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„Nur mit Draufhauen kommen wir nicht weiter“

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Von: Jan Christian Müller

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Hat sich laut Gewerkschafter Schäfers verbessert: die Lage von Arbeitern auf WM-Baustellen in Katar. afp
Hat sich laut Gewerkschafter Schäfers verbessert: die Lage von Arbeitern auf WM-Baustellen in Katar. © afp

Der internationale Gewerkschafter Dietmar Schäfers spricht im FR-Interview über seine langjährigen Erfahrungen mit WM-Gastgeber Katar und verbesserte Arbeitsbedingungen in dem Wüstenstaat.

Herr Schäfers, war es schwierig, nach der WM-Vergabe an Katar mit den Behörden dort in Kontakt zu kommen?

Dietmar Schäfers: Vor unser ersten Inspektionsreise im Jahr 2013 sind wir erstmal wieder ausgeladen worden. Ich hatte mich zuvor kritisch in europäischen Medien geäußert. Wir haben dann einfach entschieden, trotzdem hinzufliegen. Die Katarer waren so klug, uns nicht am Flughafen direkt wieder abzuweisen.

Was konnten Sie dann dort in Erfahrung bringen?

Man stolpert in den Außenbezirken der Hauptstadt Doha zwangsläufig über die Unterkünfte der Arbeitsmigranten. Was ich da gesehen habe, war oft unschön. Sehr enge Schlafräume, unzureichende Versorgung mit Essen. Aber ich war bald auch sehr verwundert.

Warum?

Ich hatte spät am Abend beim katarischen TV-Sender Al Jazeera angerufen, um auf die schlimmen Verhältnisse aufmerksam zu machen. Tatsächlich sind noch in der Nacht Kamerateams gekommen und haben gefilmt. Am Ende unserer Exkursion 2013 haben wir sogar eine Pressekonferenz geben dürfen, die Al Jazeera live in der Region gesendet hat.

Das ist in der Tat bemerkenswert.

Ja, danach haben jedoch die Offiziellen aus Katar ihre eigenen Pressekonferenz gegeben, die doppelt so lang dauerte wie unsere. Aber immerhin. Mein erster Eindruck war jedenfalls besser als in manch anderem autokratisch geführten Land.

Welche Vergleiche haben Sie?

Wir haben ja in China zweimal Olympische Spiele erlebt. Im Sommer 2008 und im Winter 2022. Die erklären einem, man müsse sich um Menschen- und Arbeitsrechte keine Gedanken machen. Es werde alles eingehalten. Da gibt es keinen Raum für Diskussionen. Wir waren fassungslos. In Russland habe ich nach 25 Minuten das Gespräch abgebrochen. Die waren nicht wirklich bereit, sich zu unterhalten. Stattdessen haben sie nach 20 Minuten versucht, mich zu bestechen. Dann war es schnell vorbei.

Das ist in Katar anders?

Ja. Bestechungsversuche habe ich in Katar noch nie erlebt. Noch nicht einmal das Angebot, irgendwelche Kosten zu übernehmen. Das ist alles sauber abgelaufen. Und das ist auch richtig und wichtig so. Sonst wären wir als Gewerkschaft sofort tot.

Und inhaltlich konnten Sie auch reden?

Am Anfang waren die Kataris misstrauisch. Sie haben die Verhältnisse besser beschrieben, als sie wirklich waren. Jeder Bauarbeiter kenne zum Beispiel die Telefonnummer, bei der er sich beschweren könnte.

Stimmte das?

Ach was. Die kannte natürlich niemand.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe denen gesagt, dass wir eine nicht ganz unbedeutende Organisation sind, die mit zwölf Millionen Mitgliedern in 127 Ländern verbreitet ist. Wir könnten jeden Tag für schlechte Nachrichten in europäischen Medien sorgen. Aber das ist ja gar nicht unser Ziel: Wir wollen den Menschen helfen. Das hat dazu geführt, dass wir mit dem Supreme Committee in Katar, das für die Baumaßnahmen rund um die WM verantwortlich ist, ein Memorandum of Understanding unterschrieben haben. Seitdem konnten wir regelmäßig unabhängige internationale Inspektionen durchführen. Die haben seitdem rund 25 Mal stattgefunden. Das Supreme Comittee mit Hassan al Thawadi an der Spitze hat vorbildlich gearbeitet.

Wo sehen Sie Fortschritte in den Arbeitsbedingungen, die Migranten auf Baustellen in Katar vorfinden?

Auf den WM-Baustellen entspricht der Standard inzwischen dem von Großbaustellen in Deutschland. Da wurde wirklich richtig gute Arbeit geleistet in Katar.

Wie schaut es auf anderen Baustellen aus?

Es gibt in Katar rund 900 000 Bauarbeiter. Zum Vergleich: Das sind etwa 100 000 mehr als in Deutschland. Denen geht es nicht überall so gut wie den Kollegen auf WM-Baustellen. Oft sind die Mutterfirmen in Europa ansässig. Wir haben das wiederholt angesprochen, und tatsächlich ist auch etwas passiert: bessere Unterkünfte, an allen Ecken Wasserstationen auf dem Bau, Container mit Aircondition zum Runterkühlen. Es gibt veränderte Verhaltensweisen der multinationalen Unternehmen und auch bei manchen katarischen Firmen. Das erwähne ich ausdrücklich positiv. Aber es gibt nach wie vor auch relevante Defizite im Arbeits- und Gesundheitsschutz in Katar.

Gewerkschafter Dietmar Schäfers.
Gewerkschafter Dietmar Schäfers. © Privat

Zur Person

Dietmar Schäfers weiß, wovon er spricht. Nicht weniger als 15 Mal ist er bereits in Katar gewesen. Gerade wurde der 67-Jährige in Madrid frisch wiedergewählt zum Vizepräsidenten der globalen Gewerkschaftsföderation Bau- und Holzarbeiter Internationale. Zuletzt war er als Mitglied der Reisegruppe von Innenministerin Nancy Faeser im WM-Gastgeberland vor Ort. Sein Job ist es, das Thema Menschen- und Arbeitnehmerrechte bei internationalen Großveranstaltungen voranzutreiben. Schäfers gibt zu: „Das ist nicht immer sehr nachhaltig.“ Für Katar verbreitet der erfahrene Funktionär allerdings vorsichtigen Optimismus. Und er sagt: „Das Geschäft mit den Wanderarbeitern steht auch bei uns in Deutschland unter der Überschrift: ,Billiger geht immer’. Da will niemand den Menschen etwas Gutes. Es geht um Profitmaximierung.“ FR

Wanderarbeiter berichten, es gehe ihnen in der Regel in Katar besser als daheim, etwa in Nepal.

Das kann ich bestätigen. Ich habe mich in Nepal schlau gemacht. Die Menschen kriegen dort entweder gar keine Arbeit oder derart schlecht bezahlte Arbeit, dass sie ihre Familien davon nicht ernähren können. Auch den Herkunftsländern geht es in erster Linie ums Geld. Mehr als 30 Prozent des Bruttosozialprodukts in Nepal entsteht nur deshalb, weil Wanderarbeiter viel von dem wenigen Geld, das sie verdienen, zu ihren Angehörigen in die Heimat schicken.

Wie sieht es woanders auf der Welt aus?

Es gibt etwa zwei Millionen Wanderarbeiter in Katar und rund 200 Millionen auf der ganzen Welt, die in prekären Verhältnissen tätig sind. Das zeigt die wahnsinnige Dimension. Es ist fast ein Kampf gegen Windmühlen. In Dubai sieht es nicht besser aus, im Gegenteil: Dort haben wir rund um die Expo 2020 gar keine Chance gehabt, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Die haben auf unsere Anfrage einfach nichts von sich hören lassen.

In Katar sehen Sie dagegen eine Entwicklung?

Klar ist: Von selbst legt auch dort niemand den Hebel rum. Das passiert übrigens auch bei uns in Deutschland nicht von selbst. Es ist ein Prozess. Vor dem Hintergrund der Kultur in Katar sehe ich ein, dass es Zeit braucht. In unserer Wahrnehmung sind es kleine Schritte. Aber für die Kataris sind es Riesenschritte. Das verstehe ich sogar. Deshalb setze ich auch nicht auf das Motto: „Rote Fahne – Barrikade“, sondern auf Diplomatie. Nur mit Draufhauen kommen wir nicht weiter. Sonst fahren wir gegen die Wand.

Erkennen Sie in Katar eine ehrliche Bereitschaft zu handeln?

Ein klares Ja von mir. Der aktuelle Arbeitsminister meint das ernst, aber er hat es nicht leicht. Die Widerstände kommen ganz vehement aus den konservativen reichen Familien und aus der Wirtschaft. Da finden echte Auseinandersetzungen statt. 300 000 Kataris wollen ihre Privilegien nicht verlieren. Ich habe den Eindruck, auch der Emir verfolgt das Ziel, das Land humanitärer zu öffnen. Aber es wird ein langer Weg.

Warum?

Weil er weiß, dass die Gas- und Ölvorkommen in Katar, die das Land in der Welt so bedeutend haben werden lassen, endlich sind. Perspektivisch muss Katar andere Einnahmequellen entwickeln. Die Nachbarländer wie Saudi-Arabien geraten dadurch auch unter Druck. Dort sollen, man kann es kaum glauben, mitten in der Wüste die asiatischen Winterspiele 2029 stattfinden. Wir fordern von den Saudis genau das, was wir in Katar gefordert haben. Und wir erwarten, dass die Medien und die Sponsoren uns dabei genauso unterstützen. Da bin ich mal gespannt.

Kommen Sie weiter mit dem Ziel, sogenannte Migrant Workers Center als Anlaufstellen für Arbeiter in Katar zu installieren?

Noch sind wir nicht soweit. Aber wir sind froh, dass Sponsoren und Nationalverbände wie der DFB mit uns gemeinsam Druck machen.

Wie nehmen Sie den DFB in dieser Frage wahr?

Wir haben jetzt endlich einen Präsidenten beim DFB, der einen Hintern in der Hose hat. Ich finde es toll, dass Bernd Neuendorf seine Forderungen so deutlich öffentlich bekundet.

Er äußerte auch den unbedingten Wunsch, dass Fifa und Katar einen Fonds gründen, aus dem die Familien von verletzten oder getöteten Arbeitern versorgt werden.

Finde ich gut. Die 440 Millionen Dollar, die für diesen Topf gefordert werden, entsprechen etwa dem Betrag, der an Preisgeldern an die Mannschaften ausgeschüttet wird. Ich habe die Fifa neulich darauf angesprochen. Mein Eindruck: Da kommt was, aber es wird ein kleinerer Betrag. Ich kann der Fifa nur raten, damit zeitig um die Ecke zu kommen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Das geht nur mit Druck auf die Fifa?

Ja. Präsident Gianni Infantino sagt, dass sich die Situation in Katar nur deshalb verbessere, weil die WM dort stattfindet. Da muss er bitte auch liefern.

Herr Schäfers, die WM 2026 findet in Kanada, den USA und Mexiko statt. Wie steht es dort um Arbeitsrechte?

Ich sorge mich nicht darum, dass in den USA oder Kanada größere Sauereien passieren. Aber um Mexiko sorge ich mich durchaus. Dort müssen wir Druck machen, und dabei muss die Fifa mitmachen. Ich bin da leider skeptisch. Das Thema Korruption steht in Mexiko im Mittelpunkt. Und es ist nicht ungefährlich, auch für Gewerkschafter. Sie haben da manchmal Gesprächspartner, die Sie im nächsten Jahr nicht mehr vorfinden. Weil sie erschossen wurden.

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