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Helfer gesucht – mit allen Mitteln. Das Olympiastadion in Kiew, Schauplatz des EM-Finales im Juli.
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Helfer gesucht – mit allen Mitteln. Das Olympiastadion in Kiew, Schauplatz des EM-Finales im Juli.

Fußball-EM 2012

Nicht ganz freiwillig

Fast 24.000 Bewerber meldeten sich als Volunteer für die EM 2012, vielen ukrainischen Studenten bleibt offensichtlich keine andere Wahl.

Von Nina Jeglinski und Frank Hellmann

Fast 24.000 Bewerber meldeten sich als Volunteer für die EM 2012, vielen ukrainischen Studenten bleibt offensichtlich keine andere Wahl.

Auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz in Kiew erstrahlt schon seit dem 19. Dezember eine 40 Meter hohe Kunsttanne. Der Schmuck am Mega-Baum trägt unter anderem jene Symbole, die für das Land 2012 so wichtig sind: Drachen als Glücksbringer für die bevorstehende EM. Doch wenn nun in der Ukraine das Weihnachtsfest nach orthodoxer Tradition vom 6. Januar an über zwei Wochen lang gefeiert wird, hegen vor allem viele Studenten gemischte Gefühle. Sie blicken mit Skepsis auf das neue Jahr – einige haben sogar Angst, ihren Studienplatz wegen der EM zu verlieren.

Hintergrund ist die nicht unumstrittene Rekrutierung der Volunteers; jener unverzichtbaren Schar unentgeltlich arbeitender Helfer, die mittlerweile jede Großveranstaltung erst möglich machen. Sie stellen Akkreditierungen aus oder leisten den Fahrdienst, weisen den Weg oder lächeln VIP-Gäste an. Allein die Europäische Fußballunion Uefa benötigt 5500 Freiwillige, die je zur Hälfte in Polen und der Ukraine eingesetzt werden. Ferner haben die Ausrichterstädte noch einen gewaltigen Bedarf an Helfern, die neben guten Englisch-Kenntnissen noch Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit sowie bestenfalls Kenntnisse im Krisenmanagement mitbringen sollten. In der Ukraine werden insgesamt rund 14000 Freiwillige gesucht, 6000 allein in der Hauptstadt Kiew. Das Problem: Anders als im Westen ist ehrenamtliche Arbeit in diesem Teil Europas nahezu unbekannt. Folgerichtig lief eine millionenschwere Werbekampagne der Uefa an. Da fordert Box-Weltmeister Witali Klitschko seine Landsleute auf, sich zu engagieren: „Ich weiß, dass viele von der EM ein Wunder erwarten, aber es wird nicht passieren, wenn wir nicht alle unseren Teil dazu beitragen.“

Auf die Uefa-Ausschreibung hin folgten 23.965 Bewerbungen, rund 90 Prozent aus der Ukraine und aus Polen. „Ein absoluter Rekord. Durchschnittlich kommen 6,5 Personen auf eine Stelle“, schwärmte der ukrainische Turnierdirektor Markijan Lubkiwski. Einige Auswahlgespräche wurde via Skype geführt. Anfang des neuen Jahres starten in Kiew die ersten Vorbereitungskurse.

Doch vielleicht haben sich manche nicht ganz freiwillig gemeldet. Das berichten jedenfalls ukrainische Medien. Katharina, eine Studentin aus Kiew, sagte: „Uns wurde von der Institutsleitung mitgeteilt, dass die höheren Jahrgänge mit ausreichend Sprachkenntnissen sich bewerben sollen.“ Zur Motivationshilfe wurde angegeben, der Dienst werde sich auf die Beurteilung an der Universität und im weiteren Lebenslauf positiv auswirken, erzählte die 22-jährige Studentin. Viktor, 21, stört noch was anderes. „Für die EM ist demnächst auch jeden Samstag Uni. Im Sommer sollen wir unsere Plätze im Studentenwohnheim räumen“, beschwert er sich. Bereits im Mai ist das Semester zu Ende, die meisten Studenten sollen ihre Unterkünfte dann verlassen, weil die Zimmer für die Touristen gebraucht werden.

Berichte, dass die Studenten von der Universitätsleitung unter Druck gesetzt werden, die Renovierung ihrer Schlafsäle selbst zu bezahlen, konterkarieren das angeblich so weltoffene und fröhliche Volunteer-Programm vollends. Studierende der journalistischen Fakultät der Taras-Schewtschenko-Universität sagten, dass sie mit Strafe bedroht wurden – einschließlich der möglichen Räumung. Von jedem Student wurde ein Eigenanteil zur Renovierung der spartanischen Mehrbettzimmer mit Etagendusche und Gruppenküche von bis zu 70 Euro gefordert. „Die Leute haben Angst, von der Uni zu fliegen“, sagte ein Student der Zeitung Ukraina Moloda. Eine Studentin äußerte noch einen anderen Verdacht: „Und danach werden die Studentenunterkünfte womöglich dauerhaft an Touristen vermietet.“

Fans werden Hilfe brauchen

Vor allem die Wohnheime in zentraler Lage böten sich an: Die chronisch unterfinanzierte Hochschule und die hoch verschuldete Stadt Kiew hätten damit eine neue Einnahmequelle. Wie in der Ukraine üblich, reagierten die Verantwortlichen auf die Veröffentlichungen verschlossen. Die Hochschulleitung nannte die Berichte schlicht „absurd.“

Fest steht: Fans werden im EM-Sommer in der Ukraine mehr denn je auf die Hilfe freiwilliger Helfer mit Sprachkenntnissen angewiesen sein. Für Fremde ist es nicht einfach, sich im Straßenbild mit den Beschriftungen in kyrillischer Sprache zurechtzufinden. Und wer Einheimische in Englisch nach dem Weg fragt, erntet in der Regel mürrisches Kopfschütteln oder wird ignoriert. Nikolai Vorobiow, Koordinator des Volunteer-Internetportals, verspricht deshalb: „Die Volunteers werden an allen strategisch wichtigen Stellen stationiert.“

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