Verzweifelter Retter beim VfL Wolfsburg: Trainer Bruno Labbadia.
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Verzweifelter Retter beim VfL Wolfsburg: Trainer Bruno Labbadia.

VfL Wolfsburg

Der Notfallplan von Teistungen

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Der VfL Wolfsburg ist ein heißer Kandidat für den Abstieg. Ein Trainingslager am Rande von Thüringen kann kaum kitten, was alles schiefgelaufen ist.

Vermutlich hat die Gemeinsamkeit bei der Quartierwahl nicht die entscheidende Rolle gespielt. Aber den im östlichen Niedersachsen beheimateten VfL Wolfsburg und die Gemeinde Teistungen im thüringischen Landkreis Eichsfeld verbindet zumindest der Bezug zum Jahr 1997. Der im Dornröschenschlaf schlummernde Werksverein schaffte in jenem Mai vor 21 Jahren den Aufstieg in die Bundesliga. Nach einem wilden 5:4 gegen den FSV Mainz 05, bei dem damals noch Jürgen Klopp als Spieler unterwegs war. Während „Kloppo“ nur einmal traf, netzten Roy Präger und Detlev Dammeier für den VfL doppelt. Auf dem Rasen feierte Trainer Willi Reimann im feuerroten Ballonseidenanzug. Übrigens in einem Stadion am Elsterweg, das damals noch weniger erstligareif aussah als die aktuelle Mannschaft.

Die absolviert gerade ein Trainingslager in dem 2500-Einwohner-Örtchen, das seit 1997 staatlich anerkannter Erholungsort des Freistaates ist. Die Bürger haben hier bei der Kommunalwahl 2014 zu 73,5 Prozent die CDU gewählt, Geschichtsbewusste können im Grenzlandmuseum tief in die deutsche Teilung eintauchen und Spaziergänger am Stausee Glockengraben einen Rundgang machen oder sich über den Forellenreichtum im Flüsschen Hahle freuen, die Teistungen in zwei Hälften teilt.

In das Victor’s Residenz-Hotel Teistungenburg hat Bruno Labbadia einen Abstiegskandidaten geführt, der die letzte Ausfahrt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze ausprobiert, um vor dem Auswärtsspiel bei RB Leipzig (Samstag, 15.30 Uhr) den nicht vorhandenen Zusammenhalt wenigstens in Versatzstücken herzustellen. „Wir werden nicht über brennende Scherben laufen“, hatte der dritte Cheftrainer einer erneut völlig verkorksten Spielzeit vor der Abreise gesagt. Nachdem alle seine bisherigen Rettungsmaßnahmen verpufften, kommt es mit dem nächsten Notfallplan zur völligen Abschottung. Sogar die obligatorische Spieltagspressekonferenz entfällt. Aber hat der 52-Jährige nicht ohnehin schon das Wichtigste kürzlich gesagt? „Im Endeffekt muss ich immer wieder Dinge erklären, die vor mir passiert sind. Es ist nichts zusammengewachsen.“

Obwohl alle Protagonisten nach der nervenaufreibenden Relegation gegen Nachbar Eintracht Braunschweig vor einem Jahr hoch und heilig versprachen, dass die richtigen Schlüsse erfolgen würden, steht der VfL Wolfsburg erneut auf Rang 16. Eine Folge von Missmanagement auf allen Ebenen. „Fehler am Fließband“ listet der „Kicker“ auf, um zu belegen, dass die früh aufgestellte These – Martin Schmidt hatte gerade von Andries Jonker das Traineramt übernommen – vom „größten Chaos-Klub der Liga“ stimmt. Die „Sportbild“ zeichnet ein „Chaos-Protokoll“, in dem die geplatzte Verpflichtung des wechselwilligen Sportdirektors Horst Heldt (Hannover 96) breiten Raum einnimmt. Am härtesten geht Andreas Pahlmann von der „Wolfsburger Allgemeinen Zeitung“ in einem „bewusst unsachlichen offenen Brief“ mit der VW-Vorstandsetage ins Gericht: „Ihr rafft einfach nicht, wie Fußball funktioniert. Fußball ist nicht die Welt der Wiedervorlage-Mäppchen und der distinguierten Meetings bei stillem Mineralwasser ... Man kann die Dinge nicht regeln, wenn zwischen Bugatti und Betriebsrat gerade Zeit dafür ist.“

Eine Breitseite an die wahren Verantwortlichen, die ihre 100-prozentige Fußballtochter im Grunde sich selbst überlassen haben: mit dem einen Geschäftsführer Wolfgang Hotze, der als Rentner nur noch in Teilzeit arbeitet. Mit dem anderen, Dr. Tim Schumacher, der als Jurist vom Eigner überwechselte, aber keine Fußballkompetenz mitbringt. Dieses Vakuum sollte, viel zu spät, der neue Aufsichtsratschef Frank Witter füllen, doch der ehemalige Zweitligaspieler vom OSV Hannover legte mit dem Verhalten in der Causa Heldt gleich mal einen klassischen Fehlstart hin.

Witter sprach nun am „Tag der Arbeit“ zur Mannschaft. Der 58-Jährige fand es hochspannend, „die Jungs mal live und in Farbe zu sehen“. Er habe den Spielern erzählt, welche Erfahrungen er gesammelt habe und wie er die Dinge sehe. Wie denn? „Druck machen und draufhauen – das hilft hier keinem. Ich habe daran appelliert, an den Klassenerhalt zu glauben.“ Das also nun von höchster Stelle verbreitete Prinzip Hoffnung, dass es zumindest am letzten Spieltag daheim in der eigenen Arena gegen den 1. FC Köln irgendwie noch glimpflich endet, wird von der eigenen Historie unterfüttert: Die „Wölfe“ haben bislang jeden Abstiegskampf erfolgreich überstanden.

Stilprägend war dabei der 33. Spieltag 2006/2007: Nach einem späten 2:2 bei Alemannia Aachen marschierte der frühere VW-Vorstandschef Martin Winterkorn auf den Rasen und fällte angeblich am Tivoli den wegweisenden Entschluss, den VfL immer so opulent zu fördern, dass es nie wieder zu solch einem Szenario kommen könne. Der Plan ging insofern auf, dass die Autostadt schon zwei Spielzeiten später ihre erste Meisterfeier erlebte. Nach einigem Auf und Ab schien wieder alles richtig gelaufen, als der VfL im Frühjahr 2016 nach einem 2:0-Heimsieg gegen Real Madrid im Champions-League-Viertelfinale vom Sturz des Giganten träumen durfte. Die damaligen Baumeister Klaus Allofs und Dieter Hecking sind längst entlassen, und seitdem lief ein nicht endender Alptraum, der vielleicht nicht ganz zufällig in einen zeitlichen Zusammenhang mit manipulierten Abgaswerten zu bringen ist. Die Parallelen zwischen Dieselskandal im Konzern und Dauerkrise des Bundesligisten sind jedenfalls so frappierend, dass ein Trainingslager in Teistungen beinahe wie die Flucht vor der Realität wirken muss.

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