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Noch zweimal gegen die alte Liebe

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Von: Jan Christian Müller

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Gegen die alte Liebe. Hertha: Coach Felix Magath. Foto: dpa
Gegen die alte Liebe. Hertha: Coach Felix Magath. © dpa

Die Hamburger Reporter-Legende Dieter Matz traut dem Berliner Trainer Felix Magath in der Relegation „alles zu“ - zum möglichen Leidwesen des Hamburger SV.

An einem Sonntag mitten im Juni 1987 stapft Felix Magath verdrießt über die Tartanbahn der alten Schüssel Volksparkstadion. Der Manager des Hamburger SV ist angemessen angefressen. Die zweite Mannschaft des HSV hat gerade gegen die Nobodys des FC Mahndorf in der Aufstiegsrunde zur Oberliga Nord völlig überraschend ein 2:4 kassiert. Magath muss das Aufstiegsbüffet für die Verlierer und späteren HSV-Profis Richard Golz, Carsten Kober, Marcus Marin und Paul Caligiuri wieder abbestellen lassen. So ein brachiales Scheitern stand nicht im Plan des Erfolgsmenschen. Eine Woche später werden die HSV-Profis im Berliner Olympiastadion DFB-Pokalsieger. Die Saison endet für Magath und seinen Herzensverein, den er 1983 gegen Juventus Turin mit einem legendären Schuss zum Europapokal der Landesmeister geschossen hatte, noch versöhnlich.

Das Schicksal und die Berufswahl wollen es nun so, dass sich just an den beiden Orten jenes Sommers 1987 - Berlin, Olympiastadion, Hamburg. Volksparkstadion - entscheiden wird, ob Felix Magath, 68, die Bundesliga-Relegation 35 Jahre danach als glücklicher Mann übersteht. Als Retter. Oder als gescheitert. Hertha BSC gegen Hamburger SV, Donnerstag, 20.30 Uhr, Berlin, Montag, gleiche Zeit (Sky und Sat.1), Hamburg: Siegen oder Verlieren, Triumph oder Tristesse. Er kennt sich auf beiden Seiten des Horizonts gut aus. Und er ist sich mehrfach nicht treu geblieben.

„Keinen Bock mehr“

Im Mai 2001 will Felix Magath nie mehr Abstiegskampf erleben. Gerade hat er den VfB Stuttgart zurück aufs Gleis gebracht, wie zuvor den HSV, den 1. FC Nürnberg, Eintracht Frankfurt. „So, das war meine letzte Rettungstat. Ich werde keine Vereine mehr aus dem Keller führen. Darauf habe ich keinen Bock mehr.“ 21 Jahre später, nach mehreren Titeln mit dem FC Bayern und dem VfL Wolfsburg, aber auch nach einigen weiteren Einsatztätigkeiten als Feuerwehrmann in Wolfsburg (gerettet), beim FC Fulham (gescheitert) Shandong Luneng Taishan in China (gerettet), im Management von Kickers Würzburg (gescheitert) befindet sich Magath wieder auf so einer Schwarz-Weiß-Mission: schwarz für Abstieg, weiß für Klassenerhalt.

Dieter Matz sitzt in der Nähe von Chersonnisos auf Kreta am Strand und geht trotzdem ans Telefon. Der einstige HSV-Reporter fürs „Hamburger Abendblatt“ hat Magath nie aus den Augen verloren. Noch neulich, einen Tag, ehe Magath das Himmelfahrtskommando bei der Hertha annahm, haben die beiden alten Fahrensmänner miteinander telefoniert. Magath habe ihm bedeutet, dass er schon ein paar Angebote ausgeschlagen habe, aber zugreifen wolle, wenn ein Verein komme, der ihm zusage. „Danach habe ich Felix in Ruhe gelassen. Er hat genug zu tun, ich will jetzt nicht stören“, sagt Matz. Auch wenn der 73-Jährige seinem HSV die Daumen drückt: „Felix trau ich alles zu.“ Magath sei ein „unheimlich kluger Fachmann“, einer, der schon als Spieler „immer zwei, drei Spielzüge vorausgedacht“ habe.

Und dann erzählt Matz eine Geschichte aus dem Sommer 2008, die viel über den Hamburger SV und dessen Weg nach unten sagt. Nach der Trennung von Thomas Doll, erinnert sich Matz, habe Klubchef Bernd Hoffmann eine Verpflichtung von Huub Stevens vorangetrieben, gleichzeitig telefonierte Sportchef Dietmar Beiersdorfer mit Felix Magath. „Felix, du musst sofort kommen.“ Magath habe sich in aller Früh in einen Flieger nach Hamburg gesetzt, sei am Flughafen in Fuhlsbüttel aber nicht empfangen, sondern in eine Villa nach Volksdorf gelotst worden. „Dort saß er einen halben Tag herum, ohne dass sich was tat, und ist dann wieder abgefahren,“ Magath war unverschuldet zwischen die Fronten geraten, denn, so erinnert sich Matz: „Hoffmann und Beiersdorfer waren sich spinnefeind.“

Nie mehr zurück zum HSV

Sechs Jahre später wurde der gebürtige Aschaffenburger Magath noch mal zum Thema beim HSV, der unter Bert van Marwijk ins Trudeln geraten war. Aber der Aufsichtsrat konnte sich auf keine Zweidrittelmehrheit für Magath einigen, der schließlich entnervt absagte: „Es gibt hier zu viele Mandatsträger, zu viele Interessen im Verein, die ich nicht mit einem Engagement bündeln könnte. Leider beharren im HSV zu viele der alten Kräfte auf ihren Positionen und sind an einem ehrlichen Neuanfang nicht interessiert.“ Magaths Vorhaben, dem HSV erst als Trainer den Klassenerhalt zu bescheren und im nächsten Zug in den Vorstand aufzusteigen, erschien einigen Räten zu heikel.

So ist es nie wieder was geworden mit ihm und diesem schwer erziehbaren HSV, den Felix Magath so tief im Herzen trägt wie keinen anderen Verein. Und dem nun ausgerechnet er den Weg zum Wiederaufstieg nach vier Jahren des Darbens im Unterhaus verbarrikadieren soll.

Die beiden Relegationsspiele könnten zur letzten Abbiegung in der wechselvollen Karriere des Fußballprofis, Managers und Trainers werden. Auch wenn die Hamburger Reporter-Legende Matz ziemlich sicher ist: „Als Felix die Hertha übernommen hat, war sie doch mausetot. Er hat gezeigt, dass er seinen Job noch immer beherrscht.“ So dürfte Magath, glaubt Matz, das alte Wohnzimmer Volksparkstadion selbst dann als Gewinner verlassen, wenn Hertha BSC als Verlierer vom Platz ginge. Von wegen schwarz oder weiß.

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