienstag führte der 40-Jährige eine erste Ansprache in Überlänge, denn das Auswärtsspiel bei Union Berlin (Freitag, 20.30 Uhr) wird auch für ihn zum Wegweiser. „Ich kann mir prinzipiell die Dauerlösung vorstellen, aber das ist nicht das, worüber ich mir jetzt Gedanken mache“, sagte der dreifache Familienvater. Mit einem ordentlichen Auftritt an der Alten Försterei wäre allen geholfen – natürlich auch ihm. Lichte mag nicht mehr nur im Hintergrund die Analyse betreiben oder Standardsituationen vorbereiten, sondern möchte Verantwortung fürs große Ganze übernehmen. Es sei denn, fügte er mit einem leichten Schmunzeln an, Jürgen Klopp würde wieder nach Mainz zurückkehren. „Wenn Kloppo keine Lust mehr auf den FC Liverpool hat und kommen will, bin ich der Erste, der seinen alten Vertrag wieder haben möchte.“

Sich selbst beschrieb Lichte wie folgt: „Ich denke, dass ich ein ganz netter Kerl bin.“ Dass künftig auch unangenehmere Umgangsformen gefragt sein könnten, ist dem klugen Kopf bewusst, der aus Kassel stammt, mehr als 250 Mal in der Oberliga Hessen für den KSV Baunatal spielte, ehe er seine aktive Karriere mit 29 beendete. Noch heute ist er froh, „mit Fußball seinen Lebensunterhalt zu verdienen“.

Er hatte zuvor beim SC Paderborn, FC St. Pauli, Bayer Leverkusen und Hannover 96 still im Hintergrund gearbeitet, bis er vor drei Jahren nach Mainz kam, wo er am Ende nicht mehr sonderlich vertraulich mit seinem Ex-Chef Sandro Schwarz harmoniert haben soll, wobei Lichte ein Zerwürfnis aber dementierte.

Klar ist, dass sich sein fußballerischer Ansatz von dem seiner Vorgänger abheben wird. Zwar ließ er kein schlechtes Wort über den entlassenen Achim Beierlorzer fallen, jedoch war eine klare Abgrenzung zu erkennen. „Wir brauchen eine defensive Struktur. Wir müssen weniger Gegentore bekommen als in den vergangenen Jahren.“ Es müssten auch mal ein, zwei Tore reichen, um ein Spiel zu gewinnen.

Gemeinsames Verteidigen, so Lichte, stehe auf seiner Agenda ganz oben. Es bringe nämlich nichts, nur Leidenschaft und Hingabe abzuliefern, wenn dazu das taktische Konzept nicht passe. „Du kannst 300 Sprints machen, 120 Kilometer laufen und physisch alles geben, wenn du immer einen Schritt zu spät kommst.“ Das hörte sich nicht so an, als würden die Nullfünfer in den nächsten Wochen ein offensives Feuerwerk zünden wollen – aber Hauptsache, die Streikzeiten sind vorbei.

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