+
Hamburgs Lukas Hinterseer und Stuttgarts Marc Oliver Kempf (l) im Zweikampf um den Ball.

Hamburger SV 

Tut gar nicht weh

  • schließen

Der HSV nimmt Pokalaus gegen Stuttgart entspannt zur Kenntnis, beim VfB ist die Genugtuung nach dem 2:6 aus der Liga allgegenwärtig.

Niederlagen tun in der Regel weh. Im Fall des vormals leidgeprüften Hamburger SV galt das stets im besonderen Maße. Waren doch Niederlagen regelmäßig mit noch mehr Zittern im Abstiegsstrudel, im letztjährig misslungenen Aufstiegsrennen oder - im Falle von Pokalspielen - mit noch größeren Löchern in der notorisch leeren Kasse verbunden. Diese Woche bewies der HSV, dass er auch anders kann. Das 1:2 nach Verlängerung gegen den VfB Stuttgart hat den Zweitliga-Tabellenführer und Halbfinalisten der Vorsaison bereits in Runde zwei aus dem Pokal purzeln lassen - und niemand hat sich hinterher großartig geärgert. Trainer Dieter Hecking, dieser uralte Hase im Abnutzungsjob, sah sogar so aus, als spiele ihm das Aus gegen denselben Gegner, den der HSV am Samstag in der zweiten Liga noch vermeintlich vernichtend 6:2 geschlagen hatte, sogar in die Karten. So sind der Fußballlehrer und sein insgesamt gut komponiertes Team diese lästige Zusatzaufgabe los und können sich wunderbar auf die Punktspiele konzentrieren.

Wobei eines trotz der insgesamt mehr als hunderttausend Volksparkstadion-Besucher binnen vier Tagen,nicht unterschlagen werden sollte: De Hanseaten hätten die Einnahmen fürs Weiterkommen, exakt 702 000 Euro plus die geteilten Zuschauereinnahmen, gut gebrauchen können. Denn im November wird Finanzchef Frank Wettstein nicht umhin kommen, zum zehnten Mal in Folge einen Verlust aus dem vergangenen Geschäftsjahr bekanntgeben zu müssen, möglicherweise sogar im zweistelligen Bereich. Und auch die laufende Spielzeit dürfte es trotz diverser Sparmaßnahmen wohl auf moderate rote Zahlen hinauslaufen.

Insgesamt aber ist die Stimmung im Volkspark so entspannt wie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Die recht souveräne Tabellenführung vor dem Auswärtsspiel am Sonntag in Wiesbaden tut allen Beteiligten spürbar gut, Trainer Hecking hat den Laden im Griff. Das war bei seinen zahlreichen Vorgängern zu dieser Jahreszeit nur selten der Fall.

Wahr ist aber auch, dass die Rothosen am Dienstagabend dem VfB Stuttgart in sämtlichen Belangen unterlegen waren. Das hatte man so nach dem 6:2 vom Samstag nicht erwarten können. Doch die Schwaben zeigten keinerlei Anflüge fehlenden Selbstvertrauens, sie kombinierten sich auf durchaus mittlerem Erstliganiveau flüssig durch die Hamburger Reihen und wurden schließlich ein vollauf verdienter Sieger.

Zuletzt hatte der VfB dreimal in Folge in der Liga verloren, die Stimmung im Umfeld des letztjährigen Absteigers war deshalb diametral anders als beim Gegner, aber weder Sportchef Sven Minslintat noch Trainer Tim Walter verfielen deshalb in Hektik. Das erklärte Saisonziel heißt nicht bloß Wiederaufstieg, sondern auch die Entwicklung eines gediegenen Ballbesitzspiels. Mit guten Fußballern wie dem in der zweiten Liga derzeit rotgesperrten Holger Badstuber, Gonzalo Castro, Marc-Oliver Kempf und den aus Freiburg ausgeliehenen Pascal Stenzel in der letzten Reihe kann das funktionieren. In Hamburg funktionierte es auch dank des überragenden Argentiniers Nicolas Gonzalez, der in der Offensive überall auftauchte, sehr gut.

Die Gäste spielten laut Statistik deutlich mehr und präzisere Pässe als die Hamburger, sie waren dabei aber auch torgefährlicher und verteidigten intensiv. Es war also nicht bloß Ballkunst um der Ballkunst willen, sondern sichtbar zielgerichtet und am Ende belohnt mit dem entscheidenden Tor des just eingewechselten Hamadi Al Ghaddioui in der 114. Minute. Der Deutsch-Marokkaner und der junge Kongolese Silas Wamangituka Fundu brachten dem Stuttgarter Spiel wesentlich mehr als die hochdekorierten Hamburger Einwechselspieler Marcel Kittel, Khaled Narey oder Christoph Moritz, die allesamt der Musik hinterherliefen. Verschmerzbar, wie gesagt.

Sollte der VfB sein Spiel in ähnlich souveräner Art und Weise auch im Zweitliga-Spielbetrieb durchsetzen können, wird am Ende der direkte Wiederaufstieg als Belohnung folgen. Dass die Kritik nach den jüngsten drei Punktspiel-Niederlagen wehgetan hat, ließ Trainer Walter in seiner unnachahmlich direkten Art durchblicken: „Wir haben schön auf die Fresse bekommen und jetzt gezeigt, dass wir Respekt verdienen.“ Das klang eher angriffslustig als nach beleidigter Leberwurst. Walter fühlt sich bestätigt, dass er konsequent an seiner Spielidee Ballbesitz festgehalten hat: „Ich habe auch nach drei Niederlagen gesagt, dass wir auf einem richtigen Weg sind - da haben mich alle ausgelacht.“ Da kam auch ein wenig Genugtuung durch, die Sportchef Minslintat ein wenig diplomatischer abrundete: „Das, was die Mannschaft gezeigt hat, war eine sehr gute Reaktion auf all die zuletzt berechtigte Kritik.“ Eine Bestätigung in der Liga steht vorerst noch aus. Sie sollte Sonntag gegen Dynamo Dresden folgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion