Schulterschluss mit den Fans: HSV-Trainer Christian Titz, der unabhängig vom Klassenerhalt bleiben soll.
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Schulterschluss mit den Fans: HSV-Trainer Christian Titz, der unabhängig vom Klassenerhalt bleiben soll.

Hamburger SV

HSV mit neuer Hoffnung

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Beim Hamburger SV herrscht ausgerechnet im Angesicht des ersten Abstiegs eine Aufbruchstimmung wie lange nicht.

Die beiden Mädchen in rosaroten HSV-Trikots machen große Augen, als Lewis Holtby sie nach dem Training persönlich begrüßt. So was kommt nicht alle Tage vor. „Lewis“, sagt die eine, „wir haben keine Karten fürs Spiel am Samstag mehr bekommen.“ Der Mittelfeldspieler, so schnell im Kopf wie auf den Beinen, hat einen guten Rat: „Dann holt euch welche für die Relegation.“ Dann lachen sie alle miteinander über den guten Witz, der vielleicht gar kein Witz mehr ist am Samstag gegen 17.20 Uhr. 

Fast zweieinhalbtausend Menschen sind an Himmelfahrt gekommen, um gemeinschaftlich den Niedergang abzuwenden. Oder als Zeugen des wahrscheinlich letzten öffentlichen HSV-Trainings nach 55 Jahren in der Bundesliga. Die Stimmung ist prächtig. Keine Spur von Abstiegsangst vor der Partie am Samstag gegen Borussia Mönchengladbach. Stattdessen: Sehr viel Beifall – für eine Mannschaft, die vergangene Woche 0:3 in Frankfurt verloren hat und auf dem vorletzten Platz steht. 

Eigentlich hatten die Tore am Volksparkstadion verschlossen bleiben sollen, aber dann hat Christian Titz entschieden, dass alle dabei sein sollen. Auch die Freundinnen, Frauen und Kinder der Profis. „Die Familie“, begründet der Trainer zwei Stunden später frisch geduscht, „hat ja auch ihre Bedürfnisse.“ Titz, der Menschenfänger, hat nach dem Training fast eine Stunde lang Autogramme gegeben. Am Dienstag gab es Eis für alle Kiebitze, spendiert von den Profis. All das ist unüblich in der Bundesliga. Es ist Strategie und Empathie zugleich. „Als Junge“, sagt Titz, sei er mit seinem Vater oft beim Training in Mannheim gewesen, „da habe ich auch gehofft, dass die Spieler sich Zeit für mich nehmen. Das habe ich nicht vergessen.“

Der 47-Jährige dreht die Usancen der in ihrer vermeintlichen Professionalität hinter Schutzfolien gefangenen Branche gerade auf links. Es geht ihm auch um Nähe und Unmittelbarkeit. Es weht ein Hauch unverbrauchten Kreisligaklimas durch den Volkspark. Am Morgen hat Titz ein selbstgemaltes Bild von seiner Tochter auf den Frühstückstisch gelegt bekommen: „Der beste Papa der Welt.“ Er erzählt das später den Journalisten. Und er berichtet, dass er nach dem 0:3 in Frankfurt in viele leere Gesichter geschaut hat. Da spürte er, dass er Hilfe braucht. Aufbauhilfe von den Fans. „Die Mannschaft einzuschließen und zu meinen, dass ich der alleinige Heilsbringer sein kann – das will ich mir nicht anmaßen.“ Also hat er einfach alle eingeladen. „Wir sind ein Verein, dem es sehr gut tut, dass er das gemeinschaftlich angeht.“ Nach dem Training haben sie sich gegenseitig mit neuer Hoffnung aufgepumpt: Die Fans von den Spielern und dem Trainer und andersherum. Man sieht in viele fröhliche Gesichter.

Die Oberen, Präsident Bernd Hoffmann und der einzig verbliebene Vorstand Frank Wettstein, haben verstanden. Eilig geben sie bekannt, dass Titz auch für den Fall des Abstiegs bleiben darf. Man wird dann noch sehen, wie sehr diese Entscheidung von Überzeugung getrieben worden ist und wie viel von Populismus.

Dieter Matz wird am Samstag nicht im Stadion sein, er schaut das Spiel lieber daheim in Norderstedt mit seiner Frau Helga auf Sky und rechnet mit dem Abstieg: „Da weint mein Herz.“

Sie nennen ihn in Hamburg einen „Kult-reporter“. 35 Jahre lang hatte der 69-Jährige eine Pressekarte für den HSV, er ist ein Mann der alten Schule, war als „Abendblatt“-Mann immer nah dran an den Spielern und kann wunderbare Storys erzählen. Zum Beispiel die, als der kleine „Didi“ 1958 sein erstes HSV-Spiel erlebte: Oberliga Nord auf Hartplatz, ein 4:1-Sieg bei Bergedorf 85. Oder die Geschichte aus dem Mai 1983 in der Kabine am alten HSV-Trainingsgelände am Ochsenzoll, als er aus dem Europapokal trinken durfte, und dann noch die Lottorunde mit dem Stammtisch in der „Kupferpfanne“, zu der auch Felix Magath gehörte, als sie mit fünf Richtigen 22 000 Mark gewann.

Das waren noch Zeiten. Matz ist mit allen Ehemaligen auf Du und Du und hat nach seiner Pensionierung auf 450-Euro-Basis als „Legenden-Betreuer“ für den HSV gearbeitet, Im Klubmagazin zwei Seiten vollgeschrieben, Interviews zur Unterhaltung der Logenbesucher geführt, den Geburtstagskalender gepflegt und mit Blumensträußen Hausbesuche gemacht. „Der HSV wusste das dann nicht mehr zu würdigen“, erzählt Matz betrübt. „Die Alten weinen alle!“ An seinem 70. Geburtstag, am 24. September, erscheint sein HSV-Buch „Matz ab“.

Am Tag nach dem knappen Wahlsieg von Bernd Hoffmann Mitte Februar ist Matz mit einem Einschreibebrief zum Postamt gegangen. Seine Austrittserklärung aus dem HSV hat er mit einem einzigen Satz ergänzt: „Im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern kann ich nicht vergessen.“

Hoffmann, findet Dieter Matz, habe in dessen Amtszeit von 2003 bis 2011 aus dem HSV „einen An- und Verkaufsladen gemacht“. Er ist skeptisch, dass es jetzt besser wird. Er ist zu oft enttäuscht worden. Und er versteht nicht, warum HSV-Trainer immer wieder mit langfristigen Verträgen ausgestattet werden, wo doch jeder wisse: „Das Verfallsdatum eines HSV-Trainers ist nach einem halben Jahr erreicht.“ Seit Angela Merkel Bundeskanzlerin ist, gab es 19 Cheftrainer beim Hamburger SV. 

Vielleicht schafft es Christian Titz, die unheilige Statistik zu brechen. Er taugt selbst dann nicht als Gesicht des Abstiegs, wenn die berühmteste Stadionuhr der Republik für immer abgestellt werden müsste. Es gibt Gerüchte, eine Gruppe Ultras würde die digitale Anlage an der Tribüne noch mit Schlusspfiff demontieren wollen. Die Polizei fährt mit Wasserwerfern hinterm Volksparkstadion auf. Niemand weiß, was passieren wird, wenn nach 55 Jahren Bundesliga eins tatsächlich erstmals alles vorbei ist. Ein paar Sicherungen dürften wohl durchbrennen. 
Am Wochenende findet in der stolzen Hansestadt der Hafengeburtstag statt. Zum 829. Mal. Auf dem Spielbudenplatz wird Grand-Prix-Party gefeiert. Hamburg zählt mehr Touristen denn je.

Hamburg brummt. Das neue Wahrzeichen, die Elbphilharmonie, ist stets ausverkauft, die Musicaltheater, Clubs und Kneipen an der Reeperbahn laufen wie geschmiert. Bei 14 Millionen Übernachtungen würde ein ruhmloser Abstieg des HSV nach Berechnungen der Hotelbranche nur 0,35 Promille Rückgang ausmachen. In Hamburg würde das Leben nicht stillstehen, wenn es diesmal nicht reicht zum Klassenerhalt. Hamburg braucht den HSV nicht als gesellschaftlichen Klebstoff in der ersten Liga. Es ist ja nur Fußball. 

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