1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Neue Wege beim HSV

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Christian Titz bringt neuen Schwung in die Hansestadt.
Christian Titz bringt neuen Schwung in die Hansestadt. © rtr

In der Sprache der Betriebswirtschaft spricht man bei Umwälzungen, wie sie derzeit der HSV durchmacht, von einem Change-Management-Prozess. Ein Kommentar.

So ein bisschen mutet das, was der zuvor allenfalls Fußballfachliteratur-Nerds und Kennern der Amateurszene bekannte Christian Titz beim Hamburger SV angestellt hat, an wie das, was Jürgen Klinsmann vor 14 Jahren beim DFB tat: eine Radikalreform mit einem völlig veränderten Ansatz, mit neuem Personal viel offensiveren Fußball zu spielen. Klinsmann sorgte seinerzeit dafür, dass Didi Hamann und Christian Wörns schneller aufs internationale Altenteil geschoben wurden, als denen lieb war, er sortierte zudem Kevin Kuranyi unmittelbar vor der WM 2006 aus – Titz hat Mergim Mavraj und Sejad Salihovic, Dennis Diekmeier und Sven Schipplock ins zweite und dritte Glied abgeschoben.

Auf den Spuren von Jürgen Klinsmann

Klinsmann brachte junge Dachse wie Per Mertesacker (groß) und David Odonkor (klein) heraus, Titz befördert Matti Steinmann, der eigentlich bald auf Lehramt studieren wollte, zum zentralen Umschaltspieler, und einen wie den mehrfach gescheiterten Mohamed Gouaida, der sogar in Dänemark beim Probetraining durchgefallen war, den vermeintlich unbelehrbaren Luca Waldschmidt und den Teenager Stephan Ambrosius in die Startelf. Klinsmann setzte den Titanen Oliver Kahn auf die Bank, weil der schlechter mit dem Ball am Fuß war als Jens Lehmann, Titz macht das ähnlich mit Christian Mathenia und Julian Pollersbeck, der im fürwahr revolutionären Titz-System im Aufbauspiel wie ein Mittelfeldspieler agiert und bis nahe an die Mittellinie aufrückt. Eine extrem mutige und gleichsam risikoreiche Strategie, dank der der HSV einen Spieler mehr auf dem Feld hat und sich so völlig neue Räume erobert. In der Sprache der Betriebswirtschaft spricht man bei derartigen Klinsmann-Titz-Umwälzungen von einem Change-Management-Prozess. Klinsmann hat sich damit seinerzeit gewiss nicht nur Freunde gemacht, dafür gab es schlicht zu viele Opfer, genau wie unter Titz in Hamburg. Aber beide Querdenker haben die Fans zurückgewonnen und den Anhängern dicke Portionen neuen Mut und Freude verabreicht. Unter Titz fühlen sich Fußballspieler wie Aaron Hunt und Lewis Holtby, die der HSV eigentlich liebend gerne loswerden wollte, plötzlich wieder wohl, weil der Ball flach durch die Reihen läuft und nicht mehr hemmungslos hoch und weit nach vorne gebolzt wird. Entsprechend kann einer wie Hunt nun sogar Mittelstürmer spielen und die „falsche Neun“ so hochmodern interpretieren, dass selbst schlachterprobte Schalker Abwehrspieler dem geordneten Hamburger Chaos nicht mehr Herr werden. Ebenso plötzlich wie unerwartet ist der alte Dino nun gar kein vollkommen logischer Absteiger mehr, sondern ein ambitionierter Verfolger von Mainz 05 auf dem Relegationsplatz. Und selbst für den nach wie vor wahrscheinlichen Fall, dass der HSV die gerechte Strafe für jahrelanges mitunter hanebüchenes Missmanagement im Mai dann endlich erhalten würde, wäre der Abstieg nicht ganz so ruhmlos, wie ihn desillusionierte HSV-Fans noch vor drei Wochen als unausweichlich empfunden haben.

Auch interessant

Kommentare