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Die Sieger landen auf dem Frankfurter Flughafen.

Nationalmannschaft

Neue Helden und ein Warnsignal

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Nicht alle mögen in das vielfach gesungene Hohelied auf den jungen deutschen Fußball vorbehaltlos mit einstimmen.

Kein dickbäuchiger Siegerflieger war von der Lufthansa nach St. Petersburg geschickt worden. Stattdessen landete um 11.53 Uhr ein schlichter, noch nicht einmal auf einen Namen getaufter Airbus A 321 mit der Mannschaft an Bord in Frankfurt. Dann umarmten sie sich noch kurz auf dem Rollfeld, und dann waren sie schon weg.

Es war eine kurze Nacht gewesen nach dem 1:0 (1:0) im Finale des Confederations Cup gegen Chile, die meisten Spieler waren im Partyviertel von St. Petersburg noch ausgegangen. Schon in der Kabine hatte es Bier und Sekt gegeben. Joshua Kimmich und Emre Can, die Feierbiester unter den neuen Helden, hatten die Kollegen zuvor in die Räumlichkeiten geführt, in denen Joachim Löw gerade vor der internationalen Presse zur Turnieranalyse ansetzen wollte. Es gab eine kostenlose Bierdusche für den Bundestrainer, der den Zwischenfall amüsiert zur Kenntnis nahm. Dann sprach der 57-Jährige, der normalerweise nicht zu Überschwang neigt, große Worte. Löw ordnete den Titelgewinn nach zwei Wochen lustigem Konfetti Cup irgendwo zwischen Mauerfall und Sommermärchen ein: „Dass es gerade diese Jungen geschafft haben, diesen Titel zu gewinnen, ist etwas Historisches und Einmaliges in der deutschen Geschichte.“

Man sollte es dem Bundes-Jogi nachsehen, damit in der Hochstimmung des Moments ein wenig dick aufgetragen zu haben. In Wahrheit hat er die freudvolle Angelegenheit ja längst auf Confed-Cup-Niveau eingeordnet, also tiefer gehängt, wenngleich er die Wertschätzung für seine Männer nochmals verbal dick unterstrich: „Ich finde es herausragend, dass Spieler mit so wenig internationaler Erfahrung, mit so wenig Finalteilnahmen auf diesem höchsten Niveau mit dieser Nervenbelastung umgehen konnten.“ Ein internationaler Niemand wie Sebastian Rudy etwa präsentierte eindrucksvoll, weshalb die Bayern ihn nicht nur deshalb aus Hoffenheim verpflichtet haben, um das Trainingsniveau zu heben.

Rudy gehörte gemeinsam mit Joshua Kimmich und Julian Draxler in sämtlichen fünf Partien des Confed-Cups zur deutschen Startelf. Bei Kimmich und Draxler, zuvor schon Stammkräfte bei der EM 2016, war das genauso erwartet worden, im Fall von Rudy, vor dem Kontinentalturnier vor einem Jahr noch von Löw in letzter Minute aussortiert, hatten das allenfalls Phantasten vorhersagen können. Rudy gehörte zu den Jackpotsiegern des Russland-Trips – gemeinsam mit Timo Werner, dem Gewinner des Goldenen Schuhs als bester Torschütze, dem ebenfalls dreifachen Turnier-Torschützen Lars Stindl und Leon Goretzka, dem Dritten der Wahl zum Besten Turnierspieler hinter Draxler und dem Chilenen Alexis Sanchez.

Die Stars sind mitunter nur noch Staffage

Die jungen Kerle hätten nach ihrem Triumph ein wenig mehr Fanfürsorge verdient gehabt, als ihnen am Sonntagabend in der monströsen Arena von St. Petersburg beschieden wurde. Nach dem obligatorischen Konfettiregen fand die Ehrenrunde vor nahezu leeren Rängen statt, derweil vom Feuerwerk auf einer nahegelegenen Autobahnbrücke im Stadion nur Donnerhall zu vernehmen war. So ist das im modernen Fifa-Showgeschäft. Die Stars sind mitunter nur noch Staffage für bunte Bilder, die um die Welt gehen sollen und vor Ort gar nicht wahrgenommen werden können.

Auf Feierlichkeiten nach der Rückkehr hatte der DFB schon im Vorfeld getrost verzichtet. Weniger, weil ein Sieg beim Confederations Cup nicht insgeheim doch erwartet worden wäre, als vielmehr aus dem schlichten Grund, dass alle miteinander nur noch nach Hause wollten. Bäder in der Menge sollen 2018 in dann freilich etwas anderer Personalkonstellation folgen. Die wilden Kerle aus dem Sommer 2017 haben sich jedenfalls schon mal durchs Unterholz vorgepirscht und werden den einen oder anderen Platzhirschen das Revier streitig machen. „Die Trainer haben jeden einzelnen auf dem Schirm“, erläuterte Shkodran Mustafi, der als Alkohol-Abstinenzler folgerichtig nüchtern und als Erster die Kabine verließ, „so war es auch bei mir damals bei der WM. Mich hatte ja auch niemand auf dem Schirm, außer der Trainer.“ Und, nun ja, so ehrlich war der Nordhesse Mustafi dann gern: Im Vergleich zum großen Wurf 2014 sei so ein Confed-Cup schon eine spürbar kleinere Nummer, wiewohl: „Wenn man einmal Blut geleckt hat, schmeckt jeder Titel.“

Diese Leckerei, garniert mit einem 15 Kilo schweren Goldpokal, der im Flugzeug herumgereicht wurde wie ein Kronjuwel, wollten sie sich keinesfalls entgehen lassen. Besonders Jo Kimmich präsentierte sich dabei als Vielfraß, der keinem Scharmützel mit den Chilenen aus dem Wege ging, auch und erst recht nicht mit seinem Teamkameraden Arturo Vidal, dem Fußball-Krieger. „Wir haben hinten raus brutal dagegen gehalten“, sagte Kimmich und dachte dabei bestimmt auch an sich, „da hat man gesehen, was für eine geile Truppe hier zusammengewachsen ist.“

Tatsächlich präsentiert diese geile Truppe schon wieder eine neue, ganz andere Generation Jungprofis, die Generation nach den hochtalentierten, aber anfälligen Marco Reus, Mario Götze, André Schürrle – und Jo Kimmich ist mit seiner positiven Art des Antreibers, mit seiner geradezu lustvollen Widerborstigkeit und unkomplizierten Freundlichkeit ein wunderbarer Protagonist dieses neuen Typus. Der Bayer geht auf allen Feldern furchtlos voran: Beim Fußball und beim Feiern.

„Wir haben keine 50 Spieler von Weltformat“

Auch DFB-Boss Reinhard Grindel hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen, mit einer kleinen Entourage in der Kabine offizielle Glückwünsche zu überbringen und durch Generalsekretär Friedrich Curtius die baldige Überweisung der Siegprämie von 50 000 Euro pro Profi bestätigen zu lassen. Danach trug Grundel seine Sicht der Dinge mit Blick auf die WM 2018 vor: „Wir haben jetzt die Chance, mit einer Mischung aus Erfahrung und der jungen Dynamik einen ganz starken Kader zusammenzustellen“, sagte er in größtmöglich staatstragender Manier und vergaß dann nicht, sich vor den Vereinen zu verbeugen: „Ein toller Erfolg auch für die Bundesliga und der Arbeit der Nachwuchsleistungszentren.“ Da hat einer die Kräfteverhältnisse im deutschen Profifußball akzeptiert.

Auf dem Rückflug trug es sich dann allerdings noch zu, dass Chefscout Urs Siegenthaler von interessierten Leuten aus Reihe 34 d das Wort geschenkt bekam. Der Schweizer zierte sich zunächst, konnte dann aber doch nicht an sich halten und mochte in die allgemeinen, auch von Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann dirigierten Jubelhymnen für den jungen deutschen Fußball nicht selig mit einstimmen. Von Siegenthaler fielen Sätze wie: „Es wird brutal schwer“ oder „Die anderen Nationen sind extrem gewarnt“, ferner „Wir müssen scharf aufpassen“ und schließlich: „Wir haben keine 50 Spieler von Weltformat.“ Die Stoßrichtung ist offenkundig: Siegenthaler, einer der wichtigsten Ratgeber von Joachim Löw, fürchtet einen Aggregatzustand der Selbstzufriedenheit. Dann ging es in den Sinkflug, und der Mann mit der imaginären Warnweste musste zurück auf seinen Platz.

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