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Neymar findet ihn doof: der Videobeweis in der Champions League.

Videoassistent

Neymar und das Problem mit dem Videodingsbums

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Neymar schimpft über die Videoschiedsrichter, und wer weiß schon, ob der Fußball jetzt besser ist als vorher. Der FR-Kommentar.

Die prägnantesten Wortbeiträge zum Thema Videoassistent kamen am Donnerstag aus Paris und Porto. In der französischen Hauptstadt tippte der brasilianische Fußballstar Neymar nächtens in sein Smartphone, dass es „eine Schande sei“, wenn vier Ahnungslose „vor dem Fernseher“ die wichtigsten Entscheidungen treffen würden. Der zurzeit verletzte PSG-Profi schloss, offenbar dem Niveau der sozialen Medien verpflichtet, mit dem Satz: „F***t euch!“

In Porto war es James Pallotta, Präsident des AS Rom, vorbehalten, das Champions-League-Aus mit deftigen Worten auf den Videoassistenten zu schieben. Beraubt worden sei man – „ich habe genug von diesem Scheiß. Ich gebe auf!“

Im Namen der Gerechtigkeit wurde der VAR (Video Assistant Referee) von der Uefa für die K.o.-Phase der laufenden Königsklassensaison eingeführt, aber nun geschieht das gleiche wie im Ligabetrieb Deutschlands, Frankreichs und Spaniens, wo die technische Hilfe schon länger zur Verfügung steht: Eine Entscheidung, die sich falsch anfühlt, wird durch den scheinbar objektiven Anspruch einer übergeordneten Instanz nicht angenehmer. Ganz im Gegenteil. An dieser Stelle: James Palotta noch einmal in den Zeugenstand, bitte. „Letztes Jahr haben wir alle nach dem VAR verlangt, nachdem wir im Halbfinale beschissen worden waren. Dann führen sie in der Tat den VAR ein, nur damit wir erneut beraubt werden.“

Das ist und bleibt auf emotionaler Ebene das zentrale Problem mit dem Videodingsbums. Es sind Menschen, die Bilder interpretieren, zusätzlich zur Echtzeit nun auch in der Wiederholung vor einem Bildschirm. Das Handspiel des Parisers Presnel Kimpembe, das zum Elfmeter führte, der zum Aus der Franzosen gegen Manchester United führte, war womöglich eher strafbar als nicht. Aber je häufiger man die Szene in Zeitlupe betrachtet, mit jedem Vor- und wieder Zurückspulen der Zehntelsekundensequenz, in der ein Ball an einen Arm prallt, entfernen sich die Bilder vom eigentlichen Geschehen und ihrem ursprünglichen Kontext. Das Blow-Up-Paradoxon: Je näher man an etwas herangeht, desto unschärfer wird es. Tatsächlich war es am Mittwochabend problemlos möglich, nach der zehnten Wiederholung in Paris auf Elfmeter zu plädieren, und als einem die Szene erneut im Originaltempo vorgespielt wurde, sah man es wieder andersrum. Genauso in Porto, wo der Römer Patrik Schick in der Verlängerung minimal touchiert wurde am Fuß, sich daraufhin selbst in die Hacken trat und stürzte. Der VAR verzichtete auf eine Intervention, was richtig war und gleichzeitig falsch und sich je nach Parteilichkeit entsprechend anfühlte. So wie ohne die Technik auch.

Der Fußball wird nicht schlechter oder besser mit Videobeweis, nur anders und vielleicht ein bisschen gerechter (wobei die Frage offen bleibt, ob „Gerechtigkeit“ überhaupt eine wichtige Kategorie ist in der Kulturgeschichte des Fußballs). Wer Angst hatte, das Spiel würde an Dramatik und Emotion verlieren durch die Technik, muss sich jedenfalls das Gegenteil eingestehen. Es geht weiter heiß her. Man merkt es an den Wortbeiträgen.

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