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Nur noch ein Schritt

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Von: Frank Hellmann

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Torschützen unter sich: Lionel Messi (li.), Julian Alvarez. Foto: dpa
Torschützen unter sich: Lionel Messi (li.), Julian Alvarez. Foto: dpa © dpa

Lionel Messi hat sich Argentinien mit Geniestreichen längst untertan gemacht. Jetzt soll die Krönung folgen und dann der Rücktritt von der grell ausgeleuchteten WM-Bühne.

Die Spieler bildeten auf dem Rasen eine lange Reihe, die irgendwann einfach dasselbe tat wie die Anhänger auf den Rängen. Enthemmt springen und singen. Das Stadion Lusail hatte sich erneut in einen himmelblauen Schauplatz überbordender Freude verwandelte, als Lionel Messi nach der 3:0-Gala im WM-Halbfinale gegen Kroatien seine vertrauten Kollegen Nicolás Tagliafico und Rodrigo de Paul umarmte. „Vamos vamos Argentina“ orchestrierte die Stadionregie. „Vamos vamos a ganar“, intonierte der Fanblock. Und sandte die Botschaft, Argentinien werde das WM-Finale am Sonntag (16 Uhr/ARD) gewinnen.

Ganz sicher aber ist das auch mit Messi nicht, der sein einziges WM-Endspiel 2014 gegen Deutschland bekanntlich verlor. Aber warum sollte sich der Weltstar mit unschöner Vergangenheit aufhalten? Als er im Trikot mit der Nummer zehn zur Pressekonferenz erschien, sprach der 35-Jährige über fünf gewonnene Finals. So habe sich diese WM nach dem Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien (1:2) nämlich angefühlt. „Das erste Spiel war ein harter Schlag für uns. Aber diese Mannschaft hat bewiesen, wie stark sie ist“, sagte der befreite Kapitän, der wie ein Wasserfall redete. Man habe danach fünf Endspiele gewonnen. „Ich hoffe, dass das im letzten Spiel auch so ist.“

Es kann keinen besseren Ort als die bombastische Schüssel im Norden von Doha mit Platz für fast 90 000 Menschen geben, in denen sich Argentinier wie im La Bombonera in Buenos Aires fühlen, wo sich auch die Emotionen gerne entladen. Als Trainer Lionel Scaloni seinen Anführer kurz nach Mitternacht vor der Werbetafel umarmte, flossen Tränen der Rührung. Er sage es schon lange, erklärte der 44-Jährige später einigermaßen gefasst: „Messi ist der Beste aller Zeiten, und ich bin dankbar und habe das Privileg, ihn trainieren zu können. Ein Glück für uns, dass er unser Trikot trägt.“

Intelligente Mannschaft

Zum dritten Male nach 1978 und 1986 soll der Goldpokal an den Rio de la Plata gehen. Messi selbst begründete seine Zuversicht nicht mit historischen Bezügen oder religiösen Ritualen, sondern nannte fachliche Argumente: „Wir haben eine sehr intelligente Mannschaft. Wir können das Spiel lesen und wissen, wann wir den Ball brauchen, wann wir pressen müssen“, erklärte er einen im Halbfinale tatsächlich perfekt umgesetzten Matchplan. „Wir wussten, dass Kroatien den Ball haben möchte, aber wir wussten auch, wie wir das für uns nutzen können.“

„La Scaloneta“ wird das Team genannt, weil es dieser Nationaltrainer, der neunte für Messi, hinbekommt, dass die Symbiose mit den Mitspielern goldene Früchte trägt. Der Genius hat unter einem Coach, mit dem ihn mehr als der Vorname verbindet, ein spätes Glück gefunden: „Ich genieße das sehr, ich fühle mich sehr gut und stark genug für jedes Match.“ Derselbe Spieler war bei der WM 2018 nach einer 0:3-Pleite gegen Vizeweltmeister Kroatien mit schlaffen Schultern vom Platz geschlurft und die Abgesänge auf einen Einzelgänger, der aus der Zeit gefallen schien, gingen um den Planeten.

Wo ist der Zaubertrank, in den der Zauberfuß gefallen ist? Viele verorten ihn bei der Copa América 2021, als mitten in der Corona-Pandemie in einer langen Phase der Isolation ein neuer Geist entstand. Sein ersehnter erster Titel mit der „Albiceleste“ hat vieles, wenn nicht alles verändert. Der Sieg im menschenleeren Maracanã zu Rio war das eine, die Ansprache Messis vor dem Anpfiff gegen die Seleção das andere. Seine leidenschaftlichen Worte im Kreis der Kabine sind Fußballgeschichte.

Der bei Paris St. Germain aus katarischer Geldquelle fürstlich bezahlte und auf arabischen Fernsehsendern als Werbefigur omnipräsente Superstar deutete erstmals an, dass er im Grunde ausschließt, mit fast 40 noch die WM 2026 in USA, Kanada und Mexiko zu spielen. „Ich glaube nicht, dass ich es bis dahin schaffe. Und es so zu Ende zu bringen, ist das Beste.“ Für den vielleicht Allergrößten wäre es das Allerbeste. Zumal gerade auch der klischeehafte Überbau passt, den Fernando Romero, ein 30 Jahre alten Religionslehrer, in das Lied gefasst hat, das von „Diego y Lionel“, also Diego Maradona und Lionel Messi, handelt.

Wenn die Fans besingen, dass auf dem Fußballplatz im Himmel auch Maradonas Eltern Don Diego und Doña Tota zusehen, dann wollen die ersten darin Wirklichkeit erkennen, dass Himmel und Erde miteinander verschmelzen. Wie überall Banner mit Bildern von Maradona und Messi hängen, ähneln sich ihre Soli, die argentinische Fans auf ihren Smartphones in der Nacht in den Metrozügen immer wieder miteinander verglichen. Vorweg: Maradonas Jahrhunderttor im WM-Viertelfinale 1986 wird immer unerreicht bleiben, weil er in der eigenen Hälfte loslief und selbst vollendete. Er hatte damals halb England ausgetrickst. Messi drehte bei seinem Solo vor dem 3:0 eigentlich nur einen Gegenspieler von Kroatien ein; den bis dahin als einen der besten WM-Verteidiger gepriesenen Maskenmann Josko Gvardiol – wenn der 20-Jährige von RB Leipzig seinen Schwindelanfall überwunden hat, muss er diesen Alleingang als Lehre fürs Leben abhaken.

Alvarez assistiert

Der überragende Julian Alvarez, der nach Messis Vorlage mit einem famosen Sturmlauf bereits das 2:0 (39.) erzielt hatte, musste nur noch den Fuß zum 3:0 (69.) hinhalten. Auch der hochtalentierte 22-Jährige Angreifer von Manchester City, von dem Scaloni sagte, in seinem Alter wolle er bereits „die Welt verschlingen“, scheint von einer Ikone inspiriert, die seine Entschlossenheit in einem Elfmeter überführte, der wie eine Silvesterrakete in die Maschen rauschte (34.). Messis insgesamt elfter WM-Treffer (mehr als Argentiniens Rekordschütze Gabriel Batistuta) und sein 25. WM-Einsatz (genauso viele wie Rekordspieler Lothar Matthäus) sollen nur weitere Wegmarken einer Mission sein, die an Katars Nationalfeiertag die Krönung erfährt. Wer sollte da etwas dagegen haben?

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