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Tor oder nicht Tor? Foul oder nicht Foul? Tobias Welz wirft einen Blick auf den Bildschirm.

Kommentar Videobeweis

Die neuen Wutbürger

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Trägheit im Keller und Tumulte auf dem Platz. Der Videobeweis erhitzt auch weiter die Gemüter. Ein Kommentar.

Die besonderen Ausprägungen des Wutbürgertums kennen wir seit Jahren. Es gibt sie in abnehmender Zahl in Stuttgart anlässlich des Hauptbahnhofprojekts Stuttgart 21, wir sahen und hörten sie mit ganz anderer Motivation auf den Straßen von Chemnitz und Dresden – und mittlerweile hat sich der gemeine Wutbürger bis in die Fußball-Bundesliga vorangearbeitet. Derzeit hört er auf die Namen Horst Heldt und Fredi Bobic. Schuld am aktuellen Wutbürgertum ist mal wieder der DFB, der das Pech hat, für unpopuläre Bereiche wie die Nationalmannschaft, die Sportgerichtsbarkeit und das Schiedsrichterwesen verantwortlich zu sein. Zu letzterem gehört der eingehend getestete und für gut befundene Video Assistent Referee (VAR), zu deutsch: Videobeweis,

 Seit der kluge Mediziner Jochen Drees seine Praxis in Münster-Sarmsheim bei Bingen aufgab, um dem komplizierten Videoprojekt zu Beginn dieser Saison hauptverantwortlich eine dringend notwendige Therapie angedeihen zu lassen, ist manches besser geworden. Fast schien es schon so, als könne der Videoassistent die Akzeptanz bekommen, die er im Namen der Gerechtigkeit verdient haben sollte. Drees selbst galt als Vorzeige-Videoassistent, der praktisch keine Fehler machte. Sein unschätzbarer Vorteil: Er ist im Sommer 2017 über die Altersgrenze für Einsätze auf dem Rasen gehüpft und seitdem ausnahmslos im Kölner Keller vor dem Bildschirm tätig.

Ein Strafstoß zu wenig, einer zu viel

Dort sieht das so geschulte Auge offenbar mehr. Aktuell ist es aber so, dass die deutschen Eliteschiedsrichter abwechselnd auf dem Platz, als vierter Offizieller und als Videoassistent eingesetzt werden. Beim Frankfurter Spiel in Berlin war Bibiana Steinhaus für den Job am Bildschirm zuständig. Als der Berliner Marko Grujic sich „wie ein Koalabär“ (Sky-Experte Didi Hamann) im Strafraum an den einschussbereiten Frankfurter Luka Jovic hing und Schiedsrichter Daniel Schlager die Begebenheit nicht ahndete, herrschte Handlungsbedarf. Steinhaus hätte helfen müssen. Sie tat es nicht. So kam in Berlin ein Strafstoß zu wenig zustande.

 In Mainz wurde es zwei Tage später ein Elfmeter zu viel, Patrick Ittrich hätte dem Unparteiischen Robert Hartmann unbedingt mitteilen müssen, dass es keinen erkennbar nachhaltigen Grund für den Sturz des Mainzers Mateta im Hannoveraner Strafraum gegeben hatte. Die Strafstoßentscheidung war schlicht falsch. Die Beweisführung durch den Videoassistenten hätten Freund und Feind und das ganze Fußballland nachvollziehen können. Stattdessen: Trägheit im Keller, Tumulte auf dem Platz und zwei neue berühmte Wutbürger.

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