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Bärbeißiger Pragmatiker: Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow.

Russland

Nur nicht blamieren

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Der Gastgebersetzt auf drei K: Kampf, Kondition, Kollektiv.

Russland ist ein großes Land. Ein sehr großes Land. Es bietet eine Menge verschiedener Klimazonen und Landschaftsformationen, Seen, Strände, Berge,Wüsten, Tundra, vom mediterranen Sotschi bis zum unwirtlichen Kamtschatka mit seinen Vulkanen. Insofern musste Stanislaw Tschertschessow schon alle verbalen Register bemühen, um seinen Landsleuten zu erklären, warum er die russische Fußball-Nationalmannschaft ausgerechnet in Tirol auf den Confed-Cup vorbereiten musste. Die Bedingungen seien dort ideal gewesen, das Essen hervorragend, der Verkehr überschaubar, die Wege kurz, die Spielfelder in exzellentem Zustand, alles wunderbar eben.

Wirklich überzeugend klang das nicht, aber die russischen Fußballfans werden dem Nationaltrainer verzeihen, wenn er jetzt beim sommerlichen Vorgeplänkel, das heute mit der Partie gegen Neuseeland startet, und vor allem in nächsten Jahr bei der WM erfolgreiche Auftritte mit der Sbornaja hinlegt – oder sich wenigstens nicht bis auf die Knochen blamiert.

In Wirklichkeit war die Sache mit Österreich viel einfacher. Tschertschessow gefällt es dort einfach, seit er einst beim FC Tirol das Tor hütete, unter anderen mit Joachim Löw als Trainer. Er lebt mit seiner Familie in Innsbruck, wenn ihn der Job nicht gerade an einen anderen Ort verschlägt. Und mit einer Sache hat er ohne Zweifel recht. Die Mannschaft wurde in Neufilz von Medien und Fans tatsächlich mehr in Ruhe gelassen, als das in Moskau oder Sotschi der Fall gewesen wäre. Was nicht heißen soll, dass sich die russische Öffentlichkeit gerade überschlägt in Sachen Nationalmannschaft.

Russlands Team ist gerade ungefähr da, wo das DFB-Team war, als Deutschland 2005 den Confed-Cup ausrichtete. Nach einer verpatzten EM gab es in beiden Ländern ironische Stimmen, dass man sich doch besser abmelden sollte beim eigenen Turnier. Die Erwartungen waren gering, die Befürchtungen groß, und ein neuer Trainer sollte je nach Lesart das Bestmögliche herausholen oder das Schlimmste verhüten. Nur dass sich die Russen keinen flamboyanten Visionär wie Jürgen Klinsmann holten, sondern einen eher bärbeißigen Pragmatiker. Nach den großen und teuren ausländischen Namen wie Guus Hiddink und Fabio Capello sowie der hausgemachten Variante mit Leonid Slutski setzte man diesmal auf die Mischform, einen westeuropäisch geprägten Russen.

Es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass die Spielerkarriere von Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow nicht unbedingt glanzvoll, aber doch erfolgreicher war als seine spätere Trainerlaufbahn. Bei zwei Weltmeisterschaften hütete er das russische Tor, wobei er 1994 beim 6:1-Sieg gegen Kamerun in Stanford die Ehre hatte, von Roger Milla überwunden zu werden, dem bis heute ältesten WM-Torschützen. Bei Dynamo Dresden und in Innsbruck war er Publikumsliebling. Seine Trainerstationen waren nie von Dauer, ob Kufstein, Spartak und Dynamo Moskau, Terek Grosny, Amkar Perm oder Legia Warschau. Doch das eine Jahr in Polen mit dem Double reichte im vergangenen August, um ihn in das Amt des Fußball-Nationaltrainers zu katapultieren.

Der Auftrag war so klar wie vermessen. Der 53-Jährige soll Russland mindestens ins Halbfinale der WM führen. Viele Fans würden schon das Halbfinale des Confed-Cups für ein kleines Wunder halten. Offensichtlich war nach dem altbackenen EM-Auftritt im vergangenen Jahr, dass eine Verjüngung Not tut. Die hat Tschertschessow in Angriff genommen, auch wenn er zunächst versuchte, Abwehrveteranen wie den Beresutski-Brüdern oder Sergei Ignaschewitsch den Rücktritt auszureden, und überflüssigerweise erwähnte, gegen Letzteren habe er noch selbst gespielt. Aus dem Kader von 2016 sind, auch verletzungsbedingt, nur noch neun Leute dabei, Spieler wie der russische Torschützenkönig Fedor Smolow aus Krasnodar oder die 21-jährigen Mittelfeldspieler Alexander Golowin und Alexej Mirantschuk sollen Verantwortung übernehmen.

Stanislaw Tschertschessow ist, obwohl Löw-Schüler, kein sonderlich taktikaffiner Trainer. Die mäßig erfolgreichen Testspiele seiner Amtszeit weisen ihn als Vertreter einer defensiven Orientierung aus, er führte die Fünferkette bei gegnerischem Ballbesitz ein, sein Augenmerk liegt auf Kampf, Kondition und Kollektiv.

Im Zusammenhalt freilich lag oft das Problem bei jenem hochtalentierten Team, das 2008 mit Hiddink ins Halbfinale der EM stürmte, danach aber nie mehr überzeugte. Torhüter Igor Akinfejew ist wie Juri Schirkow ein Überbleibsel jener Mannschaft, und er schwärmt immer noch von 2008. „Halbfinale klingt großartig“, sagt er, „besser klingt nur eine Sache: Finale.“

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