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Klein gegen groß: Eden Hazard (rechts) lässt Hamdi Nagguez trotzdem stehen.

Belgien

Nicht mehr ganz so geheimer Favorit

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Die offensivstarken Belgier stoßen mit dem 5:2 gegen Tunesien in den engeren Kreis der Titelkandidaten vor.

Der König war da. Philippe saß oben in seiner Loge, und unten, kurz bevor das Spiel begann, lange bevor die belgischen Fans ihre weltmeisterlichen Gesänge bis vor die Kremlmauern trugen, entstand dieses Bild, das eine bestimmte Wirkung hatte. Nach innen. Und dann nach außen. Sichtbar für das ganze Königreich. Dieses Bild zeigte eine Mannschaft, die sich an der Seitenauslinie getroffen hatte, ein kreisrunder Schulterschluss war das, und eingeschlossen waren alle, die dazugehören. Die Startelf, die anderen zwölf, alle Trainer, jeder Betreuer. Nur die Fotografen, die versuchten, die Formation auf Kniehöhe zu sprengen, um ins Innere zu linsen, waren nicht erwünscht. Einer schrie Aua.

Die demonstrative Verbrüderung vor dem Spiel gegen Tunesien, das mit einem rauschhaften 5:2 endete, hatte auch pragmatische Gründe: die Qualität des Kreises. Auf Fußballdeutsch: die Tiefe des Kaders. Und bei diesem belgischen Team fühlt man sich wie auf einer Rolltreppenfahrt in die Moskauer Metrounterwelt. Unterwegs begegnet man Spielern, die bei den größten Klubs Europas angestellt sind. Groß ist daher auch die Gefahr, tiefe Enttäuschung zu entdecken, falls nicht alle regelmäßig bei Tageslicht glänzen können.

Beispiel Abwehr: Vincent Kompany (Manchester City) und Thomas Vermaelen (FC Barcelona) sind immer noch angeschlagen – die Dreierkette hatte trotzdem kaum Probleme, sie blieb tiefenentspannt. Beispiel Angriff: Romelu Lukaku (Manchester United), dem gegen Tunesien die Turniertreffer Nummer drei und vier gelangen, und Eden Hazard (FC Chelsea), der ebenfalls doppelt traf, mussten beide nach etwa einer Stunde ausgewechselt werden – auch das führte zu keinem Bruch im Spiel. Auf der Bank saß ja noch Michy Batshuayi (FC Chelsea), der das fünfte Tor am Samstag im Stadion von Spartak Moskau erzielte. Borussia Dortmund würde den Leihstürmer gern dauerhaft verpflichten, mit jedem weiteren Treffer wird das schwieriger, teurer.

Die Besetzung der WM-Favoritenrolle ist eine Geheimwissenschaft. Jeder hat da so seine eigene Formel, unterschiedliche Messinstrumente. Auf den Geheimfavoriten Belgien haben sich trotzdem viele früh festgelegt. Englische Kollegen sprechen von einem „silent candidate“, und Roberto Martínez hatte hinterher natürlich gerechnet mit der Frage, ob sein Team diesmal das Talent habe, Weltmeister zu werden. „Das Talent kann jeder sehen“, sagte Belgiens Nationaltrainer, „aber Talent alleine reicht nicht.“ Dann hielt er ein Impulsreferat über die Härte der täglichen Trainingsarbeit, die Balance, die stimmen muss zwischen den Mannschaftsteilen, und einen Prozess, der noch lange nicht zu Ende sei. „Ich denke“, schloss Martínez mit einer kleinen Untertreibung, „wir sind ein gutes Team.“

Zu Beginn der zweiten Halbzeit, Kevin de Bruyne hatte gerade einen brillanten Pass aus dem Fußgelenk geschüttelt, den Hazard noch um ein paar Karat zum 4:1 veredelte, fing es plötzlich an zu regnen. Als würde einer im Fußballhimmel vor Dankbarkeit weinen. Doch gleichzeitig schien die Sonne, war die Tribüne in gleißendes Sommerlicht getaucht. Es musste also irgendwo einen Regenbogen geben. Einen Topf voll Gold, das an diesem Tag ausgereicht hätte, um daraus einen Pokal zu schmieden. „Wir wollen unbedingt ins Finale“, sagte Hazard. „Wir sind besser als vor vier Jahren.“ Viertelfinale, Argentinien, 0:1. „Dieses Spiel würde heute anders ausgehen.“

Hazard kann die tollsten Dinge mit dem Ball anstellen. Er hat keine Kontakte, er verteilt Streicheleinheiten. Er kann aber auch ohne Berührung Chancen eröffnen, indem er den Ball einfach durch die Beine rollen lässt, weil er offensichtlich auch noch im Hinterkopf zwei Augen hat.

Wahrscheinlich waren die Tunesier zu naiv in ihrer Vorstellung, diese Offensivkraft mit der eigenen besiegen zu können. Ihr Schicksal teilen sie nun mit Marokko und Peru, zwei Mannschaften, die Fußball spielen und nicht zerstören wollten. Alle drei sind ausgeschieden.

„Wir wollen uns bei unseren Fans entschuldigen“, sagte Tunesiens Trainer Nabil Maaloul stellvertretend, „wir haben unser Bestes gegeben.“ Und: „Wir brauchen zwei Generationen, um diesen Rückstand aufzuholen.“ Er klang, als hätte er den Rückstand zu den Allerbesten gemeint. Bislang sind das die Belgier.

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