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Fifa-Präsident Gianni Infantino hat viel vor mit dem Frauenfußball, aber ist das auch sinnvoll?

Expansion

Die neue Dimension

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Die achte Auflage der WM hat ungeahnten Zuspruch erfahren – fraglich ist nur, ob die Expansionspläne von Fifa-Präsident Infantino wirklich weiterhelfen.

Die Geschichte von Cameron und Harmony Gerst DeVaughn ist selbst für amerikanische Verhältnisse fast schon zu kitschig. Kennengelernt hat sich das erst seit dem Frühjahr verheiratete Paar aus Colorado nämlich bei einem Länderspiel der Männer, USA gegen Venezuela im Januar 2012. Er entdeckte sein Faible für den Fußball über die Frauen, als er beim Endspiel der WM 1999 einer von mehr als 90 000 Zuschauern war. Ihn hatte damals sein bester Kumpel an der High School, der spätere US-Nationalspieler und Bundesligaprofi Landon Donovan, mitgenommen. Er hat noch das Bild vor Augen, wie sich die US-Spielerin Brandi Chastain nach dem letzten Elfmeter das Trikot vom Leib riss.

Frisch vermählt haben sich die beiden gestern das Finale der WM 2019 im Stade de Lyon angesehen. Als Höhepunkt ihrer Hochzeitsreise. Schon beim Halbfinale gegen England (2:1) litten sie mit. Er konnte hinterher gar nicht fassen, wie sich der Frauenfußball in 20 Jahren entwickelt hat. „It’s a great game!“ Ein großartiges Spiel. Wenn solch ein Turnier sogar den Flitterwochen das besondere Flair verleiht, ist einiges passiert.

Fifa-Präsident Gianni Infantino hat die achte Auflage der Frauen-WM als „phänomenal, unglaublich, und fantastisch“ bezeichnet. Und natürlich war es für den zu Superlativen neigenden Schweizer „die beste Frauen-WM aller Zeiten“. Das trift weniger auf die Zahl der Stadionbesucher (1,16 Millionen) als bei den Fernsehzuschauern zu: weltweit wurde die Rekordmarke von einer Milliarde erreicht. Die größte Aufmerksamkeit generierte dabei das Achtelfinale Frankreich gegen Brasilien: 58,7 Millionen. Mehr als 35 Millionen in der Heimat von Marta.

Eingedenk dieser Resonanz und Wertschätzung soll die WM 2023 von 24 auf 32 Teilnehmer aufgestockt werden. Neun Länder haben Interesse angemeldet: Argentinien, Bolivien, Brasilien und Kolumbien aus Südamerika, Australien und Neuseeland, Japan und Südkorea (eventuell sogar gemeinsam mit Nordkorea), dazu Südafrika.

Bis zum 4. Oktober muss die Bewerbung offiziell werden, über die im März 2020 entschieden wird. In der Ausschreibung war zunächst nur von 24 Teilnehmern die Rede, doch so etwas hat Gianni Infantino noch nie richtig gekümmert.

Bei den Männern ist der 49-Jährige mit der handstreichartigen Erweiterung für die WM 2022 in Katar bekanntlich gescheitert, aber bei den Frauen kann man es ja mal versuchen. „Ich hoffe, dass die Council-Mitglieder mir folgen, sonst werde ich darauf bestehen.“ Ohnehin scheinen ihm die Fußballerinnen als Vehikel willkommen, um durchzudrücken, was bei den Fußballern auf Widerstand stieß: eine Klub-WM und Weltliga. Frage ist, ob nicht eine nachhaltige Entwicklung besser helfen würde.

Noch immer gibt es große Lücken an der Basis. Von den 13,3 Millionen registrierten Spielerinnen sind laut neuester Fifa-Studie die mit Abstand meisten in Nordamerika beheimatet. Allein 9,5 Millionen in den USA, 290 000 in Kanada, dann knapp 200 000 in Deutschland. In rund einem Drittel der Fifa-Mitgliedsverbände bestreiten Frauen-Nationalteams weniger als fünf Länderspiele im Jahr – oder sie existieren gar nicht erst.

In Asien oder Afrika hat die Hälfte nicht an den WM-Qualifikationsspielen teilgenommen. Infantino will für Projekte zur Förderung des Frauen- und Mädchenfußballs nun eine Milliarde Dollar für vier Jahre locker zu machen. Und auch das Preisgeld für die WM 2023 soll von 30 Millionen Dollar mindestens verdoppelt werden.

Aber ausgerechnet Megan Rapinoe, die streitbare US-Fußballerin, hat den Fifa-Boss als zweites Feindbild nach US-Präsident Donald Trump ausgemacht. Die Geringschätzung der Frauen könne doch schon daran festgemacht werden, dass am selben Tag die Männerfinals der Copa America und beim Gold Cup angesetzt seien. „Eine furchtbare Idee.“ Das Preisgeld sei auch nicht ausreichend, kritisierte die 34-Jährige, wenn die Lücke zu den Männern (440 Millionen Dollar 2022) noch größer werde.

Und überhaupt: „Wenn man es schafft, eine WM nach Katar zu vergeben, muss auch anderes möglich sein“. Ihre Attacken schienen vor dem Finale Teil einer ausgeklügelten Strategie des US-amerikanischen Fußballverbands (USSF) zu sein, der selbst noch eine Klage seiner Spielerinnen nach besserer Bezahlung behandeln muss.

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