Fußballspiele

Die neue Demut

Fußballverantwortliche gegen eilige Wiederaufnahme der Spiele.

Die Debatte um einen zeitigen Wiedereinstieg in die Fußball-Bundesliga aufgrund der Corona-Krise ist über Ostern zunehmend kritisch weitergeführt worden. Sportphilosoph Gunter Gebauer sagte in Interviews mit dem Sportinformationsdienst und der Deutschen Presse-Agentur er halte die Geisterspielpläne ab dem ersten oder zweiten Mai-Wochenende aufgrund der begrenzten Testkapazitäten „für unverhältnismäßig“.

Der Pharmakologe Fritz Sörgel kritisierte in der „FAZ“ Aussagen des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU), der erklärt hatte, dass die Bundesliga „vielleicht absehbar wieder spielen“ kann. „Das ist gefährlich. Wenn der Fußball meint, er ist unangreifbar, dann täuscht er sich – gewaltig. Laschet ist nicht Deutschland.“ Der Bremer Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) sagte der „Bild“: „Wir haben weiter die klare Vorstellung, dass in den nächsten Wochen keine größeren Versammlungen toleriert werden können. Die gesundheitlichen Risiken wären zu groß. Diese Einschätzung passt nicht mit Geisterspielen zusammen.“

Bei Sport1 ergänzte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, er könne sich Bundesligaspiele erst im Herbst wieder vorstellen, „wenn wir dann genügend Tests haben und keiner das Gefühl hat, hier wird einem etwas weggenommen“. Denn: „Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt leider nicht in der Lage, so massiv zu testen, wie wir wollten. Wenn die Menschen dann sehen, für den Fußball wird eine Extrawurst gemacht, dann gibt es Ressentiments, die auch dem Fußball nicht guttun.“ Er könne „abschätzen, dass wir in drei Wochen immer noch die Situation haben, dass wir nicht jeden testen können, der einen Test benötigen würde.“ FDP-Chef Christian Lindner schrieb dagegen im „FAZ“-Gastbeitrag: „Im Profisport wie der Bundesliga, wo es eine dichte medizinische Begleitung gibt, sollten wir den Wettbewerb ohne Publikum wieder zulassen.“

Fifa-Präsident Gianni Infantino ist skeptisch: Kein Spiel sei es wert, auch nur ein einziges Menschenleben zu riskieren, teilte der Schweizer in einer Videobotschaft mit. Es wäre mehr als unverantwortlich, die Fortsetzung von Wettbewerben zu forcieren, wenn die Situation nicht hundertprozentig sicher ist.

Ähnlich äußerte sich Präsident Dirk Zingler von Union Berlin in den eigenen Klubmedien: „Wir sollten einen Termin finden, der eine gesellschaftliche Akzeptanz hat. Die Kinder müssen erst zur Schule, und vielleicht muss auch die kleine Kneipe mit 20 Plätzen erst wieder auf, bevor wir Fußball spielen.“

Dieter Hecking, Trainer des Hamburger SV, formulierte im „Hamburger Abendblatt“ ähnlich demütig wie Infantino und Zingler: „Niemand in der Bevölkerung soll das Gefühl haben, das der Fußball einen unverantwortlichen Alleingang unternimmt.“

Interessant: Gut die Hälfte der Deutschen ist laut einer repräsentativen Infratest-Umfrage für eine Fortführung der Fußball-Bundesligen mit Spielen ohne Publikum. Die „Brot-und-Geisterspiele“-Strategie der Klubs und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) verfängt laut Philosoph Gebauer allerdings nicht als gesellschaftlicher Problemlöser: „Ich glaube nicht, dass der Sport ein Ventil ist, durch das sich Sorge entladen kann.“

In der Frankfurter DFL-Zentrale werden ohnehin bereits Vorkehrungen getroffen, sollte die Saison nicht fortgeführt werden können. Laut „FAZ“ soll die DFL über eine japanische Investmentbank einen Finanznotplan aushandeln und so Überbrückungskredite von mehreren hunderte Millionen Euro für taumelnde Klubs erhalten. Die „New York Times“ zitiert DFL-Boss Christian Seifert: „Im Moment kämpfen wir alle ums Überleben.“ Laut des Blatts verhandele die DFL mit Hedgefonds wie KKR und Apollo Global Management, um an frisches Kapital zu kommen. Seifert teilte mit, die DFL habe dafür eine internationale Bank zwischengeschaltet. Er erwarte, dass der Sommertransfermarkt kollabiere.

Laut „Bild“ sollen die Schiedsrichter regionaler eingesetzt werden, um längere Reisen zu verhindern. Auch im Kölner Videozentrum sollen Plexiglasscheiben eingezogen werden. Eine Maskenpflicht wird in Erwägung gezogen. Unterdessen geraten die Pläne für die auf 2021 verlegte EM ins Wanken. Medienberichten zufolge gibt es in mehreren Städten Probleme mit dem neuen Termin, vor allem in Bilbao und Rom, aber wegen Kollisionen mit anderen Veranstaltungen auch in Amsterdam, Glasgow, Dublin und London. (sid/dpa/jcm)

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