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Die große Leere: Marco Reus und seine Dortmunder Gefährten.

BVB hadert

Nullkommanull Widerstand

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Der BVB hadert mit seinem traurigen Auftritt, hat aber im Titelrennen noch Hoffnung.

Ganz am Ende des Interviews hat der Mann vom Fernsehen Marco Reus sogar noch zur Geburt seiner Tochter gratuliert. Aber das konnte den Dortmunder Kapitän auch nicht mehr aufmuntern. Er hatte einen Abend hinter sich, der jeden frohen Gedanken zu schlucken schien, der schlimm verlaufen war und noch viel schlimmer hätte enden können, wenn den Bayern danach gewesen wäre. Eine Abfuhr wie dieses 0:5 hatten die Borussen zuletzt vor fast genau einem Jahr erlebt. Ebenfalls in München, damals kassierte sie noch ein Tor mehr. Aber das war ein Spiel aus einer anderen Zeit. Dachten sie.

In der Fußballersprache heißt es in Momenten des maximalen Debakels, man müsse nun den Mund abputzen und weitermachen, aber das sagt sich so leicht. Wie es ums Nervenkostüm dieser hochtalentierten, aber auch sehr jungen Mannschaft bestellt ist, war am Samstag drastisch zu erkennen. Die Westfalen wirkten erdrückt von der Bedeutung des Abends. Sportdirektor Michael Zorc hatte das Gefühl, „wir waren mental dem nicht gewachsen“.

Während im Vorfeld immer von den Bayern, ihren zuletzt enttäuschenden Auftritten und der folgerichtig immensen Belastung die Rede war, verlagerte sich am Samstag der Druck exklusiv auf die Schultern der Westfalen. Im Lichte dieses Abends wurden Erinnerungen wach an das Hinspiel. Auch da war der BVB vor der Pause heillos unterlegen, schaffte aber mit frischem Personal und der richtigen Kabinenansprache noch die Wende.

Das Gefühl, von einer Aufgabe überwältigt zu werden, war also kein neues, nur der Schaden fiel größer aus. „Das Selbstvertrauen war relativ zügig verbraucht“, sagte Sebastian Kehl, langjähriger BVB-Profi und heute Lizenzspielerchef. Zorc wiederum sah Fehler, wie sie „Spieler zuletzt in der A-Jugend gemacht“ hätten. Damit war nicht nur, aber doch in erster Linie Innenverteidiger Dan-Axel Zagadou gemeint, der mit einem erbarmungswürdigen Pass in die Füße Robert Lewandowskis das 0:2 und die Vorentscheidung eingeleitet hatte. Mit 19 ist der Franzose der A-Jugend gerade erst entwachsen.

Das werde die Borussen sicher noch eine Weile beschäftigen, kündigte Zorc an. Er sagte aber auch: „Das Spiel ist noch nicht zu Ende.“ in der Sky-Talkrunde fügte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke am Sonntag hinzu, „spätestens am Dienstag“ werde man in München merken, „dass sie für das Spiel auch nur drei Punkte bekommen haben und wir nur einen Punkt dahinter liegen“. Die Botschaft war an die Bayern gerichtet, aber mindestens so sehr auch an die eigene Mannschaft.

Favre liegt auch daneben

Die hat erst mal genug mit sich selbst zu tun. In München arbeitete sie sich nach dem Spiel an der Frage ab, welchen Anteil die Aufstellung – Lucien Favre hatte auf Mario Götze verzichtet und den frisch genesenen Lukasz Piszczek in die Startelf beordert – an der Niederlage hatte. Marco Reus, der sich in der ungeliebten Rolle als zentrale Spitze wiederfand („Natürlich ist das nicht meine Lieblingsposition“), bemängelte, man habe „nullkommanull Druck“ entwickelt.

Obwohl Watzke den Trainer explizit „aus der Haftung“ nahm und Zorc mit Blick auf die Verletzten betonte, „wer das Spiel an der Formation festmacht, hat keine Ahnung von Fußball“, reagierte Favre auf Fragen zur Aufstellung kleinlaut: „Nach dem Spiel ist es leicht zu sagen, dass Reus keine gute Idee war.“ Man habe „Läufe in die Tiefe“ angestrebt. „Das hat nicht funktioniert.“

Wie der Abend für die Dortmunder hätte aussehen sollen, war ein einziges Mal zu beobachten. Mit zwei, drei schneidenden Pässen durchtrennten sie in der siebten Minute die Bayern-Defensive, am Ende dieses feinen Spielzuges setzte Mahmoud Dahoud den Ball freistehend an den Außenpfosten. Dahoud, der Götze-Ersatz. Vielleicht wäre Favre bei etwas mehr Schussglück wieder als Taktik-Großmeister gepriesen worden, vielleicht hätte die Mannschaft sich nach wackeligem Start gefangen. Allein, man wird es nie erfahren.

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