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Harry Kane grätscht England in die Finalrunde der Nations League.

England

Neue Zuversicht in England

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Das englische Nationalteam hat mit erfrischendem Fußball die Gunst der Fans zurückgewonnen.

Das Londoner Wembley-Stadion, diese riesige Pilgerstätte des englischen Fußballs, kann sich manchmal bedrückend leblos anfühlen. Es ist etwas mehr als ein Jahr her, dass die Fans der heimischen Nationalmannschaft sich bei drögen WM-Qualifikationsspielen gegen die Slowakei oder Slowenien die Zeit damit vertrieben, die Stadionzeitung zu Papierfliegern zu verarbeiten und sie zu Hunderten auf den Rasen niedergehen zu lassen, als Maßnahme gegen die Langweile. Die Geräuschkulisse wurde nicht etwa von Gesängen oder Anfeuerungen dominiert, sondern bestand aus einem unbeteiligten und konstanten Gemurmel. Schon weit vor dem Ende der 90 Minuten setzte eine Massenflucht ein. Es war den Menschen wichtiger, die U-Bahn in die Innenstadt zu bekommen als den Abpfiff zu erleben. Die Spieler drehten nach dem Schlusspfiff ihre Ehrenrunde in einem weitgehend verlassenen Stadion und winkten in Richtung leerer Ränge.

Es ist die wohl größte Leistung von Englands Nationalmannschaft in diesem bewegten Jahr, dass sich die Stimmung gewandelt hat. Beim abschließenden Gruppenspiel in der Nations League gegen Kroatien wurden im Luftraum im Nordwesten Londons keine Papierflieger gesichtet, niemand verließ die Arena vor dem Abpfiff, und die Fans wurden belohnt für ihre Geduld durch den 2:1-Erfolg dank später Treffer durch den eingewechselten Jesse Lingard von Manchester United und Kapitän Harry Kane von Tottenham Hotspur. Der Sieg bringt England einen Platz in der Endrunde im kommenden Juni in Portugal ein. Nach Ende des Spiels dröhnte „Football’s coming home“ über die Lautsprecher. Es ist das Lied, das die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft im Sommer in Russland bis ins Halbfinale begleitet hat. „Ich kann mich nicht erinnern, dass sich das Wembley-Stadion in den vergangenen Jahren so angefühlt hat wie heute“, freute sich Trainer Southgate und meinte damit: so gut, so begeistert. Er sprach davon, dass „die Verbindung mit den Fans“ aus seiner Sicht „die erfreulichste Sache“ in 2018 war.

Der junge Trainer Southgate und sein junges Team haben dem Land Hoffnung darauf gemacht, dass die Nationalelf eine goldene Zukunft haben könnte. Sie haben es geschafft, die Nation, die sich so sehr nach der ersten Trophäe seit der WM 1966 sehnt, wieder für das Team zu begeistern. Es ist wichtig, dieses Momentum mit ins neue Jahre zu nehmen“, sagte Kapitän und Siegtorschütze Kane.

Southgate ändert das System

Im November 2018 herrscht um die englische Nationalelf eine kaum gekannte Zuversicht, die nicht mit der Überheblichkeit oder der Arroganz der vergangenen Jahre zu verwechseln ist. Zu der hoffnungsfrohen Stimmung hat neben der erfrischenden Spielweise auch eine Öffnung für die Öffentlichkeit beigetragen. Dass zum Beispiel ein Profi wie Tottenhams Danny Rose vor der WM über seine Probleme mit Depressionen Auskunft gibt, wäre in den vergangenen Jahren ebenso undenkbar gewesen wie die schon jetzt legendären Duelle an der Dartscheibe zwischen Spielern und Reportern im Team-Quartier in Repino bei St. Petersburg. Die Nationalspieler zeigen sich neuerdings auch als Menschen, was es einfacher macht, sich mit ihnen zu identifizieren.

Auf dem Rasen entwickelt sich die Mannschaft konstant weiter. Southgate hat nach der WM sein System umgestellt, von einer Formation mit einer Dreier-Abwehr und zwei Stürmern auf ein 4-3-3 wie es zum Beispiel auch Manchester City und der FC Liverpool praktizieren. Bei der WM wurde noch beklagt, dass es den Engländern nicht gelingt, ein Spiel fußballerisch zu dominieren. Es fehlte an Kreativität, die Tore kamen vor allem durch Standardsituationen zustande. Beim Sieg gegen Kroatien war Southgates Team die bessere Mannschaft, hätte schon in der ersten Halbzeit in Führung gehen können und ließ sich auch durch den Rückstand durch den Hoffenheimer Andrej Kramaric nicht aus dem Tritt bringen. Mit den Einwechselungen des Dortmunders Jadon Sancho und Lingard konnte der Trainer noch spät Impulse von der Bank setzen.

Zur Ironie dieses Erfolgs gehört, dass die beiden Treffer auf Standardsituationen zurück gingen, wieder einmal. Lingards 1:1 fiel nach einem langen Einwurf von Joe Gomez vom FC Liverpool, die Vorbereitung zu Kanes 2:1 kam per Freistoß von Ben Chilwell von Leicester City. „Es ist gut, alle Werkzeuge im Arsenal zu haben“, sagte Southgate gut gelaunt. Er hatte nach dem positiven Jahresabschluss keine Lust, über Englands Abhängigkeit von Standardsituationen zu debattieren, also lachte er das Thema einfach weg.

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