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Vergangene Saison noch zweitklassig für den Hamburger SV am Ball, nun Stammspieler bei Zenit: der Brasilianer Douglas Santos (li.).

Zenit

Der neue Machtanspruch

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St. Petersburg entwickelt sich mit staatlichem Segen zum Epizentrum des russischen Fußballs.

Fast unwirklich mutet das Pastelllicht in den berühmten Weißen Nächten von St. Petersburg an. Jeden Sommer kommen die Touristen in Heerscharen dafür in die Fünf-Millionen-Metropole, um das einmalige Naturschauspiel an der Mündung der Newa in die Ostsee zu erleben. Die Besucher müssen nur aufpassen, dass sie wegen der in der Nacht wechselweise aufgeklappten Brücke rechtzeitig den Rückweg antreten – sonst kann eine Taxifahrt sündhaft teuer werden. Aber auch eine solche Tour kann sich lohnen, um den facettenreichen Charakter einer Stadt zu begreifen, die in einer wechselvollen Geschichte schon katastrophale Krisen und enorme Höhenflüge durchgemacht hat. Das jüngste Hochgefühl spielt sich im Fußball ab. Denn wann war die Brust bei Zenit St. Petersburg in jüngster Zeit breiter?

Zum heutigen Auswärtsspiel in der Champions League bei RB Leipzig (18.55 Uhr) reist Zenit nach einem 6:1-Sieg im Spitzenspiel gegen FK Rostow als Tabellenführer der heimischen Liga an. Und die Gruppe G der Königsklasse führt Zenit nach einem 1:1 bei Olympique Lyon und 3:1 gegen Benfica Lissabon auch an. Es läuft gerade in der nicht nur mit russischen Nationalspielern gespickten Mannschaft, die vom ehemaligen russischen Nationalspieler Sergej Semak gecoacht wird, der gleich in seiner ersten Saison die Meisterschaft gewann.

Drei Jahre nacheinander war der Verein nur in der Europa League vertreten, scheiterte im März 2018 im Achtelfinale am heutigen Gegner Leipzig (1:1, 1:2). Doch längst strahlt Zenit im neuen Glanz. Auch dank zweier im Sommer transferierter Brasilianer: Vom FC Barcelona kam Rechtsaußen Malcolm, vom Hamburger SV Linksverteidiger Douglas Santos. Eine bekannte Figur ist zudem Mittelstürmer Artom Dzyuba, der mit seinen von militärischen Grüßen begleiteten Treffern für den WM-Gastgeber Russland 2018 auffiel. Der Torjäger bildet mit dem iranischen Nationalspieler Sardar Azmoun den gefährlichen Doppelsturm.

Wie ohnehin der Lieblingsklub von Wladimir Putin ganz auf Angriff gepolt ist, was nur mit staatlicher und politischer Billigung funktioniert. Die russischen Vereine sind auf Oligarchen oder Staatskonzerne angewiesen, und einen Vorteil muss es ja haben, dass der russische Staatspräsident aus der Zarenstadt stammt. Der Energieriese Gazprom, der sich auch als Premiumpartner und Sponsor der Uefa ins Zeug legt, alimentiert Zenit seit vielen Jahren großzügig.

Teuerstes Stadion in Europa

Sonst hätte nicht Dietmar Beiersdorfer als Sportdirektor bereits 2012 sagenhaft anmutende Deals mit dem brasilianischen Nationalstürmer Hulk und dem heutigen Dortmunder Axel Witsel tätigen können. Der Belgier Witsel kostete schon vor sieben Jahren 40 Millionen Euro Ablöse und spielte in seinen viereinhalb Jahre noch im alten Kirow-Stadion. Mittlerweiler trägt das Team seine Heimspiele in einer der spektakulärsten und teuersten Arenen Europas aus. Der Fußballtempel scheint sich an den alten Baumeistern der Zarenstadt zu orientieren: Die Arena für allerhöchste Ansprüche mit Platz für 67 000 Zuschauer passt zu den Dimensionen, die vom gewaltigen Schlossplatz oder den großen Sälen der Eremitage vermittelt werden.

„Bei der langen Bauzeit muss man die klimatischen Bedingungen und technischen Gegebenheiten berücksichtigen“, sagt der Russland-Kenner Andreas Herren aus der Schweiz, der die WM-Bewerbung für das russische Organisationskomitee begleitet hatte. Dank des verschließbaren Daches sind Veranstaltungen aller Art ganzjährig bei angenehmen Temperaturen im Stadion möglich. Hier haben sieben Spiele bei der Weltmeisterschaft 2018 stattgefunden, das EM-Qualifikationsspiel Russland gegen Belgien am 16. November wird hier ausgetragen.

Und nicht zuletzt gehört St. Petersburg zu den Spielorten der paneuropäischen EM 2020. Danach findet 2021 sogar das Champions-League-Finale in dem Prachtbau auf der Krestovsky-Insel statt. „Das Anliegen war von Anfang an, eine nachhaltige Investition zu tätigen“, erklärt Herren. Keine Frage, St. Petersburg ist zum Epizentrum des russischen Fußballs aufgestiegen. Das Konkurrenzdenken gegenüber der Kapitale Moskau ist hier verbürgt, deren Bewohner die einstige Zentrale des Riesenreiches längst für fortschrittlicher, moderner, offener und auch hipper halten. Nicht nur in Zeiten der Sommersonnenwende.

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