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Sichtlich erleichtert: Toni Kroos (links) herzt den 1:0-Torschützen Marcel Halstenberg.

Nationalmannschaft

Die neue Demut

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Mit einem mühsamen 2:0-Arbeitssieg gegen Nordirland unternimmt die deutsche Nationalmannschaft zwar einen wichtigen Schritt zur EM 2020, aber der Weg in die Weltspitze ist weiter als gedacht.

Joachim Löw sah hinterher abgekämpft aus. Möglich, dass die grelle Beleuchtung im kleinen Pressesaal des Windsor Park von Belfast ihr Übriges tat, dass der Bundestrainer nach dem 2:0-Arbeitssieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Nordirland nicht mehr ganz faltenfrei wirkte. Der Druck war noch nicht ganz abgefallen vom 59-Jährigen. Und die schlaffen Augen blickten auch nicht auf die nordirischen Heldentaten, die fast zum Händegreifen an den Wänden prangten. Etwa der in einer eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahme verewigte Moment, als Gerry Armstrong bei der WM 1982 die „Green And White Army“ zum Siegtor gegen Gastgeber Spanien schoss.

Nach der durch einen schönen Volleyschuss von Marcel Halstenberg (48.) und einen Treffer von Serge Gnabry am Ende eines schnellen Konters (90.+2) besiegelten 0:2-Heimniederlage gegen Deutschland sieht es so aus, dass Nordirland mal wieder ein großes Turnier verpasst. Eher formal handelt es sich noch um einen Dreikampf in der Gruppe C, aus der am Ende die Fußball-Großmächte Niederlande und Deutschland die Tickets zur Endrunde der EM 2020 lösen dürften. Löws Ensemble hat den Anspruch mit einem nur bedingt überzeugenden Arbeitssieg untermauert. Doch ein „souveräner Sieg“, den Ballverteiler Toni Kroos gesehen haben wollte, geht eigentlich anders.

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Zur Absicherung brauchte es einen Nationaltorwart Manuel Neuer in Topform, der beinahe schon wieder an den Weltmeister-Neuer von 2014 erinnert, weil er mit Hand, Fuß und anderen Körperteilen zur Stelle ist, wenn die Vorderleute – Kroos inklusive – mit einer zu laxen Haltung fast hanebüchene Fehler einstreuten. „Das war ein ganz wichtiges Spiel für uns“, erklärte der 33 Jahre alte Kapitän, „es war schon zu merken, dass wir unter Druck standen.“

Löw sah „sehr intensive, sehr schwierige 90 Minuten“. In den Pausen des Übersetzers wanderte der Blick fast ein bisschen orientierungslos umher, immer wieder spielte er an seinen Fingernägeln. Bei seinen Ausführungen wirkte der neuerdings bei Nikotin- und Koffeinverzicht übende Südbadener wie ein Belfast-Tourist, der im St. George’s Market nicht mehr den Ausgang findet. So überbordend dort das Angebot, so üppig die Schwankungsbreite seiner Mannschaft, die sich anfangs vor dem singenden und stampfenden Publikum den Schneid abkaufen ließ, weil die Verzahnung zwischen Mittelfeld und Angriff im 4-3-3-System nicht klappte. Erst eine veränderte Raumaufteilung führte nach der Pause zum erwarteten spielerischen Übergewicht. Unterm Strich, bilanzierte der 59-Jährige, „zählen drei Punkte in der Qualifikation, das haben wir erreicht.“

Aber: Dass seine Auswahl noch nicht so weit ist wie im Frühjahr gedacht nach einem (glücklichen) 3:2-Erfolg in den Niederlanden, dafür mehren sich die Indizien. „Der Weg in die Spitze ist kein einfaches Unterfangen. Wir haben noch einige Monate Zeit und noch einige Länderspiele. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wo wir stehen“, konstatierte Löw. Das Freundschaftsspiel gegen Argentinien (9. Oktober in Dortmund) könnte ebenso noch Fingerzeige liefern wie die letzten Qualifikationsspiele in Estland (13. Oktober), gegen Weißrussland (16. November in Mönchengladbach) und erneut Nordirland (19. November in Frankfurt/Main).

Ebenso verräterisch wie richtig war Löws Bemerkung, Holland habe drei Jahre gebraucht, um den aktuellen Leistungsstand zu erreichen: „Da müssen wir noch hinkommen.“ Das würde heißen, dass die EM 2020 für seinen Erneuerungsprozess fast zu früh kommt. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ist so klug, die Zielvorgabe trotz des Münchner Heimvorteils auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu verorten: „Ich glaube nicht, dass wir zum engsten Favoritenkreis gehören. Du kannst zum Erfolg keine Abkürzung nehmen.“ Löw sprach von „verschiedenen Faktoren“, die das Abschneiden bei einem Turnier beeinflussen würden. Aha.

Der Fußballästhet vergleicht den Neuaufbau seit einiger Zeit gerne mit den Vorarbeiten der WM 2010. Damals drängte allerdings die außergewöhnlich talentierte Özil-Khedira-Hummels-Neuer-Generation nach. Der Nachweis, dass die Werner-Kehrer-Tah-Goretzka-Jahrgänge ähnliche Anlagen fürs internationale Topniveau mitbringen, steht noch aus. Selbst der willensstarke Joshua Kimmich muss trotz aller Ansprüche erst noch zeigen, dass der er führen kann wie Philipp Lahm. Die Rückversetzung des 24-Jährigen auf die Rechtsverteidigerposition schloss Löw übrigens aus. Der Musterschüler bleibe auf der Sechs, weil er für die „Symmetrie vor der Abwehr“ sorge.

Trotzdem sah es in der familiären Hauptstadt Nordirlands mit seinen trinkfesten Bewohnern lange recht asymmetrisch aus, die Gäste waren noch viel mehr als erwartet unter Druck geraten. Erstaunlich, dass Löw beharrlich das Fehlen wie Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer, Julian Draxler, Leon Goretzka und Leroy Sané vortrug, um die Unwucht zu rechtfertigen. „Man hat in manchen Phasen gesehen, dass die Mannschaft so noch nicht zusammengespielt hat.“ Aber macht es wirklich so einen großen Unterschied, ob nun Lukas Klostermann für Kehrer, Matthias Ginter oder Jonathan Tah für Rüdiger oder Julian Brandt für Draxler spielt? Nur der am Kreuzband verletzte Sané besitzt eine Klasse mit Alleinstellungsmerkmal. Manche Argumente klangen von Trainerseite an diesem windigen Abend ein wenig vorgeschoben. Aber auch das kann ja beim Umbruch irgendwie dazugehören.

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