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Ex-Nationalspielerin Nia Künzer kritisiert DFB: „Besetzung der Task Force wirkt irritierend“

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Von: Ingo Durstewitz, Jörg Hanau

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Ex-Fußballerin Nia Künzer steht für ihre Meinung ein.
Kluger Kopf: Ex-Fußballerin Nia Künzer steht für ihre Meinung ein. © Peter Hartenfelser/Imago

Ex-Nationalspielerin Nia Künzer über fehlende Vielfalt im Fußball, die WM in Katar, ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe und was Männer von Frauen lernen können.

Frau Künzer, der deutsche Männerfußball taumelt mal wieder, der DFB befindet sich im Krisenmodus und hat daher hektisch eine Task Force eingesetzt. Lauter Männer gesetzten Alters, der jüngste ist 47 Jahre alt. Verstehen wir das unter Diversität?

Ich glaube schon, dass Expertise da ist in diesem Gremium, aber fehlende Diversität, zumindest was die Frauen angeht, ist augenscheinlich. Da braucht man nicht mal besonders sensibilisiert sein. Für mich aber schon erstaunlich, dass sich diese Diskussion immer sehr stark auf den DFB fokussiert. In den Vereinen und deren Gremien ist auch noch viel Luft nach oben. Was mich aber stört: Diversität heißt ja nicht nur Frau oder Mann, sondern bedeutet viel mehr: unterschiedliches Alter, verschiedene Erfahrungen und Perspektiven. Das verstehe ich unter Vielfalt.

Also ist diese Zusammensetzung eher suboptimal?

Noch mal: Mir geht es um verschiedene Blickwinkel, einen fruchtbaren Austausch, andere Meinungen. Ich weiß nicht, ob diese Task Force vielfältige Perspektiven so zusammenbringt. Vor diesem Hintergrund hätte man sie mit ein bisschen Fingerspitzengefühl auch anders zusammensetzen können. Im ersten Moment wirkt die Besetzung etwas irritierend, auch aktionistisch. Ich denke, dass es durchaus Expertinnen gibt, die da gut reingepasst hätten.

Die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg?

Zum Beispiel.

Was können die Männer vom Fußball der Frauen lernen? Ruhe, Harmonie, Teamspirit?

Na ja, Fakt ist, dass die Frauen bei der EM in diesem Jahr mit einer unheimlichen Leidenschaft aufgetreten sind. Das war schon beeindruckend. Sie sind marschiert, marschiert, marschiert. Sie sind bis an die Grenzen und darüber hinaus gegangen. Sie haben einfach überzeugt, auf dem Platz und abseits des Platzes. Einfach authentisch, intelligent, sympathisch, nahbar.

Also genau so, wie die Männer sich nicht präsentiert haben.

Diesen Eindruck kann man haben, und viele Menschen scheinen ja diesen Eindruck zu haben. Das hat mit dem ganzen System an sich zu tun, das sich von der Basis entfernt hat. Das hat mit irren Gehältern zu tun, mit wahnsinnigen Ablösesummen, das hat mit der ganzen Sparte zu tun.

Abgehoben halt, weit weg von den normalen Menschen?

Mag sein. Aber ich muss den Verband auch ein bisschen in Schutz nehmen. Der Druck, unter dem der DFB steht, ist immens. Man hat schon fast das Gefühl, egal was sie da machen, es ist verkehrt und sie bekommen auf den Deckel. Also, es ist sehr schwierig im Moment. Ich sage Ihnen, was meiner Ansicht nach das Hauptproblem dabei ist …

… sehr gerne.

Der Verband kommt nie zur Ruhe, er ist in ständiger Unruhe. Auch von innen heraus. Wechselnde Spitze, wechselnde Leitung, wechselnde Strukturen, wechselnde Abteilungen. Das hat vielleicht nichts mit der sportlichen Leistung der Nationalmannschaft zu tun, aber dieser sehr große Verband ist ständig in Hektik und irgendwie auch getrieben. Ich habe schon gehofft, dass jetzt mit Bernd Neuendorf ein bisschen Ruhe einkehrt. Und die ersten Eindrücke waren auch positiv. Und dann kommt diese WM …

… die im Desaster endete, von vorne bis hinten.

Die WM war irgendwie vermurkst, ja, und die Verantwortlichen haben sich nicht ganz clever verhalten. Aber das haben sie ja selbst eingeräumt.

Sie meinen die Posse um die Binde?

Auch. Wenn man sagt, wir ziehen das durch, dann muss man es halt durchziehen und nicht einknicken. Schauen Sie, was die iranische Nationalmannschaft auf sich genommen hat, als sie die Hymne nicht mitsang. Das kann die eigene Familie in Gefahr bringen. Und wir reden hier über was? Gelbe Karte, Punktabzug, Geldstrafe? Die Angelegenheit hätte viel früher geklärt werden müssen, man hat sich von der Fifa vorführen lassen. Die Spieler klammere ich dabei explizit aus. Ich denke, man hat von der Mannschaft etwas erwartet, was sie so nicht leisten konnte. Sport und Politik sollte man nicht trennen, aber man sollte es auch nicht überladen.

Wurde den Spielern ihrer Einschätzung nach zu viel aufgebürdet, was nichts mit Fußball zu tun hatte?

Genau. Ich glaube, die Sportler waren völlig überfordert mit der Situation. Die Jungs spielen seit sie fünf, sechs Jahre alt sind und arbeiten auf solch ein Karrierehighlight hin. Als die WM nach Katar vergeben wurde, waren sie vielleicht acht, neun, zehn Jahre alt. Und sollen jetzt die politische Fahne Deutschlands hochhalten? Das geht nicht. Und ich muss gestehen: Auch ich war am Anfang der WM überfrachtet mit Themen, die nichts mit dem Sport zu tun hatten.

Deutschland, der Moral-Weltmeister?

Das weiß ich nicht. Ich glaube schon, dass andere Nationen gar nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten, wie viel und was dahinter steht. Aber vielleicht haben wir einfach zu viel daraus gemacht. Das ist ein typisch deutsches Ding. Auch da war der DFB wieder getrieben, wollte unbedingt ein Vorreiter sein.

Ein Vorreiter ist er beim heißen Thema Equal Pay ja nicht unbedingt. Aber dazu haben Sie, so weit wir wissen, eine differenzierte Meinung.

Ich finde, das Thema wird und muss im Fußball generell differenziert betrachtet. Ich bin froh, dass die Spielerinnen nicht gesagt haben: „So, jetzt wollen wir die gleiche Prämie wie die Männer.“

Bundeskanzler Olaf Scholz war da via Twitter viel forscher, er schrieb: „Wir haben 2022. Frauen und Männer sollten gleich bezahlt werden. Das gilt auch für den Sport, besonders für Nationalmannschaften.“

Also ich weiß nicht, ich nutze Twitter nicht. Aber in 180 Zeichen ein solches Thema differenziert zu betrachten, halte ich für schwierig. Es geht auch nicht um gleiches Gehalt und gleiche Prämien. Also verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich über jeden Cent, den die Spielerinnen verdienen. Aber ob die Prämien nun bei 60 000, 80 000 oder 100 000 Euro liegen, damit lösen wir nicht die wirklichen Herausforderungen, die großen Baustellen.

Welche sind das?

Die Rahmenbedingungen. Da muss es vorangehen. Die Infrastruktur, die Professionalisierung der Liga, die TV-Verträge, die Frage: Wie bringe ich mehr Fans in die Stadien, wie begeistere ich mehr Mädchen für Fußball, wie können Angebote für sie geschaffen, Trainerinnen akquiriert und qualifiziert werden.

Aber da können doch die Auftritte des Nationalteams der Frauen einen Schub geben.

Klar, die Nachhaltigkeit der EM ist spürbar, aber es ist dennoch kein Selbstläufer, selbst so ein Erfolg wie bei der EM nicht. Sportlich war das Turnier überragend. Das Niveau hat viele überzeugt. Natürlich auch die vollen Stadien, die Sichtbarkeit, die authentische, leidenschaftliche Mannschaft. Häufig höre ich, dass die Spiele der Frauen an Attraktivität gewonnen haben und sich Fans vom Männerfußball abwenden. Es wird viel über die EM 2024 gesprochen, in 2023 steht aber das nächste große und wichtige Turnier quasi vor der Tür. Die Frauen können in Australien/Neuseeland Weltmeisterinnen werden. Dort kann das nächste Ausrufezeichen gesetzt werden. Ich hoffe einfach, dass der Frauenfußball nicht nur dem nacheifert, was der Männerfußball jetzt ist. Es gibt Bereiche, in denen er nämlich einfach kein gutes Vorbild ist.

Welche sind das?

Die Kommerzialisierung hat Dimensionen angenommen, die sind einfach über der Linie drüber. Zum Beispiel sollte man darüber diskutieren, ob man um jeden Preis jeden Sponsorenvertrag annehmen muss, egal, wer ihn anbietet. Da sollten wir Frauen drüberstehen, wir wollen ja für bestimmte Werte stehen. Da muss ich aber auch konsequent sein und vielleicht doch den besonderen Weg gehen. Mein Tipp: nahbar bleiben, authentisch bleiben.

Gar nicht so leicht heutzutage, nicht nur im Fußball. Die Gesellschaft befindet sich generell im Wandel. Manchmal scheint das Leben hierzulande kompliziert und irgendwie bleiern.

In anderen Ländern werden manche Diskussion nicht geführt, ja. Manchmal versuchen wir, politisch korrekter zu sein, als es sein müsste. Also es gibt rote Linien, die wir niemals überschreiten sollten: Kein Platz für Rassismus und Rassenhass. Und der Kampf für die Menschenrechte steht ganz oben. Aber ich finde, wir müssen schon ein Klima schaffen, in dem sich jede und jeder frei äußern kann, ohne Angst zu haben, etwas Falsches zu sagen. Wichtig ist doch, miteinander in den Austausch zu gehen und zu bleiben. Weg vom Schwarz-weiß-Denken und Schwarz-weiß-Reden. Wir hatten neulich eine Diskussion im Freundeskreis, da ging es um diskriminierende Sprache. Und da ist uns klar geworden, wie groß die Unsicherheit ist, was man noch sagen „darf“ und was nicht. Und ich spreche nicht davon, dass es gut ist, die Menschen zu sensibilisieren für gewisse Themen.

Zur Person

Nia Künzer , 42 Jahre alt, in Botswana geboren und in Mittelhessen zu Hause, ist ein höchst engagierter Mensch, unterstützt unzählige karitative Projekte, unter anderem als Vorstandsmitglied den FR-Schlappekicker. Die frühere Nationalspielerin ist zudem hauptamtlich in der Flüchtlingshilfe tätig, leitet in Gießen ein Dezernat mit 40 Mitarbeitenden.

Berühmtheit erlangte die zweifache Mutter mit ihrem Golden Goal bei der WM 2003 gegen Schweden, mit dem Deutschland den Titel holte. (FR)

Golden Goal: Nia Künzer (links) köpft das deutsche Team 2003 in Carson zum Weltmeistertitel.
Golden Goal: Nia Künzer (links) köpft das deutsche Team 2003 in Carson zum Weltmeistertitel. © AFP

Zum Beispiel Gendern?

Richtig. Ich weiß, dass Sprache auch Macht ist. Und daher versuche ich, das weitestgehend zu berücksichtigen, denn ich bin überzeugt davon, dass es richtig und wichtig ist. Aber ich bin da nicht dogmatisch oder ideologisch. Wenn ich mal die weibliche Form vergesse, ist es kein böser Wille und ich finde das nicht dramatisch. Ich bin selbst keinem böse, wenn er es mal vergisst. Aber wir sollten schon sensibilisiert dafür sein, denn jeder sollte wissen, dass er mit seinen Worten etwas bewirken kann. Und trotzdem muss ich sagen, dass mir Männer manchmal ein bisschen leidtun, weil sie sehr vorsichtig sind und fast schon unsicher werden, weil sie nicht wissen, ob man dieses oder jenes noch sagen darf.

Sie persönlich arbeiten in der Flüchtlingsverwaltung, haben ein Dezernat mit 40 Mitarbeitenden unter sich. Durchaus ungewöhnlich als ehemalige Profifußballerin. Wollen Sie etwas zurückgeben?

Wir sind keine wohltätige Organisation, sondern als RP Gießen Teil der Landesverwaltung und die Rahmenbedingungen sind vorgegeben. Aber ich finde unsere Arbeit sehr sinnvoll und auch sinnstiftend. Wir versorgen und betreuen Schutzsuchende. Durch meine duale Karriere mit Studium und Leistungssport habe ich Kompetenzen erlernt, die mir bei dieser Aufgabe fachlich und auch als Führungskraft weiterhelfen.

Sie sind in Gießen für die Erstaufnahme von Geflüchteten zuständig, bringen bis zu 7000 Menschen unter, 150 bis 200 kommen täglich, und wir sprechen ja hier von Asylsuchenden. Hört sich in der Tat nach sehr sinnvoller, aber auch harter Arbeit an. Berührt Sie das Schicksal der Menschen?

In erster Linie machen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter die Beratung, sie machen wirklich einen tollen Job. Klar bekomme ich auch die komplizierten, schweren Fälle mit, gerade Geschehnisse mit Kindern oder häuslicher Gewalt gehen mir nahe. Da muss man seinen Weg finden, damit umzugehen. Wir sind darauf vorbereitet. Aber es ist manchmal schon nicht leicht. Ich sage immer, bei uns gibt es alles, von Geburt bis Tod und alles, was dazwischen ist. Also kranke Menschen, körperlich und psychisch belastete Menschen, Suchtabhängige, Straffällige. Ich bin von Haus aus Pädagogin, also ein bisschen geschult bin ich auch. Das Prinzip Nähe und Distanz funktioniert ganz gut: Man muss emotionale Nähe zulassen, sonst kann man den Job sowieso nicht machen. Aber man muss auch eine Grenze ziehen und darf eben nicht alles mit nach Hause nehmen.

Klingt anstrengend, ja belastend.

Vor allem für meine Mitarbeiter, für sie habe ich eine Fürsorgepflicht. Sie sind extrem stark belastet gewesen in den letzten zwei, drei Jahren, haben Höchstleistungen gebracht. Es war Wahnsinn, was sie geleistet haben zu Zeiten der Pandemie. Alle sind ins Homeoffice, meine Leute halt nicht. Geht schlecht in der Sozialarbeit.

Sie persönlich sind sozial ohnehin äußerst engagiert, bei ungeheuer vielen Projekten dabei. Liegt das in Ihrem Naturell?

Ich finde einfach, es ist eine großartige Gelegenheit, etwas zurückzugeben und etwas zu bewirken. Und man bekommt ja auch etwas zurück. Also es ist nicht ganz uneigennützig, sondern ich sauge auch etwas daraus, wenn ich mich engagiere und – hoffentlich – Gutes tun kann.

Kommt diese soziale Ader durch die Eltern, die Entwicklungshelfer in Afrika waren? Sie sind ja in Botswana geboren.

Das ist immer schwer zu sagen: Ist das jetzt durch die Familie? Weiß ich nicht. Meine Eltern haben es so vorgelebt, das schon. Wenn man so aufwächst, prägt es einen, keine Frage. Und ich bin überzeugt von dem Modell Lernen durch Vorbilder. Also statt zu reden, sollte man es einfach tun. Also auch, zum Beispiel, beim Thema Gendern oder Emanzipation. Ich bin jetzt kein Typ, der das ständig sagen oder predigen muss. Ich versuche, es vorzuleben. Ich möchte authentisch sein und so leben, wie ich mir das vorstelle.

Und weil Sie so sind, wie Sie sind, und Ihr Tag offenbar nicht nur 24 Stunden hat, engagieren sie sich jetzt im Vorstand der Schlappekicker-Aktion der FR. Wie bewerten Sie Ihre ersten Monate?

Ich finde es super, wirklich ganz toll und es macht richtig Spaß. Im Vergleich zu anderen Projekten ist es beim Schlappekicker relativ intensiv und der Austausch kurz und eng. Ich finde auch, die Hilfe und die Unterstützung, die wir geben, ist sehr direkt, regional und kommt sofort an. Das gefällt mir total. Und man ist sehr nah an der Entscheidungsfindung beteiligt. Coole Sache, alles in allem. Vielen Dank an alle Spenderinnen und Spender.

Und weil sie sonst kaum ausgelastet sind, mit Job, Projekten, Familie, zwei Kindern, einem Mann, sind Sie auch noch als TV-Expertin bei den Länderspielen der Frauen aktiv.

Richtig, seit 2006 bin ich nun schon bei der ARD im Einsatz, und ich habe jetzt meinen Vertrag um ein Jahr verlängert (lacht).

Ist das auch so ein bisschen Abwechslung und auch ganz gut, um die Bindung zum Sport nicht zu verlieren?

Für mich ist es eine schöne Abwechslung und Verbindung zu meiner Leidenschaft Fußball. Die Rolle ist ganz anders als mein normaler Job und mein Alltag, aber für mich eine tolle Kombination.

Ist es schwierig als Expertin? Viele, gerade bei den Männern, kommen ja recht neunmalklug daher.

Ich versuche tatsächlich, nicht so als Besserwisserin dazustehen, sondern einfach meine Einschätzung zu geben, wie ich die Dinge sehe. Vielleicht auch im Hinblick auf eigene Erfahrungen, denn wenn man mal auf dem Platz gestanden hat, dann weiß man, das ist alles nicht so einfach. Von außen kann man leicht sagen: „Jetzt muss mal der Schalter umgelegt werden.“ Aber wenn der Schalter auf dem Feld nicht mehr umgelegt werden kann, dann ist das so – und das verstehen nicht alle.

Was haben Sie aus ihrem Sportlerleben ins „normale“ Leben transportieren können?

Sehr, sehr viel. Leistungssportler sind eigentlich die perfekten Mitarbeiter, aber auch Leitungs- und Führungspersönlichkeiten. Davon bin ich überzeugt.

Würden Sie das konkretisieren?

Ich habe total viel gelernt im Sport, was mir jetzt im Job und als Vorgesetzte hilft. Zum einen muss man vorangehen, Verantwortung übernehmen, sich gleichzeitig aber auch in einem Team integrieren. Man muss organisiert sein, Entscheidungen treffen und braucht ganz viel Disziplin. Und Ehrgeiz. Und Durchhaltevermögen. Da lässt sich vieles übertragen.

Aber es liegt ja auch an der Persönlichkeit, Sie waren zum Beispiel in jungen Jahren schon Spielführerin.

Das stimmt, Moni Staab hat mich zur Kapitänin gemacht. Da habe ich mich damals sehr wohl gefragt, wieso ich das mit Anfang 20 werde, denn da waren ja auch Doris Fitschen, Steffi Jones, die Wunderlichs und weiß Gott, wer noch alles. Aber ich war Spielführerin. Ich war vielleicht nicht die beste Fußballerin, aber hatte schon ein Gespür fürs Team und Situationen und wusste, wann es Zeit war, voranzugehen, auch mal laut zu werden und Mentalität zu zeigen.

Sonst wären Sie nach vier Kreuzbandrissen auch nicht immer wieder zurückgekommen. Da gehört eiserner Wille dazu.

Es ist nicht so, dass ich diese schweren Verletzungen gebraucht hätte, sicher nicht. Aber sie haben mir geholfen, mich zu erden, auch den Blick über den Tellerrand zu wagen. Denn nach jedem Kreuzbandriss oder einer schweren Verletzung steht die Welt erst mal still für einen Sportler. Und so romantisch das manchmal ist in so einem Team. Auf einmal heißt es: Aus den Augen, aus dem Sinn. Das ist nicht böse gemeint, aber so war es. Ich habe woanders gewohnt, meine Reha woanders gemacht. Für die anderen ist die Bundesliga weitergegangen, die Nationalelf. Alles geht seinen normalen Gang. Die Welt dreht sich weiter, nur halt ohne dich. Von daher lernt man im Sport, mit Niederlagen umzugehen und sich eine gewisse Resilienz zuzulegen.

Und die Familie, gute Freunde helfen sicher.

Absolut. Diese Zeit relativiert dann vieles. Selbst wenn Frauenfußball damals noch nicht so ein Riesending war. Man lebte auch da schon in seiner Bubble, und dann wird man halt rausgerissen und guckt auf einmal und fragt sich: „Was ist denn eigentlich übrig, wenn man raus ist aus der Bubble?“ Da kann man schon in ein Loch fallen, wenn man keine Familie oder Freunde außerhalb des Leistungssports hat.

Aber Sie haben ja ein starkes Umfeld, eine intakte Familie.

Absolut, mein Mann und ich leben sehr gleichberechtigt. Ich bin stolz darauf, dass wir das so hinbekommen. Jeder macht eigentlich alles, es funktioniert, wir sind, glaube ich, gut organisiert. Also ich will jetzt nicht sagen, mein Leben ist eine To-Do-Liste, das fände ich dann doch blöd. Aber man muss sich organisieren, und das bekommen wir gut hin.

Und das Leben in der Spätphase der Pandemie ist ja auch wieder etwas normaler geworden. Wie war die Corona-Zeit für Sie mit zwei Kindern?

Vorneweg, wir haben eine absolute Luxussituation: Wir wohnen in einem Haus mit mehreren Zimmern, wir haben einen Garten. Ich glaube, das ist Jammern auf hohem Niveau. Wir haben die Zeit gut rumgekriegt, aber insgesamt betrachtet gab es schon einen Zeitpunkt, an dem ich die Geduld verloren habe und den Eindruck hatte, dass Kinder sehr wenig Lobby haben. Das muss ich klar so sagen. Aber es ist nicht so, dass ich kein Verständnis habe. Ich bin mit vielem konform gegangen und hätte die Entscheidungen nicht treffen wollen. Es war unheimlich schwierig. Keiner wusste, was kommt, selbst für die Politiker war es ein neues Feld. Insofern habe ich da immer großes Verständnis für alle Handelnden gehabt. Die Verantwortung war riesengroß. Und da kannst du, und da schließt sich der Kreis zum Anfang unseres Gesprächs, eigentlich immer nur Fehler machen. Wie beim DFB. Da weiß man vorher nicht, was richtig ist. Aber im Nachgang immer, was richtig gewesen wäre.

Interview: Ingo Durstewitz und Jörg Hanau

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