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Alleine im Zentrum des Sturms: Niko Kovac.

Bayern München

Niko Kovac, Herrscher ohne Macht

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Der inzwischen umstrittene Niko Kovac steht vor seinem wichtigsten Spiel als Bayern-Trainer.

Weg ist er, der graue Bart, und darüber ist ganz schön viel Aufhebens gemacht, geschrieben und gesprochen worden. Die „Bild“ fragte auf dem Boulevard schon vor einer ganzen Weile: „Kommt jetzt der Krisen-Bart ab?“, und selbst die renommierte „SZ“ beschäftigte sich nun mit Niko Kovacs entfernter Gesichtsbehaarung und sah in ihr einen symbolischen Akt. Der so schwer wankende Bayern-Trainer habe mit der Rasur signalisieren wollen: „Ich bin jung, ich bin frisch. Ich packe das also.“ Ganz nüchtern betrachtet muss man festhalten: Kovacs grauer Bart hatte sein Ziel klar verfehlt, normalerweise steht das Gestrüpp an Wangen, Kinn und Oberlippe für das Verwegene, das Kämpferische, der 47-Jährige wirkte indessen so, als sei er mit jedem sprießenden Millimeter um Jahre gealtert. Kovac, ein stilsicherer, modebewusster Mann, sah angeschlagen, ja irgendwie fertig aus. Der Kroate aus Berlin war das Gesicht der Bayern-Krise. Ist er es immer noch? 

Für den früherer Frankfurter Coach steht heute beim Klassiker in Dortmund (18.30 Uhr) einiges auf dem Spiel. Er muss Farbe bekennen. Für Kovac schrumpft dieses Gipfeltreffen auf zwei Kernfragen zusammen: Erreicht er die Mannschaft noch? Folgt ihm die Mannschaft noch? Zweifel sind angezeigt. 

Die Münchner haben ihre sechs letzten Pflichtspiele nicht verloren, fünf davon gewonnen, und doch brennt der Baum lichterloh. Das klingt paradox, doch zuweilen ist Fußball eben kein reiner Ergebnissport, und wer sich die Auftritte der Bayern anschaut, der erkennt unweigerlich, dass da etwas im Argen liegt, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt. Die Spiele sind zäh, mühselig und langatmig, es ist kein Feuer drin, keine Ideen, kein Tempo, keine Kreativität, es ist wie eine trübe Suppe, die tranig vor sich hinfließt. 

Das fällt natürlich in den Verantwortungsbereich des Cheftrainers, der nicht dafür bekannt ist, ein Offensivfanatiker zu sein. Nein, Kovacs Teams, wie Eintracht Frankfurt in den vergangenen Jahren, sind gut organisiert und stehen massiert, ein defensives Grundkonzept hat der frühere kroatische Nationaltrainer auf Wiedervorlage in seinem Repertoire. Aber das Umschalten in den Modus Attacke fällt ihm schwer, er gibt seiner Mannschaft auf diesem Feld zu wenig an die Hand. „Verteidigung ist Handwerk, Angriffsspiel ist Kunst“, hat er zu seiner Frankfurter Zeit gesagt. Kovac war seit jeher aber sehr viel mehr Malocher denn Freigeist. 

Eigentlich sollte die Bayern-Mannschaft gut und erfahren genug sein, um ihr Spiel auch in Eigeninitiative durchzudrücken und Dominanz auszustrahlen. Doch dazu müssen die hochdekorierten Profis davon überzeugt sein, was sie tun und für wen sie es tun. An der Säbener Straße ist allerdings zu spüren, dass da einige Leitwölfe erkennbar auf Distanz zu ihrem direkten Vorgesetzten gegangen sind, auch der vielsagende und nur schwer falsch zu interpretierende Instagram-Post von Thomas Müllers Ehefrau lässt tief blicken. Der lautete während des Freiburg-Spiels: „Mehr als 70 Minuten, bis der mal nen Geistesblitz hat“. Zu beachten auch das Wörtchen „der“, das per se schon herabwürdigend und despektierlich klingt. 

Stars sind genervt

Schon früh sickerte durch, dass einige Stars genervt von den Methoden des kompromisslosen Trainers seien, mit dem ständigen Radfahren zur Regeneration nach Spiel und Training etwa hat Kovac seine Fußballer schon in Frankfurt zur Weißglut getrieben. Auch die strengen Regeln behagen den Spielern nicht. Zuletzt waren immer wieder Interna, sogar aus der Kabine, nach außen gedrungen. Das unterminiert die Autorität des Trainers – und genau das soll es offenbar bezwecken. 

„Das ist nicht das, was wir uns wünschen“, sagte Kovac dazu, verwies aber darauf, dass es so etwas schon immer und überall gegeben habe. Doch gerade solche Indiskretionen sind dem gläubigen Christen zuwider. In Frankfurt musste manch ein Spieler sein Handy ausschalten, wenn er sich mit dem Coach zu einem Vieraugengespräch traf. Die Angst, dass die Unterredung mitgeschnitten wird, war zu groß. In München erinnerte Kovac jetzt gar an Cäsar und Troja, um Verrat und Hinterlist subtil anzuprangern. 

Kovac hat gewusst, auf was er sich einlässt, als er den Bayern kurz nach den Osterfeiertagen dieses Jahres zusagte. Aber vielleicht hat er die Aufgabe insgeheim doch unterschätzt, vielleicht hat er gedacht, etwas mehr Unterstützung zu erfahren, vielleicht auch mehr Führung. Das Arbeiten in diesem Spannungsfeld ist für Kovac, der, und das darf man nicht vergessen, auf diesem Niveau erst seit gut zweieinhalb Jahren trainiert, extrem schwierig. Die Mannschaft ist in die Jahre gekommen und über ihren Zenit hinaus, es ist verpasst worden, eine Zäsur zu machen und den Umbruch einzuleiten. Die Starspieler sind ihrem Selbstverständnis nach dennoch Starspieler und verteidigen ihren Nimbus der Unantastbarkeit. Sie beäugen den nicht eben hochdekorierten Coach mit Argusaugen, zumal er ja nur die dritte oder vierte Wahl war. 

Der Sportdirektor, das kommt hinzu, ist eine fleißige Hilfskraft, die auf den Name Brazzo, das Bürschchen, hört und schwer danach strebt, dass ihn jemand ernst nimmt, was aber kaum jemand tut. Seit der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge seinem Manager auf der denkwürdigen Pressekonferenz vor drei Wochen einfach mal so das Wort abschnitt, ist Hasan Salihamidzic in der öffentlichen Wahrnehmung noch ein Stückchen weiter nach unten gerutscht. 

Die Bayern-Bosse an der Spitze, und das ist der entscheidende Faktor, haben sich in ihrer Denke, ihrem Tun und Handeln irgendwie von dieser Fußballwelt verabschiedet, und das nicht erst seit dem grotesken Rundumschlag gegen alle und jeden vor drei Wochen. Dass Präsident Uli Hoeneß den Journalisten jetzt zurief, „wir sind nicht so arrogant, wie ihr alle glaubt“, war wahrscheinlich ernst gemeint, mutete dennoch leicht befremdlich an. Uli Hoeneß war es auch, der angekündigt und nun bekräftigt hatte, Kovac „bis aufs Blut“ verteidigen zu wollen. Doch bisher ist das eine rein plakative Aussage, keine inhaltliche oder konkrete Hilfe. 

Niko Kovac wirkt in Zeiten der Krise ziemlich isoliert, er steht, so scheint es, ziemlich alleine im Zentrum des Sturms. Der Coach muss sich in München ganz schön verbiegen, in dieser Woche wollte er sogar nicht mehr ausschließen, einen Sportpsychologen ans Team heranzulassen. „Ich weiß nicht, vielleicht müsste man drüber nachdenken“, sagte er. In Frankfurt hätte er das kategorisch ausgeschlossen. 

Als Moderator gefragt 

Andererseits kann Kovac ja nicht aus seiner Haut. Er ist ein guter, enorm fleißiger, akribischer und geradliniger Trainer, der seine Prinzipien hat, eigentlich duldet er kein Rechts und Links, er fordert viel, verlangt bedingungslose Hingabe und Gefolgschaft. Das ist schon bei Eintracht Frankfurt nur bis zu einem gewissen Grad gutgegangen, bei den Bayern wird er so eher nicht reüssieren. Im Umgang mit den Stars ist mehr Fingerspitzengefühl gefragt, da ist man mehr als Moderator denn als Zuchtmeister gefragt. Ob er das noch schaffen wird? 

Einige gewichtige Führungskräfte in der Kabine hat Kovac schon verloren, und man spürt förmlich, dass es in München auch auf eine Art Richtungsstreit hinausläuft. Doch was tun? In letzter Konsequenz die alten, verdienten Nationalspieler aus dem Team nehmen und einen kleinen Umbruch innerhalb des Gefüges einleiten? Das ist riskant, der Einfluss der Alphatiere ist genauso groß wie ihre Lobby, auch im Verein. Die Alternative? So weiterwurschteln und auf plötzliche Besserung hoffen? Sehr vage. 

Heute Abend steht ein besonderes Spiel an, das bisher wichtigste für Niko Kovac als Bayern-Trainer sein ganz persönlicher Lackmustest. Den Fußballlehrer zeichnete aus, immer dann zurückzuschlagen, wenn die wenigsten damit rechneten. Aber das war zu einer anderen Zeit, im vergleichsweise beschaulichen Frankfurt, als der Star der Trainer war. Jetzt ist er der Trainer der Stars. Und die machen es Niko Kovac nicht gerade leicht. 

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