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Gerade mal 19 Jahre alt und schon Abwehrchef: Matthijs de Ligt.

Nations League

Niederlädnischer Pragmatismus

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Nach dem jahrelangen Schlingerkurs der Nationalmannschaft besteht in den Niederlanden Hoffnung auf bessere Zeiten - auch dank des heimischen Vorzeigeklubs Ajax Amsterdam.

Die Beliebtheit ist ungebrochen. Bis zu neunmal täglich gibt es eine Führung durch die nach der in Amsterdam geborenen Legende Johan Cruyff benannten Arena. An sonnigen Tagen entfaltet der mit einem verschließbaren Dach ausgestattete Fußballtempel auch einen besonderen Charme. Innen schimmern die steilen, tiefroten Tribünen, außen glänzt die kreisrunde, weiße Fassade. 75 Minuten dauern die Rundgänge. Und natürlich erzählen die Stadionführer nicht nur die Geschichte von Ajax Amsterdam, sondern auch die des niederländischen Fußballs. Weil beides eng miteinander verwoben ist.

In der Gallery of Fame steht beispielsweise der Henkelpott, den sich – anfangs mit Cruyffs Hilfe – ein Ajax-Ensemble von 1971 bis 1973 dreimal nacheinander sicherte. Danach war im damaligen Europapokal der Landesmeister dreimal in Folge der FC Bayern an der Reihe. Dass dazwischen das WM-Finale 1974 zwischen Deutschland und den Niederlanden (2:1) stattfand, läutete einen Reigen erbitterter Duelle ein, die nicht immer eine schöne Umrahmung hatten. Als besonders unfein galt jene Geste, als sich Libero Ronald Koeman nach dem EM-Halbfinale 1988 mit dem Trikot von Olaf Thon sein Hinterteil abwischte.

Heute widert den 55-Jährigen der obszöne Streich selbst an, denn sonst würde der Bondscoach jetzt nicht sagen: „Ich erwarte gegenseitigen Respekt im Spiel.“ Die Zeiten der Abneigung sind vorüber, zumal das letzte Pflichtspiel vor mehr als einem halben Jahrzehnt im ukrainischen Charkiw über die Bühne ging: Bei der EM 2012 siegte Deutschland im zweiten Gruppenspiel mit 2:1, die Niederländer schieden in der Vorrunde aus. Der schleichende Abwärtstrend war damals – trotz eines dritten Platzes bei der WM 2014 – bereits in vollem Gange.

Doch das Selbstverständnis lag erst danach in Trümmern. Die EM 2016 und die WM 2018 fanden ohne die stolze Fußballnation statt. Viele Oranjes wendeten sich beleidigt ab wie Kleinkinder, denen auf dem Spielplatz von bösen Jungs das Lieblingsspielzeug weggenommen wird. Dass der Königliche Niederländische Fußball-Bund (KNVB) mit den Inthronisierungen von Guus Hiddink, Danny Blind und Dick Advocaat einen Schlingerkurs fuhr, verstärkte die Irritationen nur noch.

Seit Februar ist nun Koeman als Aufbauhelfer dabei, der immerhin als Vereinstrainer einen reichhaltigen Erfahrungsschatz einbrachte. Seine Aufgabe: den Neuaufbau mit Pragmatismus anzugehen. Nach der 1:2-Pleite zum Auftakt der Nations League in Frankreich sei das Kräftemessen gegen Deutschland nun eine „tolle Gelegenheit“, um zu zeigen, dass die Elftal auf dem Weg zurück ist. „Wir haben viele junge Spieler, die auf einem guten Weg sind.“ Der ehemalige Libero meint den 19-jährigen Matthijs de Ligt, der die Abwehr schon wie ein Routinier führt. Der zweite Hochbegabte ist der 21-jährige Frenkie de Jong, der aus dem Mittelfeld die Fäden zieht. Beide sind im Sommer bei Ajax Amsterdam geblieben. Nach einem 1:1 in der Champions League beim FC Bayern prasselte Lob von allen Seiten auf ein Vereinsteam ein, das sich vom Dogma des „Voetbal total“ verabschiedet hat. „Wir haben zu fest an dieses 4-3-3 geglaubt“, erklärt Trainer Erik ten Haag.

Dem 48-Jährigen blieb einst selbst eine schillernde Nationalmannschaftskarriere versagt, aber er sagt, dass die Malaise  einem normalen Prozess folgt: „Mit Fußballtalenten ist es wie mit der Weinernte: Mal hast du gute Trauben, mal sind auch schlechte dabei.“ Erschwerend ist bei der Auslese, dass die Ehrendivision sportlich und wirtschaftlich seit geraumer Zeit abgehängt ist. Seitdem sich die Leistungskraft in wenigen großen Ligen versammelt, wollen junge Holländer kaum noch in ihrer Heimat reifen.

Hilfreich sind frühe Auslandseinsätze aber nur dann, wenn sie die Profis auch in der Entwicklung weiterbringen. Immerhin: Mit Kapitän Virgil van Dijk und Fleißarbeiter Georginio Wijnaldum kann Koeman auf zwei Stammkräfte vom FC Liverpool zählen, die bei Jürgen Klopp hoch im Kurs stehen. Das deutsch-niederländische Band lässt sich eben bis heute nicht zerreißen, auch wenn es 2018 auf ganz anderen Ebenen geknüpft ist.

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