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Der neue Feind der Spieler ist nun nicht mehr ein fremdes Virus, sondern die eigene Muskulatur.

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Der neue Feind

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Der größere Gefahr der Bundesligaprofis ist nun nicht mehr ein fremdes Virus, sondern die eigene Muskulatur. Der Kommentar.

Für eine Menge Menschen im Land fühlt es sich falsch an, dass Kitas noch im Minimalbetrieb arbeiten, während die Fußball-Bundesliga schon hochgefahren wird. Das ist emotional nachvollziehbar, und doch, mal ganz ohne Gefühligkeit im moralischen Dilemma: Es hilft keinem Kind und keinem Elternpaar, wenn NICHT Geisterfußball gespielt wird. Das eine hat mit dem anderen schlicht nichts zu tun. Zumal das Gesundheitskonzept der Deutschen Fußball-Liga nach allem, was Virologen derzeit wissen, durch eng getaktete Testungen eine Ansteckungsmininimierung nahe null verspricht.

Gesundheitsschädlich und somit rücksichtslos gegenüber wochenlang heruntergetunten Bundesligaprofis ist allerdings der wirtschaftliche Druck, der dazu führt, dass der Re-Start in die Saison bereits in einer Woche erfolgt. Fachleute für innere Medizin haben das Anti-Corona-Konzept klug ausgetüftelt, Warnungen von Orthopäden und Unfallchirurgen haben nicht ausreichend Gehör gefunden. Das ist bedauerlich, wenn nicht gar fahrlässig. Der neue Feind der Spieler ist nun nicht mehr ein fremdes Virus, sondern die eigene Muskulatur.

Die Bundesliga hat in Zeiten des Coronavirus auch alte Freundschaften – oder darf man sogar sagen: Seilschaften? – neu belebt. Die „Bild“-Zeitung, der es in ihrem Furor gegen die vermeintliche Tumbheit der Politik gar nicht robust genug gehen konnte, bejubelt die Wiedereröffnung der Showbühne ekstatisch: „Endlich wieder Bundesliga!“ Kein anderes Medium kickte den deutschen Fußball mit auch nur annähernd vergleichbarer Vehemenz zurück in den Spielbetrieb. Dazu sind Freunde schließlich da.

So hat auch diese Allianz ihren Teil dazu beigetragen, dass das Corona-Überwindungs-Versuchsprojekt Fußball-Bundesliga weltweit gerade als Blaupause gilt. Die „New York Times“ feiert den neuen „Leithammel“ des Weltsports. Die großen europäischen Nachbarligen, alle noch im Notstopp-Zustand, schauen gebannt aufs Live-Experiment in verwaisten deutschen Fußballarenen. Das medizinische, in seiner annähernden Perfektion typisch deutsche Konzept der DFL wird in Copy-and-Paste-Manier nach England, Spanien, Italien überführt.

Die größte Virusverbreitungsgefahr geht indes nicht von den Spielfeldern aus. Sie versteckt sich nun in Wohnzimmern. Eine hygienische DFL-Vermeidungstrategie für häusliche Jubelorgien gibt es nämlich nicht. Die Geister, die der Fußball gerade ruft, bleiben befremdlich wie gefährlich.

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