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Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), will die Bundesliga zum digitalen Vorreiter machen.

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Die Bundesligavereine dienen als Anker für die Menschen, aber die Profifußballer sollten aufpassen, nicht noch mehr abzuheben und vielleicht keine Goldenen Steaks essen.

Träumt davon nicht jeder Trainer und Fan? Noch während eines Bundesligaspiels Vorhersagen in Echtzeit über die Torerzielung zu machen. So genannte Expected Goals sind zu einem Zauberwort der Taktik-Nerds geworden. Derlei Prognosen soll bald jeder Fan aufrufen können. Nur eine Live-Übertragung im Free-TV, wie sie zur Rückrunden-Eröffnung zwischen Schalke und Gladbach angeboten wird, reicht nicht mehr aus. Christian Seifert, Chef der Deutschen Fußball Liga (DFL), will die Bundesliga zum digitalen Vorreiter machen. Für den Sport und die Medien. Mit Machine Learning und künstlicher Intelligenz im Portfolio.

Aber bezieht der Fußball nicht seinen Reiz daraus, dass er so herrlich einfach ist? Und es schlicht nicht viel benötigt, um zu spielen. Vielleicht ist es ja das, was im neuen Jahrzehnt verbunden werden muss, um für den Nachwuchs attraktiv zu bleiben: Die vielerorts verloren gegangene Bolzplatzmentalität neu wecken und gleichzeitig den Fußball in den neuen Medien anders entdecken. Nur jeweils das eine oder andere wird isoliert für sich auf Dauer nicht ausreichen. Als Seifert auf dem DFL-Neujahrsempfang sagte, dass bis 2025 – dem Ende des nächsten Fernsehvertrags – nahezu alle deutschen Haushalte über hochleistungsfähiges Breitbandinternet verfügen – damit Fußballübertragungen von Dazn oder anderen Streamingdiensten zu empfangen sind – dürfte sich manch einer aus dem ländlichen Raum gedacht haben: Hat uns die Politik nicht das schon 2010 versprochen?

Dass sich das Konsumverhalten der Fußball-Interessierten hierzulande rapide ändert, steht mal fest. Dass die Vereine sogar noch stärker als Anker für die Menschen dienen, weil ihre Umgebung immer komplexer wird, davon ist auszugehen. Nicht ganz sicher ist, ob sie auch bereit sind, immer mehr dafür zu bezahlen.

Seriöses Auftreten wäre daher angesagt. Wenn aber Dortmunds Superdribbler Jadon Sancho den geballten Luxus seines Winterurlaubs in Dubai öffentlich auslebt und goldene Steaks verzehrt, ist das eine gefährliche Gratwanderung. Wenn sich mit jeder Steigerung in den Fernsehverträgen nur die Gehaltsspirale dreht und die Protagonisten immer abgehobener wirken, könnte die Akzeptanz schneller schwinden als den Liga-Oberen lieb ist. Zumal, wenn bald im Zuge eines postulierten klimafreundlichen Umbaus der Gesellschaft in vielen Lebensbereichen zu Verzicht geraten wird.

Standort Bremen in Gefahr

Wenn allerdings die Gegenleistung stimmt und das Konzept schlüssig wirkt, wird auch bei hohem Finanzaufwand nicht gemeckert: zu besichtigen am Beispiel RB Leipzig. Ginge die Schale erstmals an das 2009 erschaffene Red-Bull-Konstrukt, wäre das nur die logische Folge einer nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung, dass Unternehmen und Mäzene ungeachtet der 50+1-Regel kräftig mitmischen. Dass sich gleichzeitig der Gegenentwurf, Aufsteiger Union Berlin, mit einem ganz anderen Weg anschickt, erstklassig zu bleiben, macht das Liga-Leben bunter.

Andere Vereine stehen deshalb unter Druck. Werder Bremen gibt die negative Überraschung der Hinrunde. Einem Verein, der auf gesundes Wirtschaften, familiäres Ambiente, hohe Identifikation und soziale Verantwortung größten Wert legt, droht die Zweitklassigkeit. Sollte der Hamburger SV abermals den Aufstieg verpassen, könnte der Norden, abgesehen vom VfL Wolfsburg, zum Bundesliga-Niemandsland verkommen. Eine Bundesliga ohne Werder und HSV, Eintracht Braunschweig oder Hannover 96 – das hätten sich die Gründungsväter wohl nie träumen lassen. Aber damals, 1963, hätte bei Begriffen wie Expected Goals auch nur jeder verwirrt den Kopf geschüttelt.

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