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Gratulationen für den Torschützen: Marcel Halstenberg (rechts) wird nach seinem 1:0 von den Teamkollegen beglückwünscht.

Länderspiel

Nordirland-Deutschland: Ein hartes Stück Arbeit

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Das deutsche Nationalteam strahlt weiterhin kaum Souveränität aus, in Nordirland gelingt aber ein wichtiger 2:0-Erfolg.

Vielleicht hatte der Stadionsprecher im Windsor Park von Belfast schon eine Vorahnung, dass der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein ungemütlicher Abend bevorstehen würde. Im Stile eines Marktschreiers ging die Botschaft an die Anhänger Nordirlands, sie würden mit diesem EM-Qualifikationsspiel „a very special moment“, einen sehr speziellen Moment, erleben. Eine besondere Partie ist es denn auch geworden, doch nicht mit dem gewünschten Ausgang für die Gastgeber: Letztlich siegte Deutschland dank eines sehenswerten Treffers von Marcel Halstenberg (48.) sowie des späten Tores von Serge Gnabry (90.+2) und übernahm zugleich die Tabellenführung der Gruppe C.

Doch die grundsätzliche Sorge über die Qualität der DFB-Auswahl im Erneuerungsprozess bleibt auch nach dieser Vorstellung vor allem wegen einer sehr wackligen ersten Halbzeit bestehen. „In der ersten Halbzeit war es schwierig. Da hatte Nordirland einige Großchancen. In der zweiten Halbzeit war es deutlich besser“, sagte Offensivmann Marco Reus kurz nach dem Abpfiff.

Umstellung auf ein 4-3-3-System

„Wir müssen das Aggressionspotenzial erhöhen“, hatte Bundestrainer Joachim Löw vor der Partie unmissverständlich gefordert – und dazu die Mentalität, „jeden Zweikampf bis auf Äußerste zu bestreiten“. Doch irgendwie hatte seine Mannschaft da nicht richtig zugehört. In einer fast schon erschreckenden Art ließen sich die Gäste anfangs den Schneid abkaufen. Die Hausherren dagegen nutzten den Gesang und das Gebrüll von den Rängen dazu, sich in diese Begegnung sofort zu verbeißen. Als Toni Kroos ziemlich lethargisch einen Ball verlor, hätte Conor Washington schon die Führung erzielen können, doch Nationaltorwart Manuel Neuer zeigte sich hellwach (7.).

In der Folgezeit hatten seine Vorderleute den Weckruf immer noch nicht gehört, um sich mit ihren Stilmitteln ein Übergewicht zu erspielen. Dabei bildete sich in der Anfangself doch eigentlich eine aktivere Marschroute ab: Mit der Umstellung auf ein 4-3-3-System durfte der Dortmunder Julian Brandt einen zusätzlichen Mittelfeldplatz einnehmen, der damit den Vorzug vor seinem Kumpel und ehemaligen Leverkusener Klubkollegen Kai Havertz erhielt. Dennoch klemmte es weiterhin hinten und vorne. Die direkten Duelle verloren die deutschen Stürmer zu oft, sie konnten die Bälle vorne nur selten festzumachen.

Schwacher Auftritt von Toni Kroos

Im Mittelfeld rang der Münchner Joshua Kimmich vergeblich um Orientierung, Brandt wirkte mit seiner laschen Körperspannung lange hilflos und Kroos tut niemand einen Gefallen, wenn er sich aus der umkämpften Zone völlig herauszieht. Deutsche Chancen ergaben sich somit nur selten. Angreifer Timo Werner zielte beim besten Versuch an die Hand von Craig Cathcart, doch dafür wollte Schiedsrichter Daniele Orsato (Italien) keinen Elfmeter geben (27.) – er hätte es durchaus tun können. Zwischendrin bejubelte die Kulisse weiterhin jeden Einwurf und jede Ecke der Männer in den grasgrünen Trikots.

Kurz nachdem der angeschlagene deutscher Verteidiger Matthias Ginter das Feld verlassen musste, den Jonathan Tah ersetzte (40.), wurde es turbulent: Neuer hatte nach einer von ihm abgewehrten Hereingabe Glück, dass Washington die Kugel nicht über die Linie stocherte – Tah half im Getümmel noch entscheidend (45.+1). Und kurz darauf verhinderte Neuer-Gegenüber Bailey Peacock-Farrell mit einer Klasserettungstat gegen Werner das zu diesem Zeitpunkt unverdiente 0:1 (45.+1).

Gnabry trifft in der Nachspielzeit

Der Pausenpfiff war fast eine Erlösung für den Favoriten, der sich mit Wiederanpfiff endlich sammelte. Hilfreich, dass Halstenberg mit einem technisch sehr gekonnten Volleyschuss eine vom Leipziger Klubkollegen Lukas Klostermann geschlagene Flanke nutzte, um das sehenswerte 1:0 besorgen. Das Traumtor wirkte wie Balsam für Löws Elf, die sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen musste, direkt im Anschluss nicht konsequent genug nachzusetzen. So verzog Vorlagengeber Klostermann (50.) ebenso freistehend wie Gnabry nach einer Musterkombination (52.). Und Werner scheiterte mit einem Flachschuss erneut am nordirischen Torwarttalent Peacock-Farrell (53.). Immerhin: Mit einem dominanten Auftritt hatte die DFB-Elf das Geschehen zeitweise im Griff.

Doch die Nordiren gaben sich nicht geschlagen. Paddy McCair wollte vergeblich einen Elfmeter provozieren (61.), Niall McGinn zielte aus spitzem Winkel vorbei (63.). So blieben die Besucher hoffnungsvoll, dass sich ihre Lieblinge noch für die Leidenschaft belohnen würden. Erst in der Nachspielzeit sorgte Gnabry für die endgültige Entscheidung.

Nordirland muss letztlich jedoch weiter warten, um die nunmehr 36 Jahre währende Sieglosserie gegen Deutschland zu durchbrechen. Das Rückspiel steht dann am 19. November in Frankfurt an, wenn zugleich die EM-Qualifikation beendet wird. Vorher kommt Argentinien ohne den gesperrten Lionel Messi zu Testzwecken am 9. Oktober nach Dortmund. Vier Tage später folgt in Tallinn gegen Estland eine Pflichtaufgabe in der EM-Qualifikation, die deutlich weniger ungemütlich als gestern im Windsor Park werden dürfte.

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